Auf der Suche nach der vermissten Anerkennung

Über Marcel Proust, die Literaturkritik, die Frankfurter Buchmesse, ihren Ehrengast Frankreich und die Oktober-Ausgabe 2017

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Am 29. September, knapp zwei Wochen vor Beginn der Frankfurter Buchmesse mit ihrem diesjährigen Ehrengast Frankreich, verbreiteten zahlreiche Zeitungen eine Meldung der französischen Nachrichtenagentur AFP über eine etwas komische und peinliche Sensation. Es ging um einen französischen Autor von inzwischen weltliterarischem Rang und seinen einstigen Kampf um vermisste Anerkennung: um Marcel Proust. Etliche Monate nach dem Erscheinen seines ersten Buches Les plaisirs et les jours (1896), das stand in der Meldung nicht, war Proust bekanntlich über abfällige Äußerungen des Kritikers Jean Lorrain so empört, dass er sich mit ihm duellierte. Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes Du côté de chez Swann seines Romanzyklus A la recherche du temps perdu ging Proust, wie aus jetzt entdeckten Briefen hervorgeht, auf der Suche nach Anerkennung mit der Literaturkritik anders um: Er schrieb zwei Rezensionen heimlich selbst und bezahlte für die Veröffentlichung viel Geld. Ein hymnisches (Selbst-)Lob des Romans auf der Titelseite der Tageszeitung Le Figaro (natürlich nicht unter eigenem Namen) ließ er sich 300 Francs (umgerechnet heute etwa 1000 Euro) kosten, eine begeisterte Besprechung des „Meisterwerks“ auf der Titelseite des Journal des Débats 660 Francs. Weitere positive Rezensionen waren größtenteils von Freunden geschrieben worden, insgesamt dominierte jedoch zunächst die negative Kritik. Das entsprach der Einschätzung mehrerer Verlage, die eine Veröffentlichung des Werks abgelehnt hatten. Sogar der Verleger Bernard Grasset, der das Buch dann doch druckte, weil der Autor die Kosten dafür zu tragen bereit war, nannte das Buch „unlesbar“.

Korruptionen und Gefälligkeiten im Bereich der Literaturkritik, so kann der Fall zeigen, sprechen nicht unbedingt gegen die Qualität von Autoren, denen sie zugute kommen und die sich daran beteiligen. Gerechtfertigt sind sie durch den späteren Erfolg Marcel Prousts jedoch nicht. Für Iris Radisch, die in einem Artikel der Zeit vom 5. Oktober zur bevorstehenden Buchmesse und zur Überforderung der Literaturkritik angesichts von gut 70.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen in diesem Jahr die Meldung zu Proust ebenfalls aufgriff, ist der Fall auch ein Beispiel für viele „Jahrhundertwerke“, die „von Kritikern verkannt und vernichtet“ wurden. Genauere Untersuchungen dazu wären eine Aufgabe der literaturwissenschaftlichen Forschung zur Literaturkritik, die im 21. Jahrhundert intensiver als je zuvor betrieben wird. Im Themenschwerpunkt „Deutsch-französische Literaturbeziehungen“ unserer Juli-Ausgabe 2006 setzte sich ein Beitrag kritisch mit einer germanistischen Dissertation über „deutsch-französische Literaturkritik (1995-1999)“ auseinander. Sie untersucht und vergleicht Rezensionen, die in Frankreich und Deutschland jeweils die Neuerscheinungen des Nachbarlands betreffen. Dass Frankreich 2017 „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse ist, könnte ein Anlass sein, solche Studien zu wiederholen.

Gibt es heute Vergleichbares zur Resonanz, die nach dem Zweiten Weltkrieg der französische Existenzialismus mit Werken von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus oder das absurde Theater eines Samuel Beckett in Deutschland fanden? Oder in den 1980er Jahren der Poststrukturalismus mit Schriften von Roland Barthes, Hélène Cixous, Gilles Deleuze, Félix Guattari, Jacques Derrida, Michel Foucault, Luce Irigaray, Julia Kristeva, Jacques Lacan und Jean-François Lyotard? Welche Spuren davon sind heute noch bemerkbar? Welche Autorinnen und Autoren französischer Sprache werden gegenwärtig in Deutschland am meisten beachtet? Und welche Bedeutung hat für sie die deutsche Kultur?

Etliche Anhaltspunkte zur Beantwortung solcher Fragen und Anregungen zur Auseinandersetzung mit der französischen Kultur geben die Beiträge zum Themenschwerpunkt der Oktober-Ausgabe von literaturkritik.de. Die meisten haben wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Komparatistik-Redaktion an der Universität Mainz und der Redaktion Gegenwartskulturen an der Universität Duisburg-Essen zu verdanken. Sie gehen zum Teil anderen Spuren in der gegenwärtigen französischen Literatur und Philosophie nach, die vor allem auch politische Ereignisse und Gegebenheiten mit einbeziehen: die Protestbewegung vor 50 Jahren (die uns in der Januar-Ausgabe 2018 ausführlicher beschäftigen wird) und mit ihr den Pariser Mai 1968, die Attentate der letzten Jahre in Paris und Nizza oder das kulturelle Profil der französischen Präsidenten mit ihrer literarische Bildung und ihrer von vielen Franzosen erwarteten Eignung, Frankreich auch als eine „literarische Nation“ zu repräsentieren – von Charles de Gaulle bis Emmanuel Macron, der am 10. Oktober zusammen mit Angela Merkel die Messe in Frankfurt eröffnet.

Eine Rezension geht auf das neue, vor wenigen Wochen auch in deutscher Übersetzung erschienene autobiographische Buch des gegenwärtig wohl meistbeachteten französischen Autors ein: auf Michel Houellebecq, der in ihm über seine Schopenhauer-Lektüre berichtet. In dieser Hommage auf einen deutschen Philosophen steht der Satz: „Ich kenne keinen Philosophen, dessen Lektüre auf Anhieb so ansprechend und trostreich ist wie die Schopenhauers.“ Ein weiterer Beitrag handelt von mehr oder weniger stereotypen Deutschlandbildern, die in neueren französischen Romanen vermittelt, reflektiert oder auch infrage gestellt werden. Und nicht zuletzt geht es im Schwerpunkt dieser Ausgabe um Proust – aus Anlass einer neuen Auswahl seiner Briefe. Der Rezensent bespricht die beiden „erhellenden“ Bände – ohne dass wir dafür bezahlt wurden – auf eine Weise, mit der Proust wohl zufrieden gewesen wäre.

Marcel Proust blieb wie vielen anderen Autorinnen und Autoren von weltliterarischem Rang die wohl größtmögliche Auszeichnung ihrer literarischen Leistungen versagt: Wie Franz Kafka, James Joyce, Henry James, Bertolt Brecht, Virginia Woolf, Paul Claudel oder André Malraux gehört er nicht zu denen, die den Nobelpreis für Literatur erhielten. Um die Anerkennung durch Preise, die höher wiegen als jede noch so positive Rezension, geht es in der Oktober-Ausgabe ebenfalls: um die unerwartete Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für Kazuo Ishiguro und um den Deutschen Buchpreis, der nach Vorauswahlen in Form einer Long- und einer Shortlist am Tag vor der Buchmesseneröffnung an Robert Menasse verliehen wurde.

Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wurde berühmt für das Konzept der unwillkürlichen Erinnerung. In den historischen Wissenschaften, in der Literaturkritik und oft auch in der Literatur sind Erinnerungen nicht ganz so „unwillkürlich“, sondern unter anderem gezielt durch die Institutionalisierung von Gedenkjahren oder -tagen motiviert. So auch wieder in dieser Ausgabe: Einige Beiträge widmen sich der Russischen Revolution vor 100 Jahren, andere dem „Deutschen Herbst“ vor 40 Jahren, in dem die terroristische Gewalt der „Roten Armee Fraktion“ in der Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer gipfelte und zu einer gravierenden politischen wie kulturellen Krise führte. Schrifststeller wie Heinrich Böll, dessen 100. Geburtstag im Dezember ein Anlass zu weiteren Erinnerungen an ihn sein wird, waren dabei einer Kampagne gegen angebliche „Sympathisanten“ der RAF ausgesetzt. Am 31. Oktober 2017 ist der 500. Reformationstag. Der ursprünglich für diese Ausgabe vorgesehene Themenschwerpunkt dazu ist, wie unserer Themenplanung zu entnehmen ist, auf die November-Ausgabe verschoben worden, aber einige Tage vor deren Erscheinen bereits zugänglich. Es ist der vierte und vorerst letzte, den die Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg dafür vorbereitet hat.

Wer am 12. Oktober in Frankfurt ist, kann sich mit uns wie in den vergangenen Jahren auf der Messe treffen. Wir freuen uns auf gemeinsame Gespräche, danken allen, die unsere Arbeit unterstützen, und wünschen unseren Leserinnen und Lesern einen anregenden Bücherherbst.