Die Gestaltbarkeit der Welt im Augenblick der moralischen Entscheidung

Zygmunt Baumann im Gespräch mit Peter Haffner

Von Christophe FrickerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christophe Fricker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Interviews mit bildenden Künstlern oder Musikern oder Romanautoren sind beliebt, aber auch umstritten. Was wurde nicht alles gegen solche Gespräche eingewendet: Sie gestehen dem Künstler eine privilegierte Stellung zu, obwohl doch andere sein Werk besser oder zumindest genauso gut interpretieren können wie er selbst. Sie rücken sekundäre Äußerungen in den Vordergrund und verdrängen das eigentliche Werk, halten den Künstler vielleicht sogar vom Schaffen ab. Sie seien ein Werkzeug der Affirmation, durch das der Künstler sich vermarkten kann, und keine ernsthafte Kritik.

Solche Einwände gelten für Interviews mit Philosophen oder, wie im Fall des vorliegenden Buches, mit dem Soziologen Zygmunt Bauman grundsätzlich nicht. Denn das Gespräch ist eine der Formen, in denen das Denken und die Analyse der Gesellschaft weiterentwickelt werden. Es ist einer der primären Wege, auf denen sich Aussagen über unseren Ort in der Welt herausbilden.

Bauman hat diesen Weg immer wieder beschritten. Er war einer der führenden Soziologen der Postmoderne, der Jahrtausendwende, der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik. Er analysierte den Holocaust als dezidiert modernes Ereignis und die Moderne als technologisch-bürokratischen Versuch einer Abschaffung des Menschen. Der legendäre Frühaufsteher war noch als Hochbetagter eine Stimme der Moral in einer entgötterten Welt und wehrte sich auch als akademischer Soziologe nicht gegen diesen Status, mit dem große öffentliche Aufmerksamkeit verbunden war.

2014 und 2016 empfing Bauman den Schweizer Autor Peter Haffner in seinem Haus in Leeds, um sich mit ihm ausführlich über sein Leben, sein Werk und seine Hoffnungen auszutauschen. Die nun als Buch vorliegende Fassung ist im höchsten Maße anregend. Sie streift die großen Themen von Baumans wissenschaftlicher und publizistischer Arbeit: die Liebe in Zeiten des Online-Shoppings, das Gottesbedürfnis des Atheisten, die Regierungslosigkeit der ebenso ungleichen wie fragmentierten wie vernetzten Welt, die Spannung zwischen Sozialismus und Optimismus, die Gestaltbarkeit der Welt im Augenblick der moralischen Entscheidung.

Diese Themen und Baumans Positionierungen haben sich in unzähligen Debatten der vergangenen Jahrzehnte niedergeschlagen. Man kann daran anknüpfen, sich selbst anders positionieren oder einfach sein Leben ändern. Was das vorliegende Interviewbuch angeht, ist aber das entscheidende, dass es seine Leserinnen und Leser auf eine wirklich bewegende Art und Weise einlädt, irgendetwas davon zu tun – etwas zu tun. Das passiert wohl vor allem dadurch, dass der Interviewer Peter Haffner dafür sorgt, dass sich rasch das Panorama einer Welt entfaltet, in dem sich auch dieser Leser alsbald als handelndes Subjekt ernst genommen fühlt (als „nicht oft genug handelndes Subjekt“, sollte ich sagen). Man denkt über seine Möglichkeiten nach.

Das hat mit der Dramaturgie von Fragen und Antworten zu tun, mit der Präzision von Baumans Antworten, mit der Klugheit dieser Antworten und natürlich auch mit eminent zitierbaren einzelnen Formulierungen, zum Beispiel zur digitalisierten Gegenwart: „Es wird als Fortschritt betrachtet, den menschlichen Kontakt möglichst zu vermeiden.“ Oder zur Unterscheidung zwischen Altem Testament und neuer Soziologie: „Alle wirklichen Propheten in der Bibel wollten im Unterschied zu Universitätsprofessoren nicht, dass sich ihre Prophezeiungen bewahrheiten.“

Baumans Verzweiflung darüber, dass er so vieles Wichtige an der Gegenwart nicht verstehe und dass er sie nicht wirklich habe verbessern können, ist berührend, fast schockierend. Sie mahnt den Leser zur Demut, der allzu schnell ein indigniertes Fragezeichen neben die eine oder andere Passage setzt. Und sie nötigt dem Leser noch mehr Hochachtung vor dem Interviewer ab, dem es gelang, eine Atmosphäre zu schaffen, in der diese Äußerungen möglich wurden.

Interviews mit berühmten Persönlichkeiten – seien es Dichter oder Denker – werden oft auch dann kritisiert, wenn sich der Frager in Szene setzt, obwohl er schlecht vorbereitet ist. Beides kann man Peter Haffner wahrlich nicht vorwerfen.

Titelbild

Zygmunt Bauman: Das Vertraute unvertraut machen. Ein Gespräch mit Peter Haffner.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017.
183 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783455001532

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