Romantiker, Wissenschaftler, Europäer: August Wilhelm Schlegel zum 250. Geburtstag

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Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel und Claudia BambergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Bamberg

Der Schriftsteller und Übersetzer August Wilhelm Schlegel (1767–1845) war der Kosmopolit unter den deutschen Romantikern, einer der letzten Universalgelehrten und ein Universalpoet zugleich – ein Weltliterat im besten Sinne. „Wer kann sagen ob Du Anlage hast ein Welt- oder Universal-Dichter zu werden?“, fragte ihn sein jüngerer Bruder Friedrich bereits 1792 und ließ keinen Zweifel daran, dass August Wilhelm dies bald gelingen werde. Nach wie vor berühmt sind seine mustergültigen Shakespeare-Übersetzungen, dicht gefolgt von seinen Übertragungen aus dem Spanischen, Italienischen und Portugiesischen. Darüber hinaus begründete August Wilhelm Schlegel in Deutschland die Indologie als akademische Disziplin und übersetzte bedeutende Versepen aus dem Sanskrit.

August Wilhelm Schlegels Geburtstag jährt sich am 5. September 2017 zum 250. Mal. Mit diesem Schwerpunkt möchten wir auf das Jubiläum aufmerksam machen. Schlegel ging es zeitlebens um den intensiven literarischen und wissenschaftlichen Dialog zwischen den Kulturen, wofür neben seinen Übersetzungen dem umfangreichen Briefwerk eine herausragende Bedeutung zukommt. Schlegel korrespondierte mit über 700 Personen vom russischen Zaren bis zu Fachgenossen in aller Welt. Die knapp 5.000 erhaltenen Briefe bilden einen Spiegel der Epoche im Allgemeinen und zeichnen Schlegels wissenschaftlich-literarisches Wirken im Besonderen nach, so seine Schlüsselfunktion für die Jenaer Frühromantik sowie für Madame de Staël und ihren Kreis, zudem sein politisches und sein wissenschaftliches Engagement in der zweiten Lebenshälfte.

Nachdem Schlegel mehr als ein Jahrzehnt lang als Hauslehrer und Vertrauter Germaine de Staëls Europa bereist hatte, bot ihm das preußische Kultusministerium eine Professur an. Er entschied sich nach einigem Zögern für die neu gegründete Universität Bonn, wo er, anders als es in Berlin denkbar gewesen wäre, der Star seiner Fakultät war. In seinen Vorlesungen griff Schlegel philologische, kunsttheoretische und kunstgeschichtliche, enzyklopädische und historische Themen auf und verkörperte damit nach wie vor die Synthesenneigung romantischer Wissenschaft. So standen die Weltgeschichte auf seinem Plan, Theorie und Geschichte der bildenden Künste, sogar etruskische Altertümer (in einer in lateinischer Sprache vorgetragenen Vorlesung). Seine 1823 gehaltene Vorlesung über das Nibelungenlied hörten 150 Studenten. Immer wieder zeigte sich Schlegels komparatives, die Grenzen der Disziplinen und Kulturen überschreitendes Erkenntnisinteresse.

Privatim las er Sanskrit – und begründete damit die Indologie in Deutschland. Dabei entpuppte er sich als geschickter Wissenschaftsorganisator. Die Förderung eines Orchideenfaches begründete er politisch mit der Notwendigkeit, im Wettbewerb um Wissen und Fortschritt gerade auf diesem Gebiet England und Frankreich zu überbieten. Als er sich bei seinem Minister Mittel zur Herstellung von Sanskrit-Drucktypen erbat, schrieb er: „Es würde ohne Zweifel zum Europäischen Ruhm einer Königlich Preußischen Landes-Universität gereichen, wenn daselbst zuerst in Deutschland Indisch gedruckt würde.“

Schlegel gründete eine Zeitschrift, sorgte dafür, dass sein Meisterschüler Christian Lassen sein Nachfolger wurde, publizierte neben Editionen etwa der Bhagavadgītā und Übersetzungen ins Lateinische auch Populäres über die Kulturgeschichte Indiens. Seine Reisen nach London und Paris glichen Triumphzügen: Welcher Professor konnte damals seinem Kultusminister Mitteilungen wie diese machen?

Ew. Excellenz ermangle ich nicht, gehorsamst zu melden, daß der König von Frankreich geruhet hat, mich zum Ritter der Ehrenlegion zu ernennen.
Ew. Excellenz wirken so unermüdet für den Flor des öffentlichen Unterrichts, und für den Ruhm deutscher Wissenschaft überhaupt, daß die Anerkennung, welche einheimische Gelehrte im Auslande finden, Ihnen gewiß nicht gleichgültig seyn kann.
Was dieser Ehrenbezeugung einen noch höheren Werth für mich giebt, ist die Art, wie sie mir ertheilt worden. Ich habe keinen Schritt darum gethan; ich stehe, einige Höflichkeits-Besuche ausgenommen, in keinem näheren Verhältnisse zu den Ministern; ich habe alle Ursache zu glauben, daß Ludwig Philipp selbst den Gedanken gehabt, und die Verleihung dieser Gnade aus eignem Antriebe beschlossen hat.

Die Philipps-Universität Marburg hat sich in den letzten Jahren als Zentrum der Schlegel-Forschung etabliert. Am Institut für Neuere deutsche Literatur wird im Rahmen eines DFG-Projekts seit 2012 eine digitale Edition der gesamten Korrespondenz August Wilhelm Schlegels, die bislang nur zur Hälfte gedruckt vorliegt, erarbeitet ( www.august-wilhelm.schlegel.de); am Institut für Indologie und Tibetologie erforscht Jürgen Hanneder derzeit den indologischen Teil von Schlegels Nachlass. Dessen Standort ist die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), der Kooperationspartner des Marburger DFG-Projekts.

Am 250. Geburtstag wird im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt am Main eine Ausstellung zu August Wilhelm Schlegel eröffnet. Die  Kuratorinnen sind Claudia Bamberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Marburger Schlegel-Projekt, und Cornelia Ilbrig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Freien Deutschen Hochstift.

Wir haben für diesen Schwerpunkt sehr unterschiedliche Stimmen zu Schlegel versammelt, nicht wenige Beiträge ziehen Briefe zu Rate. Zunächst erzählt Thomas Bürger, Generaldirektor der SLUB, die Geschichte von Schlegels Nachlass. Jürgen Hanneder widmet sich dem Briefwechsel zwischen Schlegel und Wilhelm von Humboldt, der ganz im Zeichen der indologischen Forschungen steht, die auch Humboldt intensiv betrieben hat. Clara Stieglitz und Claudia Bamberg stellen Schlegels Korrespondenzen mit den Kindern Germaine de Staëls vor, die zugleich seine Ziehkinder waren, und Christian Senf deckt anhand des Schreibens eines „Lord Byron“ aus Amerika an Schlegel die spannende Geschichte eines Hochstaplers auf. Jochen Strobel beleuchtet die Beziehung zwischen Schlegel und Germaine de Staël auf der Grundlage des europaweiten Bestsellers Corinne ou l’Italie neu, während sich Sabine Gruber dem Historiker Schlegel anhand seiner Bonner Vorlesungen nähert und Cornelia Ilbrig Schlegels Widmungsgedicht An Friedrich Schlegel einer näheren Betrachtung unterzieht. Es schließen sich Rezensionen an sowie Hinweise auf neu erschienene oder erscheinende Bücher aus dem Projektteam.