Zwischen Philologie und Medienwissenschaft

Ein von Friedrich Balke und Rupert Gaderer herausgegebener Sammelband erkundet das Forschungsfeld der Medienphilologie

Von Miriam SeidlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Miriam Seidler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein mittelalterlicher Mythos beschreibt die Entstehung der Bibliotheken und mithin der Wissenschaft als Folge der Hochzeit des Götterboten Merkur mit Philologia, die die Weisheit und das Wissen verkörpert. Bevor diese Heirat möglich ist, wird Philologia aufgrund ihrer vielfältigen Verdienste in den Olymp aufgenommen. Zuvor erhält sie einen Trank, der ihr gesammeltes Wissen in Form von Schriften aus Papyrus und Pergament sowie in Form von in Stelen gemeißeltem Text erfahrbar macht. Dieses nun materiell gesicherte Wissen wird von den herbeieilenden Artes und Disciplinae gesammelt und geordnete. Mit der Materialisierung des Wissens und der Schaffung von Bibliotheken ist der Grundstein der Wissenschaft gelegt.

Die Hochzeit von Merkur und Philologia als Verbindung von Kommunikationsmedium und Wissen verweist, so Rupert Gaderer, auf den Ansatz, den der vorliegende Sammelband verfolgt. Er erkundet das Dazwischen von Kommunikation und Medien. So sind es die „Verfahren und Infrastrukturen, die eine philologische Adressierung, Speicherung, Verarbeitung und Löschung von Daten erlauben“, die die Beträge des Bandes in den Blick nehmen. Dass dabei ein neues Forschungsfeld erkundet wird, ist der Tatsache geschuldet, dass der Begriff der Medienphilologie im Zuge aktueller Diskussionen in den Medienwissenschaften wie den Philologien neu konturiert werden muss. Mit dem Aufkommen der Medienwissenschaft in den späten 1980er Jahren entwickelten sich Film-, Fernseh- und Audiophilologie. Die damals neuen Forschungsgegenstände wurden in erster Linie von Literaturwissenschaftlern bearbeitet, die ihre bisherigen Methoden auf die neuen Gegenstände anwandten. Neben der Beschreibung und Interpretation der neuen Quellengattungen standen zunehmend Fragen der Kommentierung, Edition und Archivierung im Fokus des Forschungsinteresses. Was hat sich seither geändert?

Medienphilologie meint mittlerweile mehr und anderes als einfach nur die Kriterien der Philologie auf das breite Feld der „Medien“ und den Umgang mit unterschiedlichen Datenmengen zu übertragen. Aktuell richtet sich das Forschungsinteresse weniger auf die Erzeugnisse selbst als auf die medialen Funktionsweisen von Apparaturen, Institutionen, Dingen und Verfahren. Die Ergebnisse werden auf die Bedeutung der Medien für die Prozesse befragt. Der von Friedrich Balke und Rupert Gaderer initiierte Band möchte in diesem Forschungsfeld nicht definitorisch festlegen, was Medienphilologie heute ist. Vielmehr sollen in einer Suchbewegung aus unterschiedlichen disziplinären und methodischen Zugängen die, so der Untertitel, Konturen eines Paradigmas umschrieben werden.

Nach diesen grundlegenden Überlegungen zum Begriff und Forschungsfeld der Medienphilologie in den einführenden Beiträgen ist der zweite Teil des Bandes der Rubrik Kulturtechniken zugewiesen. Hier nähern sich Forscherinnen und Forscher von ihrem disziplinären Standpunkt aus der Frage an, was eine Medienphilologie in der Gegenwart sein und leisten kann. So entsteht ein Kaleidoskop an Interpretationen und Zugängen – von einer medienphilologischen Analyse der volkssprachlichen Übersetzung der Schriften Vitruvs im 16. Jahrhundert (Christina Lechtermann), über die Auseinandersetzung mit der stereoskopischen Attraktion des sogenannten Kaiserpanoramas in der Berliner Lindenpassage der 1920er Jahre (Harun Maye) bis hin zu einer Analyse der Schriften des österreichischen Autors Thomas Bernhard (Dietmar Schmidt) und einem Beitrag zum Lesen von Noten (Julia Kursell). Die Fallstudien umreisen ihren Gegenstand und geben so aus der Forschungspraxis heraus vielfältige Anregungen für medienphilologische Analysen. Dabei ist es ein Verdienst dieser Untersuchungen, herauszuarbeiten, dass Medienphilologie ihren Ausgang von Artefakten und Sachverhalten nimmt, die Kommunikation bedingen. Ob es sich dabei klassisch um Schrift handelt oder um den Schneidetisch, an dem Filme produziert werden und der Auskunft über die Filmgeschichte gibt, ist für den methodischen Zugriff zweitrangig.

Obwohl der dritte Teil des Bandes mit dem Titel Nichtliterarische Medien betitelt ist, sind hier Beiträge versammelt, die sich den Bedingungen der literarischen Produktion und sprachlichen Gestaltung von Texten widmen. Der (literarische) Text ist das geheime Zentrum der einzelnen Ansätze. Nicolas Pethes spürt in seinem Beitrag dem Verhältnis von Actor-Network-Theory (Bruno Latour) und Distant Reading (Franco Moretti) nach. Beide methodischen Zugänge nehmen den Entstehungszusammenhang von Literatur in den Blick, indem sie den Produktionsprozess und den Markt in den Fokus rücken. Schreibszene und Materialität von Schrift werden so als wichtige Stationen für die Beschreibung von Literatur bewertet. Dabei warnt Pethes aber davor, diese vermeintlich neuen Methoden und Gegenstände im Feld der Medienphilologie überzubewerten. Wie er am Beispiel der Romane Jean Pauls zeigt, wurden Akteurnetzwerke im Sinne Latours bereits in der Literatur um 1800 reflektiert und in ihrer Bedeutung für die Produktion von Texten dargestellt. Ebenfalls eine Form des Netzwerks steht im Zentrum des Beitrags von Natalie Binczek zur Werkstatt Johann Wolfgang Goethes. Sie geht der Frage nach, wie das Diktat, von dem Goethe auch bei der Niederschrift literarischer Texte häufig Gebrauch machte, die Produktion des Autors beeinflusste. Der Beitrag von Hania Siebenpfeiffer wirft einen Blick in die Werkstatt des Barockautors Berthold Heinrich Brockes und zeigt auf, wie der durch die neuen Möglichkeiten der Mikroskopie veränderte Blick auf die Natur sich in der Lyrik des 17. Jahrhunderts niedergeschlagen hat. Der Beitrag ist ein Beispiel dafür, dass das Dazwischen, das die Medienphilologie untersucht, kaum eine neue Methode und leider auch kein neues Objekt generiert. Natur und Lebewesen zu sezieren ist in der Barockliteratur kein ungewöhnliches Verfahren, sondern ein beliebtes Element der rhetorischen Gestaltung. Dass dabei beispielsweise Lichteffekte eine besondere Bedeutung gewinnen, kann einer neuen Technik, kann aber auch der göttlichen Lichtregie zu verdanken sein.

Den audiovisuellen Medien widmet sich der Band im vierten Teil, der die Frage stellt, wie sich aktuell eine Filmphilologie neu positionieren könnte. Die gewählten Beispiele geben dabei einen Einblick in das breite Spektrum an Materialien und Vorgehensweisen, die die Filmphilologie gegenwärtig auszeichnen. Ausgangsmaterial für die Überlegungen ist bei Rembert Hüser der japanische Garten als Modell der raumsprengenden Anlage, wohingegen Lisa Gotto ihr Plädoyer für eine haptisch ausgerichtete Medienphilologie am Beispiel von Smartphonevideos entwickelt. Wurden diese zuerst aufgrund ihrer meist horizontalen Ausrichtung als Störfaktor wahrgenommen, so ist aktuell zu beobachten, dass diese eine neue Ästhetik generieren, die neben dem neuen Format und der unkomplizierten Bearbeitung, nicht zuletzt durch die manuelle Bedienung der Bildschirme bedingt ist. Ausgehend von der Auswahl des Materials und der Bereitstellung von Archivmaterialien durch den Dokumentarfilmer Claude Lanzmann, der in seiner Recherche zu den Handlungsträgern der Shoa auf neue und unkonventionelle Methoden wie zum Beispiel eine in einer Tasche versteckte Handkamera mit integriertem Sender zurückgriff, stellt Simon Rothöhler die Frage nach dem Zusammenhang von Aufzeichnungsmedium und digitaler Archivierung, die den Philologen zugleich zum sichtenden Historiker macht.

Die beiden letzten Beiträge des Bandes wenden sich auf unterschiedliche Weise dem Begriff der Digitalität zu. Während Anna Tuschling ausgehend von Truman Capotes Selbstaussagen zu seinem Schreiben den Zusammenhang von Sprache und Diskretem und damit die Sequenzierung von Information in den Blick nimmt, analysiert Claus Pias Medien und Objekte der Philologie im Hinblick auf ihr Verhältnis zur Zeit. Verkörpern die Objekte der Philologie selbst aufgrund ihrer medienspezifischen Eigenschaften unterschiedliche Zeitlichkeiten – eine frühe Worddatei kann heute beispielsweise nicht mehr problemlos in ihrer ursprünglichen Erscheinungsweise wiederhergestellt werden –, so haben die Medien im Sinne von Dingen und Praktiken, in denen sich philologische Operationen konkretisieren, Einfluss auf den Zeithaushalt des Forschers selbst. Ein besonderes Augenmerk legt Pias auf die digitalen Objekte der Philologie, da diese nicht nur die Frage nach der Zukunft der Zeitordnung der Philologie aufwerfen, sondern zugleich darauf verweisen, dass sich aktuell die Arbeits- und Zeitstrukturen philologischer Tätigkeit grundlegend verändern. Ein Beispiel sind hier die Digitalisate von Quellen, die nicht mehr nur im jeweiligen Archiv, sondern weltweit als Datei zugänglich sind. Ausgehend von diesen Überlegungen hinterfragt Pias den Begriff der Medienphilologie. Dieser erhält dadurch eine neue Qualität, dass er in Hinblick auf die „Philologie von Objekten mit spezifischen medialen Qualitäten“ schärfer konturiert wird. Folgerichtig schlägt Pias eine Differenzierung in „digitalisierte Philologie“ (gleiche Objekte, gleiche Methoden, neue Methodenmedien), „digitale Philologie“ (gleiche Objekte, andere Methoden, neue Methodenmedien) und „Philologie des Digitalen“ (andere Objekte, andere Methoden, neue Methodenmedien) vor. Lediglich im letzten Fall, in dem sich neue Objekte herausbilden, sieht der Medienwissenschaftler den Untersuchungsgegenstand der Medienphilologie.

Pias vollzieht damit in seinem Beitrag den Schritt, den die Herausgeber explizit vermieden haben. Er definiert, was Medienphilologie heute sein kann. Legt man diese Definition für die kritische Reflexion der Beiträge des Sammelbandes zugrunde, so zeigt sich, dass lediglich einige wenige Aufsätze den Anspruch erfüllen, von anderen Objekten als die traditionelle Literaturwissenschaft auszugehen. Vielmehr führen die Beiträge des Sammelbandes eindrücklich vor Augen, dass bislang noch keine Einigkeit über medienphilologische Objekte besteht und dass darüber hinaus medienphilologische Operationen so heterogen sind wie ihr Material. Ob die Abgrenzung zur Medienwissenschaft dabei lediglich in der Person des Wissenschaftlers gesehen wird oder ob andere Kriterien herangezogen werden können, wird leider an keiner Stelle diskutiert. Dabei zeigen Interpretationen wie die von Michael Cuntz zu Arthur Conan Doyles bekannter Detektivfigur Sherlock Holmes oder von Nicolas Pethes zum Werk des romantischen Autors Jean Paul auf überzeugende Weise, dass die Fragen der Medienphilologie (oder der Literaturwissenschaft?) nicht neu sind, sondern Autorinnen und Autoren schon lange beschäftigen. Zwar sind in vielen Beiträgen Theoriediskussionen aufgenommen wie sie zum Beispiel Franco Morettis Überlegungen zum Distant Reading, Bruno Latours Actor-Network-Theory oder Hans Ulrich Gumbrechts Überlegungen zur Macht der Philologie begründen, dennoch sind die Beiträge in der Suchbewegung zwischen dem Material der Medienphilologie und der Möglichkeiten dieses wissenschaftlich adäquat zu erfassen, keiner gemeinsamen Methode verpflichtet. Vielmehr bietet der Sammelband anregende Lektüren aus einem Forschungsfeld, das aktuell einem Wandel unterworfen ist. Wo allerdings die Differenz zwischen Medienphilologie, Literatur-  und Medienwissenschaft angesiedelt ist, erschließt sich trotz intensiver Lektüre nicht. Und so bleibt am Ende dem Leser die Entscheidung überlassen, ob der Band das ganze Spektrum der Medienphilologie eröffnet, ohne es gleichzeitig wieder auf die Arbeit an der Schrift einzuschränken, oder ob er nicht doch lediglich eine Fußnote zu einer Medienwissenschaft ist, die nach wie vor ihre Nähe zur Philologie nicht leugnen kann.

Titelbild

Friedrich Balke / Rupert Gaderer (Hg.): Medienphilologie. Konturen eines Paradigmas.
Wallstein Verlag, Göttingen 2017.
388 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783835330429

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