Heinrich Böll und seine ostdeutschen Leser

Ein Rückblick zum 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

100. Geburtstag von Heinrich Böll – ein Anlass, wieder einmal im Bücherregal nach den verschiedenen Böll-Ausgaben zu schauen, die ich zumeist in meinen Schul- und Studienjahren erworben hatte. Auch später kamen weitere Ausgaben hinzu. Da stehen sie immer noch einträchtig beieinander. Ein wahres Sammelsurium. (Meine Großmutter hätte gesagt: aus jedem Dorf ein Hund.) Vom ziemlich lädierten Inselband 908 Wo warst Du, Adam? aus dem Jahre 1969 über den noch gut erhaltenen Insel-Hardcover-Band Billard um halb zehn (1970) bis zu diversen, inzwischen schon vergilbten Taschenbuchausgaben. Vieles davon als „Bückware“ erworben – für „gute“ Kunden bückte sich der Verkäufer unter den Ladentisch und holte ein reserviertes Exemplar hervor.

Dieses kunterbunte Tohuwabohu war nicht nur dem schmalen Schüler- und Studenten-Geldbeutel geschuldet, sondern gleichzeitig Spiegelbild der Ausgabenpolitik der DDR-Verlage. So erschien 1956 mit dem Kurzroman Wo warst Du, Adam? im Ostberliner Verlag Rütten & Loening Bölls erstes Werk in der DDR. Ein Jahr später brachte der Verlag Volk & Welt den Nachkriegsroman Haus ohne Hüter heraus. Von da ab vagabundierte der Autor gewissermaßen durch die ostdeutsche Verlagslandschaft – zumeist mit Lizenzausgaben des Verlages Kiepenheuer & Witsch. Bis zur Wende 1989/90 entwickelte sich aber kein DDR-Verlag zu einem Hausverlag des 1972 mit dem Literaturnobelpreis Ausgezeichneten für seine Leser zwischen Ostsee und Thüringen.

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre erschienen verstärkt einige Insel-Ausgaben (u.a. Und sagte kein einziges Wort, Irisches Tagebuch oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum) sowie beim Leipziger Reclam-Verlag ein Band mit Humoresken und Satiren Mein trauriges Gesicht (RUB 582). Der Union Verlag Berlin verlegte ebenfalls Böll, darunter auch Heinrich Böll. Essayistische Studie über religiöse und gesellschaftliche Motive im Prosawerk des Dichters (1967) von dem Germanisten und Kirchenhistoriker Günter Wirth.

Heinrich Böll, der sich stets politisch engagierte („Es gibt nichts, was uns nicht angeht“) und sich besonders für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Osteuropa einsetzte, gewährte 1974 dem aus der UdSSR ausgebürgerten Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn Asyl in seinem Haus und empfing den mit ihm eng befreundeten russischen Dissidenten Lew Kopelew. Das war der DDR-Führung natürlich ein Dorn im Auge und man warf dem Schriftsteller „bestürzendes Unvermögen“ von historischen Bewertungen vor. Der bekannte Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski ordnete Böll sogar den Antikommunisten zu. 1974 hatte er ihn noch einen „großen bürgerlichen Humanisten“ genannt. Durch Bölls politisches Engagement trat zwischen 1975 und 1984 eine gewisse „Eiszeit“ seiner Publikationen in der DDR ein. Allein der Insel Verlag wagte in diesen Jahren zwei Nachauflagen und eine Neuausgabe von Fürsorgliche Belagerung (1980).

Erst 1984 traute sich der Aufbau Verlag in seiner bb-Taschenbuchreihe mit Gesichter (Satiren – Geschichten – Autobiographisches 1969–1981) aus der „Böll“-Deckung. (Der Erzählband Geschmack des Brotes in dieser Reihe war übrigens 1990 der Schlusspunkt der Böll-DDR-Ausgaben.) Zuvor hatte Volk & Welt in den 1980er Jahre seine Buchreihe „Ex Libris“ (rund 120 Titel) in gehobener Ausstattung gestartet, in der die wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts mit jeweils einem herausgehobenen Werk vorgestellt werden sollten. Heinrich Böll war hier mit Haus ohne Hüter vertreten. (Übrigens erschienen von den bundesdeutschen Autoren in dieser Reihe auch Alfred Andersch, Rolf Hochhuth und Wolfgang Hildesheimer, während Günter Grass, Siegfried Lenz oder Martin Walser fehlten. Aber das ist eine andere Geschichte.) Einen „Böll“-Anlauf hatte auch der Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre unternommen: eine neue Taschenbuchreihe mit vier ausgewählten Autoren: Honoré de Balzac (16 Titel), Joseph Conrad (2 Titel), Arthur Conan Doyle (5 Titel) – und Heinrich Böll (6 Titel). Eine eigenartige Mischung.

Die meisten ostdeutschen Böll-Ausgaben erschienen jedoch im Insel Verlag. Das hatte auch ganz banale Hintergründe, wie sich der gerade verstorbene Verleger Elmar Faber in Über die Unbilden und Glücksmomente deutsch-deutscher Zusammenarbeit (2006) erinnert: Böll konnte es, teils mit Unterstützung kirchlicher Organisationen, bewerkstelligen, dass für die Herstellung seiner Bücher Papier bereitgestellt wurde, und dieses wurde an bestimmte Verlage adressiert. Der Insel Verlag war meistens Bölls Wunschadresse.“ (Die Papierknappheit war stets ein großes Problem der DDR-Verlage.) Außerdem besaß der Leipziger Insel Verlag ab 1977 mit der Verlagsunion (Zusammenschluss mit dem ostdeutschen Kiepenheuer Verlag, der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung und dem Paul List Verlag zur Verlagsgruppe Kiepenheuer) einen direkten Draht nach Köln zum Kiepenheuer & Witsch Verlag, Bölls westdeutschem Hausverlag. Insgesamt erschienen in der DDR zwischen 1956 und 1990 rund vierzig Böll-Ausgaben, damit war Heinrich Böll mit großem Abstand der meist verlegte westdeutsche Gegenwartsautor. Der DDR-Leser hatte also die Möglichkeit, sich mit den wichtigsten Werken des Schriftstellers vertraut zu machen. Die Linzenzausgaben waren jedoch stets schnell vergriffen.

Mit der politischen Wende 1989/90 hatten die ostdeutschen Leser nun auch Zugang zum bundesdeutschen Büchermarkt. Ich erinnere mich noch an meine ersten Besuche in den Bücherläden von Osterode oder Göttingen. In der Anfangszeit ging man jedoch sparsam mit der neu erworbenen D-Mark um – schließlich wollte man sich noch andere Wünsche erfüllen. Also griff man vorrangig zu preiswerten Taschenbuchausgaben. Und so füllte ich meine Böll-„Bibliothek“ fast ausschließlich mit dtv-Ausgaben auf, mit den weniger bekannten Werken, die in der DDR nicht erschienen waren: Bölls Erzählungen, Satiren, Hörspiele, Aufsätze, Reden sowie politische und literarische Schriften. Dadurch wurde der Deutsche Taschenbuch Verlag bis heute quasi zu meinem persönlichen „Böll“-Hausverlag, was mich schließlich auch dazu veranlasst hat, mir die neuen fünf dtv-Ausgaben, die pünktlich zum 100. Geburtstag des Schriftstellers erschienen sind, zu erwerben – obwohl ich die Titel bereits in DDR-Ausgaben besitze. Mit ihren farbkräftigen Covern sind sie ein weiterer und willkommener Farbtupfer in meiner „Böll“-Sammlung.

Titelbild

Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Roman.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
291 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146067

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Titelbild

Heinrich Böll: Billard um halb zehn. Roman.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
336 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146074

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Titelbild

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. oder Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Erzählung.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
145 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146050

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Titelbild

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch . Mit einem Essay des Autors.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
144 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146043

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Titelbild

Heinrich Böll: Wanderer, kommst du nach Spa… . Erzählungen.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
224 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783423146081

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