Mit weiblicher Feder gegen arabische Klischees

Khalid Al-Maaly übersetzt im Gedichtband „Die Flügel meines schweren Herzens“ kühne Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute

Von Christian RößlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Rößler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Heilung von der Liebe / heißt Stoßen, dass die Augen übergehen, / und Zerren an Haut und Haaren“ – so offenherzig bekennt sich Umm Ad-Dahhak Al-Muharibiya im 7. Jahrhundert zur leidenschaftlichen körperlichen Liebe. Sie schreibt diese sinnlichen Zeilen voller Schmerz, denn ihr Mann hat sie zuvor verlassen. Auf der nächsten Seite schlägt Aisha Bint Ahmed Al-Qurtubia einen ganz anderen Ton an: Stolz weist sie einen Heiratsantrag ab, mit der Begründung, sie werde doch keinen Hund auswählen, nachdem sie nicht einmal Löwen erhörte. Sie bleibt unverheiratet bis zum Tod.

So erzählt jede Seite dieses Bands alter arabischer Lyrik ihre eigene Geschichte und widerlegt so manches Klischee. Unter maurischer Herrschaft hatten arabische Frauen im ersten Jahrtausend freien Zugang zur Bildung, nahmen aktiv am intellektuellen wie künstlerischen Leben teil und waren frei in der Liebe. Das daraus hervorgegangene Selbstwertgefühl schwingt in jeder Zeile mit. Die Dichterinnen formulieren offen ihre Ansprüche an das Leben und stehen in keiner Gattung in männlichem Schatten. Offensichtlich ist der Band ein poetischer Gegenentwurf zum einseitigen Blick Europas auf die arabische Welt und ist dazu gedacht, dem Ungleichgewicht in der Beachtung und Übersetzung der weiblichen Dichtung entgegenzuwirken.

So manches Schmähgedicht gegen die Männerwelt lässt einen schmunzeln oder gar rot werden. Herzlos schikaniert Thawab Bint Abdallah Al-Handalia einen ihrer Liebhaber namentlich, der zuvor die „Weite ihrer Öffnung“ kritisierte, und opfert ihn „für den, der sie ausfüllen wird“. „Wär‘ doch das, was in meiner Scheide steckt, / in seinem Hintern, und nähm‘ mich doch ein andrer Mann!“

Doch nicht nur in der Liebe formulieren die Autorinnen kühne Gedanken. Gerade die neuzeitlichen Gedichte, von denen in diese Neuausgabe zehn weitere aufgenommen wurden, reflektieren über Krieg, Flucht und Exil. Bassma Shaikho, eine studierte Architektin, stilisiert sich zur letzten Bewohnerin von Damaskus, ist auf dem Markt Käuferin und Verkäuferin zugleich, denn alle anderen sind der Stadt entflohen. In Anspielungen auf die Bibel oder Marx scheint die Beschäftigung mit der europäischen Kultur durch.

Der Herausgeber Khalid Al-Maaly ist selbst vor der Herrschaft Saddam Husseins nach Deutschland geflohen und hat sich seither dem kulturellen Austausch der Kontinente verschrieben. Er veröffentlichte neben zahlreichen eigenen Werken bereits sechs weitere Gedichtbände, die er selbst zusammengestellt und aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt hat. In diesem nun bündelt er die Verse der Frauen seiner Heimat und liefert damit eine literarische Rarität. Die Verse wurden meist jahrhundertelang mündlich tradiert, frühestens im 9. Jahrhundert schriftlich festgehalten und nie zuvor ins Deutsche übersetzt.

Das Themenspektrum ist groß und in der Poesie, so scheint es, fallen Tabus und Konventionen zuallererst. Maisun Bint Bahdal Al-Kalbia zum Beispiel erhebt in zweizeiligen Gegensatzpaaren das einfache Landleben gegenüber dem Überfluss im Palast. Im Anhang erfährt man dann, dass ihr Ehemann, ein reicher Kalif, sie, nachdem er diese Zeilen las, in ihre Heimat entlassen hat, zu der sie sich seit der ungleichen Hochzeit so sehr zurücksehnte. Es sind die schönen Verse, die ungewöhnlichen Begebenheiten und nicht zuletzt die kurzen biographischen Angaben zum Entstehungshintergrund der Gedichte, die den Gedichtband zu etwas Besonderem machen.

Auch Vers- und Gedichtform gehen nicht immer mit den Regeln konform und man erkennt bereits den Aufbruch in die Moderne. Doch es klafft eine riesige Lücke zwischen dem 10. Jahrhundert und dem späten 20. Jahrhundert. Im Nachwort räumt der Herausgeber ein, dass die Verse dazwischen zu klassisch gewesen und die Dialekte so verschieden seien, dass man die Gedichte erst ins Arabische hätte übersetzen müssen.

Darüber hinaus ist es zu begrüßen, dass die Neuausgabe zweisprachig ist. Sicher reizt es Kenner dieses wunderschönen Alphabets, den originalen Text zu lesen, und auch sonst bleibt es ein visueller Genuss.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2017 entstanden sind und gesammelt in der Oktoberausgabe 2017 erscheinen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Khalid Al-Maaly: Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute.
Aus dem Arabischen übersetzt von Heribert Becker.
Manesse Verlag, München 2017.
192 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783717540922

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