Ein Meister der Landschaftsbeschreibung, der bis heute polarisiert

Zum 150. Todestag von Adalbert Stifter

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Weltfremd, altväterlich, moralisierend – mit diesen Attributen wurde (und wird) häufig das Werk des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter abgetan und doch gilt er heute als einer der größten Erzähler des 19. Jahrhunderts. Lange Zeit wurde er nur als – zwar bedeutender – Autor des Biedermeier gesehen, der in seinen Werken unermüdlich nach Harmonie gerungen hat. Das Schaffen des „Seelenfriedensstifters“ war jedoch geprägt vom klassischen Humanitäts- und Bildungsideal, indem er nicht das Alltägliche suchte, sondern das Ewig-Gültige und an die veredelnde Macht der Kunst glaubte. Besonders mit seinen Landschaftsschilderungen, geprägt von einem religiösen Naturgefühl, erreichte die Prosa eine neue Hochform. Ihr dichterischer Wert wurde aber erst im 20. Jahrhundert voll erkannt. So rühmte ihn Thomas Mann als „einen der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten und wunderlich packendsten Erzähler der Weltliteratur“.

Adalbert Stifter wurde am 5. Oktober 1805 in Oberplan (heute Horni-Planá/CSFR) im südlichen Böhmen geboren. Der Vater war zunächst – wie schon die Vorfahren – Leineweber, betrieb dann aber später einen Garnhandel. Eine weitere Lebensgrundlage bildete eine kleine Landwirtschaft, in der die ganze Familie mitarbeiten musste. Als Adalbert zwölf Jahre alt war, wurde der Vater von einem umstürzenden Flachswagen erschlagen. Durch diesen frühen Verlust bildete sich eine lebenslange Gebundenheit an die Mutter, die 1820 wieder heiratete. Für den jungen Adalbert, der noch vier Geschwister hatte, spielten in diesen entbehrungsreichen Jahren die Großeltern eine bedeutende Rolle. In dieser Obhut und inmitten idyllischer Berg- und Waldlandschaft verbrachte er seine Kindheit und Jugend.

Auf Betreiben seines Großvaters besuchte Adalbert Gymnasium und Internat am Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich. Nach dem Gymnasialabschluss 1826 begann er in Wien zunächst Jura zu studieren. Für den jungen Studenten war die Freiheit und Großzügigkeit der Großstadt eine neue Lebenserfahrung. Es entstanden erste Gedichte, die er unter dem Pseudonym Ostade veröffentlichte. Zur Finanzierung des Studiums gab er als Hauslehrer Privatunterricht. Da das Jurastudium nicht seinen Neigungen entsprach, besuchte er nebenbei naturwissenschaftliche Vorlesungen und studierte schließlich Naturwissenschaften und Geschichte. Ohne Abschluss verließ er jedoch 1830 die Universität. Vielleicht aus Examensangst oder Unentschlossenheit, Stifter liebäugelte inzwischen mit einer Karriere als Landschaftsmaler. Dazu kam eine unglückliche Liebe zu Fanny Greipl (1808–1839), der Tochter eines wohlhabenden Leinwandhändlers, die er in den Sommerferien 1827 kennengelernt hatte. Ihre Eltern waren jedoch gegen die Verbindung mit dem mittellosen Studenten. Die unerreichbare Fanny wurde Stifters „ewige“ Geliebte, der er später ein literarisches Denkmal setzte.  Nach der unerfüllten Liebe heiratete Stifter 1837 die ungarische Putzmacherin Amalia Mohaupt (1811–1883). Das Ehepaar blieb kinderlos, adoptierte jedoch 1847 eine sechsjährige Nichte Amalias.

Weiterhin unschlüssig, schwankte Stifter zwischen bürgerlicher Berufstätigkeit und künstlerischem Schaffen, wobei er sich selbst nicht primär als Schriftsteller, sondern als Maler verstand („Das Malen ist mir lieber als die ganze Welt; es gibt gar nichts auf der Erde, was mich tiefer ergreifen könnte als das Malen“). Durch dieses Doppeltalent wirkten seine späteren Landschaftsbeschreibungen wie „mit dem Pinsel gemalt“ (Peter Rosegger).

1840, Stifter war bereits 35 Jahre alt, veröffentlichte er seinen literarischen Erstling, die Erzählung Der Condor, die sich noch ganz an der Erzählprosa von Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck orientierte. Bereits hier verarbeitete er neben der Allgewalt der Natur auch die innere Einsamkeit des Künstlers, sodass man später die Erzählung als frühes Selbstporträt interpretierte. Durch den überraschenden Erfolg publizierte Stifter nun regelmäßig in Zeitschriften und Almanachen. Mit der biblischen Erzählung Abdias (1842) und der Erzählung Brigitta (1844) gelang ihm schließlich der literarische Durchbruch. In der Geschichte um den Juden Abdias und seiner blinden Tochter Ditha verließ Stifter gewissermaßen seine böhmische Heimat und wagte sich in die afrikanische Wüste, die er mit bemerkenswerten Schilderungen beschrieb. Brigitta dagegen spielt in der ungarischen Steppe und erzählt von der stolzen und tatkräftigen Gutsherrin Brigitta, die aber von hässlichem Äußeren ist und daher von ihrer Nachbarschaft gemieden wird. Der weltgewandte Major Stephan Murai verfällt jedoch in Leidenschaft der unansehnlichen Einsamen, die nach langem Zögern ihr Ja-Wort gibt. Obwohl die beiden einen Sohn bekommen, verlässt Stephan Frau und Kind, als er der schönen Gabriele begegnet. Nach 15 langen Jahren kommt es schließlich zur Wiederannäherung und Versöhnung. Die Eheleute sind in der Zwischenzeit sittlich gereift, besonders aus Brigitta ist eine emanzipierte, aber auch verzeihende Frau geworden.

Stifter traf mit diesen Erzählungen den Geschmack seiner Zeit und etablierte sich als Modeautor in den Wiener Künstlerkreisen. In schneller Folge entstanden weitere Novellen – Die Mappe meines Urgroßvaters (1840), Das Haidedorf (1840), Der Hochwald (1841), Das alte Siegel (1843) und Die Narrenburg (1844) –, sodass bereits 1844 der erste Band seiner sechsbändigen Studien (1844/47/50) erscheinen konnte.

Den etwas ungewöhnlichen Buchtitel hatte Stifter seinem Verleger Gustav Heckenast (1811–1878) selbst vorgeschlagen, um wie ein Maler auf die Unvollkommenheit seiner Arbeiten hinzuweisen. Insgesamt dreizehn Erzählungen dieses außerordentlich fruchtbaren Jahrzehnts wurden in die Studien aufgenommen, die zuvor meist in Zeitschriften oder Almanachen eine Veröffentlichung gefunden hatten. Fast alle Erzählungen bearbeitete Stifter für diese Buchausgabe noch einmal. Und tatsächlich erscheint manche ursprüngliche Fassung im Vergleich mit der Buchversion wie eine Studie oder Skizze. Die Änderungen reichten von der Abschwächung übertriebener Bilderfülle oder romantischer Gefühlsseligkeit bis hin zur radikalen Neufassung. Sie zeigen aber auch eindrucksvoll Stifters künstlerische Entwicklung.

Hatten die Kritiker die ersten beiden Bände seiner Novellen noch gelobt, warfen sie Stifter später vor, dass sich sein Werk in der Darstellung von Natur und Landschaft erschöpfe. Besonders Friedrich Hebbel, der zwar seit 1845 in Wien lebte, aber von Geburt norddeutsch geprägt war, wandte sich mit unverhohlener Häme gegen Stifters selbstvergessene Prosa, die er als leere Idylle eines „Dichters der Blumen und Käfer“ verspottete. Stifter, dem es um Einfachheit ging und dem alles Aufsehenerregende zuwider war, antwortete: „Was Hebbel anbelangt […] er hat ein bestimmtes auffallendes Geschik in Handhabung rohen Materials, nehmlich der Quadern und Lasten, woraus ein Pallast werden soll, nur der Pallast wird nie.“

Das Revolutionsjahr 1848 brachte für Stifter tiefgreifende Veränderungen. Als Anhänger der revolutionären Bewegung wurde er von seinem Wiener Wohnbezirk als Wahlmann für die Frankfurter Nationalversammlung aufgestellt. Im Mai 1848 zog sich Stifter jedoch aus dem unruhigen Wien nach dem beschaulicheren Linz zurück, wo er zuvor schon einige Sommermonate verbracht hatte. Der Umzug war zunächst als Provisorium gedacht, doch Linz sollte bis zu seinem Lebensende sein Wohnsitz bleiben. Hier wurde ihm Ende 1849 auch die Stelle eines Inspektors der oberösterreichischen Volksschulen zugesprochen, was die prekäre finanzielle Situation der Familie etwas verbesserte. 1853 wurde er zudem Landeskonservator für Oberösterreich. Zuvor hatte Stifter über Jahre hinweg als Hauslehrer Privatunterricht gegeben, zeitweilig in den vornehmsten Häusern Wiens (unter anderem für den ältesten Sohn des österreichischen Staatskanzlers Klemens von Metternich).

Trotz der nun schulischen „Zwangstätigkeit“, die Stifter sehr ernst nahm, folgte nach den Studien die zweibändige Auswahl Bunte Steine (1853) mit sechs weiteren Erzählungen: Granit, Kalkstein, Turmalin, Bergkristall, Katzensilber und Bergmilch. Benannt waren diese Geschichten nach Gesteinsvorkommen in seiner Oberösterreichischen Heimat. Stifter bezeichnete die Miniaturen mit dem Untertitel Ein Festgeschenk für die Jugend zwar als „Spielereien für junge Herzen“, die aber keineswegs Kindergeschichten darstellten. Vielmehr wollte Stifter mit diesen Geschichten den chaotischen Zuständen seiner Zeit (zum Beispiel der gewalttätig eskalierten Revolution) ein neues Natur- und Menschenbild entgegensetzen. Obwohl Stifter in dem Vorwort auf seine kindliche Sammelleidenschaft hinweist, versteckten sich in den Bunten Steinen nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern auch zahlreiche persönliche Erfahrungen und Reaktionen auf die 1848er-Revolution. In der wohl bekanntesten Geschichte der Sammlung, Bergkristall, brechen die beiden Schusterkinder Sanna und Konrad am Morgen des 24. Dezember auf, um ihren Großeltern im benachbarten Bergdorf die Weihnachtsgeschenke zu bringen. Auf dem Rückweg verirren sich die Geschwister im Schneegestöber. Durch die vereinte und erfolgreiche Suche der Familie und der Bewohner zweier bisher befeindeter Dörfer finden alle zu einer neuen Gemeinschaft.

In seiner berühmten Vorrede, die vielfach zitiert, analysiert und interpretiert wurde, formulierte Stifter auch sein „sanftes Gesetz“, das die Richtschnur seines literarischen Schaffens darstellte:

Die Kunst ist mir ein so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Orte gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so daß ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu halten. […] Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesmäßigkeit, Wirksamkeit in seinem Kreis, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird.

Stifter, der als Pädagoge für liberale Reformen eintrat, wollte auch als Schriftsteller Erzieher sein. Außerdem war sein Konzept der kleinen Poetik zugleich eine Antwort an seine Kritiker. In den nächsten Jahren verließ er jedoch die Novellenform und widmete sich zwei Romanprojekten, die von den Zeitgenossen aber wenig Beachtung fanden. In Nachsommer (1857), seinem Hauptwerk, an dem Stifter vier Jahre gearbeitet hat, entfaltete er sein Konzept der planvollen Erziehung und der allseitigen Geistes- und Seelenbildung. Erzählt wird ein Teil der Lebensgeschichte des 18-jährigen Ich-Erzählers Heinrich Drendorf, Sohn eines Kaufmanns aus Wien, der sich regelmäßig auf ausgedehnte Wanderungen ins Gebirge begibt. Eines Tages wird er kurz vor einem Gewitter in den wunderschönen „Rosenhof“ aufgenommen, der dem Freiherrn von Risach gehört. Dieser hat sich hier mit verschiedenen Sammlungen eine ideale kleine Welt der Harmonie mit der Natur und der Kunst eingerichtet. In der Nachfolge von Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wahlverwandtschaften sowie Jean Pauls Titan ist das dreibändige Werk der letzte Bildungs- respektive Erziehungsroman des 19. Jahrhunderts. Noch einmal beschwor Stifter mit dem idealisierten „Rosenhof“ in der abgeschotteten Bergwelt das Ideal der Bürgerlichkeit. Kritiker warfen ihm allerdings vor, dass er die gesellschaftliche Wirklichkeit nahezu ausgeblendet hatte – allen voran wiederum Hebbel, der als Dramatiker die pure Ereignislosigkeit auf den knapp 800 Seiten scheinbar nicht ertragen konnte und demjenigen die „Krone von Polen“ versprach, der den dicken Wälzer ohne jegliche Handlung freiwillig zu Ende lese. Andere sahen in Nachsommer Stifters persönliche und politische Resignation nach der gescheiterten Revolution von 1848.

Nach dem Kulturroman Nachsommer veröffentlichte Stifter über einen längeren Zeitraum hinweg nur wenig. Fast zehn Jahre (Planung und Vorbereitung reichen sogar bis in die 1840er Jahre zurück) arbeitete er „wie ein Pflugstier“ an dem historischen Epos Witiko, dessen drei Bände von 1865 bis 1867 erschienen. Das breit angelegte Historiengemälde erzählt die mittelalterliche Geschichte Böhmens im 12. Jahrhundert. Der Titelheld, der junge Ritter Witiko, ist in den Streit um die Thronfolge Böhmens verwickelt. Aber selbst bei der Schilderung der blutigen Auseinandersetzungen um die Erbfolge und die Macht in Böhmen versucht Stifter, seinem „sanften Gesetz“ treu zu bleiben. Im Mittelpunkt stehen nicht die heldenhaften Ritter und ihre Abenteuer, vielmehr tritt das persönliche Schicksal hinter den allgemeinen Verlauf der Geschichte zurück – und am Ende steht die Vision von einer neuen poltischen Ordnung, dem Aufbau einer Gemeinschaft: „Es sollten alle Reiche unseres Erdteils ihre Angelegenheiten gemeinsam schlichten; so würde keines von einem anderen besiegt und keines würde die Beute eines entfernten Feindes.“

Doch Stifters politischer Appell wurde von der Realität überrollt: durch den (seiner Ansicht nach) deutsch-österreichischen „Wahnsinnsfrevelkrieg“ von 1866. Außerdem wurde sein Roman Witiko von den Zeitgenossen weitgehend abgelehnt, sie sprachen dem Autor glattweg das Talent für einen historischen Roman ab. Mit Handlungsarmut, Konfliktlosigkeit und Abschweifungen konnten sie einfach nichts anfangen. Ihr Zeitgeschmack orientierte sich an den historischen Romanen von Walter Scott, Victor Hugo, Alexandre Dumas oder Alessandro Manzoni. Stifter hatte den Misserfolg jedoch vorausgesehen: „Mit dem Witiko werden mich die Leute erst in hundert Jahren verstehen.“

Die jahrelangen Arbeiten an dem dreibändigen Roman hatten Stifters Kräfte überfordert, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Schuld daran war auch seine sprichwörtliche Fresssucht. Es lässt heute noch erschaudern, was Stifter sich tagtäglich (nach eigenen Aufzeichnungen) einverleibte. Dazu kamen Kränkungen, Enttäuschungen und der Freitod der adoptierten Tochter Juliana (1859). Durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch, mit denen er seine Depressionen bekämpfte, zeigten sich nun Symptome einer Leberzirrhose, die sich durch Kuraufenthalte nur noch verschlimmerte. So wurde Stifter im November 1865 unter Belassung des vollen Gehaltes vorzeitig pensioniert und zum Hofrat ernannt.

Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit entstanden während der aufreibenden Arbeiten am Witiko und danach noch einige Erzählungen, unter anderen die letzten beiden, jedoch unvollendeten Fassungen der Mappe meines Großvaters, in dem die Geschichte des Arztes Augustinus und seiner Familie vor dem Hintergrund des Böhmerwaldes erzählt wird. Im umfangreichen Lebenswerk Stifters nimmt Die Mappe des meines Großvaters einen besonderen Rang ein, denn der Autor beschäftigte sich mit dieser Erzählung in verschiedenen Schaffensperioden, sodass letztendlich vier Fassungen vorliegen. Insgesamt gehören sieben Geschichten (darunter Die drei Schmiede ihres Schicksals und die stark autobiografisch geprägte Geschichte Nachkommenschaften) zum Spätwerk Stifters, die 1869 in dem Sammelband Erzählungen veröffentlicht wurden. Dessen Erscheinen hatte der Dichter jedoch nicht mehr erlebt. Am 26. Januar 1868 – vermutlich bei einem Schmerzanfall – fügte er sich mit dem Rasiermesser am Hals eine tiefe Schnittwunde bei. Zwei Tage lebte Stifter noch ohne Besinnung, ehe er am 28. Januar in der Frühe verstarb. Stifters Tod, kein „sanftes Gesetz“, eher ein makabres Ende. Bis heute ist sich die biografische Forschung uneins: war es Freitod (Einsamkeit, Krankheit, hohe Schulden?) oder ‚nur‘ ein Unfall bei einer momentanen Verwirrung? Die Beisetzung fand zwei Tage später auf dem St. Barbara-Friedhof in Linz statt, wobei die musikalische Leitung der Totenfeier – so wird berichtet – von Anton Bruckner übernommen wurde.

Die Rezeptionsgeschichte der zurückliegenden 150 Jahre zu Stifters Werk, das bis heute unterschiedliche Lesarten zulässt, ist eine wahre Berg- und Talfahrt. Zunächst ein „Liebling der Leserwelt“, dann missverstanden, war Stifter nach seinem Tod für Jahrzehnte ein fast Vergessener. Schließlich war es Friedrich Nietzsche, der Stifters Roman Nachsommer in seiner philosophischen Schrift Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister als Schatz der deutschen Prosa würdigte. 1918 machte dann Hermann Bahr mit seinem Essay Adalbert Stifter. Eine Entdeckung auf den in Vergessenheit geratenen Dichter aufmerksam; vor allem dem Novellisten Stifter attestierte er: „Liebe und tiefgehendes Verständnis für die Natur und die Fähigkeit, sie in den kleinsten Zügen wie in der ganzen Stimmung auszumalen“. Auch Hugo von Hofmannsthal pries 1924 in einem Geleitwort zu Stifters Nachsommer die gewaltige Glaubensfassung und die großartige Grundhaltung des Dichters. Rainer Maria Rilke und Franz Kafka zählten ihn ebenfalls zu einem ihrer Lieblingsdichter. Thomas Manns Hinweis, Stifter wieder einmal zu lesen, wurde schon erwähnt. Zwischen den beiden Weltkriegen musste Stifter bei konservativen Kreisen als „christlich-katholischer Familiendichter“ herhalten, während ihn der marxistische Kulturphilosoph Georg Lukács als „Klassiker der deutschen Reaktion“ mit „beschränktester Philisterhaftigkeit“ (1936) diffamierte. Wenig später vereinnahmten die Nationalsozialisten Stifter für ihre völkische Heimatideologie.

Diese Beispiele lassen fast die Vermutung (oder Tatsache) aufkommen, dass die Rezeptionsgeschichte weniger durch die Literaturgeschichte, sondern durch das Urteil von Autoren bestimmt und vorangetrieben wurde. Auch die Stifter-Renaissance nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders seit den 1970er Jahren, war zum großen Teil Autoren wie Heinrich Böll, Arno Schmidt, Peter Handke, Thomas Bernhard und Hermann Lenz zu verdanken. Dabei reichte das Spektrum von der Hassliebe („Der sanfte Unmensch“, Arno Schmidt) bis zur Verehrung („Jetzt öffnen mir seine Erzählungen immer wieder farbige Stellen in gleichwelchen Wäldern“, Peter Handke).

Diese neue und intensive Auseinandersetzung mit Stifter führte dazu, dass sein 200. Geburtstag (2005) mit zahlreichen Beiträgen eine ungewohnte Beachtung in den deutschsprachigen Feuilletons fand. Zu seinem 150. Todestag sind nun sogar einige Publikationen erschienen. Da wäre an erster Stelle das Stifter-Handbuch, herausgegeben von Christian Begemann und Davide Guiriato, im J.B. Metzler Verlag zu erwähnen, das einen umfassenden Überblick über sein Werk, dessen Entstehung und Rezeption gibt. In einigen Beiträgen wird dabei auch auf die grundlegenden Umdeutungen von Stifters Werk in den letzten Jahrzehnten eingegangen.

Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist neben Nachsommer der bemerkenswerte Band Sämtliche Erzählungen nach den Erstdrucken erschienen. Er versammelt alle 33 Erzählungen Stifters nach den Erstdrucken und ermöglicht damit nicht nur den Vergleich mit den späteren Überarbeitungen, sondern gibt auch Aufschluss über die literarische Entwicklung des Dichters. Stifters historischen Roman Witiko dagegen kann man entspannt als vollständige Lesung genießen, mit dem mp3-Hörbuch (Spieldauer immerhin 43 Stunden) aus dem Audio Verlag (in der Reihe „Große Werke – Große Stimmen“). Die Erzählung Der Hochwald, eine Liebesgeschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg, ist als MP3-Download (ungekürzte Lesung) vom Hörverlag erhältlich. Mit untrüglichem Gespür macht hier der ehemalige „Vorleser der Nation“ Gert Westphal neben dem historischen Hintergrund die großartigen Naturbeschreibungen zu einem Hörerlebnis.

Für alle Freunde der Insel-Bücherei ist in der beliebten Reihe Stifters Bergkristall mit farbigen Illustrationen von Gerda Raidt erschienen. Abschließend sollen noch die Nachauflagen der beiden Stifter-Biografien Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge von Wolfgang Matz (Wallstein Verlag) und Adalbert Stifter von Peter Becher (Pustet Verlag) erwähnt werden, die beide zum 200. Geburtstag erstmals erschienen und inzwischen zu Standardwerken zu Leben und Werk von Adalbert Stifter geworden sind.

In der heutigen Zeit ist die „heile Welt“ fast zu einem Schimpfwort geworden, das der Verunglimpfung dient, und dennoch wohnt uns allen eine Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit inne. Und so wird Adalbert Stifter heute längst nicht mehr nur als „Biedermeier-Dichter“, als bloßer Heimat- und Erbauungsschriftsteller gesehen. Sein hoher ethischer Anspruch und die Bewunderung für die Naturschönheiten machen sein Werk wieder aktuell. Wie die zahlreichen Publikationen der letzten Wochen zeigen, ist er im Gegensatz zu anderen österreichischen Schriftstellern seiner Zeit (Franz Grillparzer, Ludwig Anzengruber) nicht in Vergessenheit geraten.

Titelbild

Christian Begemann / Davide Giuriato (Hg.): Stifter-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2017.
397 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783476025456

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Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Roman.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
784 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146241

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Adalbert Stifter: Witiko. Ungekürzte Lesung mit Maria Ott.
Audio Verlag, Berlin 2017.
4 mp3-CDs, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783742402219

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Adalbert Stifter: Der Hochwald.
Gelesen von Gert Westphal.
Der Hörverlag, München 2017.
4h 20, 10,95 EUR.
ISBN-13: 9783844529135

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Adalbert Stifter: Sämtliche Erzählungen. Nach den Erstdrucken.
Herausgegeben von Wolfgang Matz.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.
1640 Seiten,
ISBN-10: 3423133694

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Adalbert Stifter: Bergkristall.
Insel Verlag, Berlin 2017.
101 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783458200253

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Wolfgang Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Biographie.
Wallstein Verlag, Göttingen 2016.
392 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783835317994

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Peter Becher: Adalbert Stifter. Sehnsucht nach Harmonie. Eine Biografie.
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2017.
256 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783791729442

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