Böll wird diffamiert

Die Kampagne gegen angebliche „Symathisanten“ der RAF lenkt von dem notwendigen Kampf gegen den Terrorismus ab – Eine Intervention im Oktober 1977

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Wie immer die Schleyer-Entführung ausgehen wird, sicher ist, daß die Terroristen schon jetzt einen bemerkenswerten Erfolg buchen können. Eine Kampagne ist im Gange, die sich leider nicht gegen die Helfer und Helfershelfer der Terroristen richtet, wohl aber gegen jene, denen sich zwar nichts Konkretes vorwerfen läßt, die man jedoch zumindest als „Sympathisanten“ abstempeln und womöglich aburteilen möchte. Es handelt sich um eine Diffamierungskampagne, um Verdächtigungen und auch handfeste Denunziationen, die vor allem von einigen auflagenstarken Tageszeitungen und Illustrierten verbreitet werden. Attackiert werden wieder einmal vor allem Schriftsteller, was übrigens nicht unbedingt gegen die zeitgenössische deutsche Literatur spricht.

In Gerlingen bei Stuttgart wurde Luise Rinser, die auf einer Veranstaltung der Volkshochschule aus ihren Büchern lesen sollte, wieder ausgeladen, weil die Illustrierte „Quick“ gegen sie unter der Schlagzeile „Sympathisanten“ eine Art Steckbrief veröffentlicht hat.

Jetzt erfährt man, daß in die Wohnung eines Sohnes von Heinrich Böll vierzig Beamte eines polizeilichen Sonderkommandos eingedrungen sind, um eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Der Grund: eine anonyme telefonische Denunziation. Böll freilich sieht den Fall anders. Da sich sein Sohn nie politisch betätigt oder auch nur öffentlich geäußert habe, werde hier, meint Böll, „Sippenhaft praktiziert“. Die Hausdurchsuchung sei das Ergebnis der nun schon seit über drei Wochen gegen ihn geführten intensiven „Denunziations- und Stimmungsmache“.

Natürlich: vor dem Gesetz sind alle gleich, auch der Nobelpreisträger Böll, auch sein Sohn. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, was Böll in einem dem Bayerischen Rundfunk erteilten Interview gesagt hat: „Ich frage mich: Wenn jemand in München anonym die Polizei anruft und ihr mitteilt, daß ein Sohn von Herrn Strauß Waffen in der Wohnung hat – ob dann vierzig bayerische Polizeibeamte in die Wohnung des Sohnes von Herrn Strauß gehen.“

Das Interview, in dem Böll dies gesagt hat, konnte man allerdings im Bayerischen Rundfunk überhaupt nicht hören: Es wurde zehn Minuten vor Sendebeginn vom Programmdirektor kurzerhand untersagt. Hingegen werden uns immer wieder in einem Teil der Presse und auch gelegentlich im Fernsehen Zitate aus verschiedenen Äußerungen Bölls in den späten sechziger und in den frühen siebziger Jahren offeriert.

Es ist schon wahr, daß man in den unzähligen Interviews und Statements von Böll auch unbedachte Sätze finden kann und gut gemeinte, doch mißverständliche Formulierungen. Er selbst ist der letzte, dies zu bestreiten. Diplomatische Fähigkeiten kann man ihm nicht nachrühmen. Und sollte jemand Böll für den Posten des Außenministers der Bundesrepublik vorschlagen, so wäre ich ebenso dagegen, wie ich kein Bedürfnis habe, einen etwaigen Roman von Genscher zu lesen.

Doch wie immer böswillige Kommentatoren mit Böll-Zitaten spielen und manipulieren mögen – daß er je der Gewalt und dem Terror das Wort geredet hätte, ist absurd. Wie töricht die Verleumdungskampagne gegen Böll ist, läßt sich schon der Tatsache entnehmen, daß man sich bemüht hat, seine in der F.A.Z. vom 17. September publizierte Kurzgeschichte „Du fährst zu oft nach Heidelberg“, die übrigens schon im Juni geschrieben wurde, in einem Zusammenhang mit der Schleyer-Entführung zu bringen. Wie man sieht, erfordert die Lektüre von Kurzgeschichten oft ein Verständnis, das man bei manchen unserer lesenden Mitbürger nicht voraussetzen kann.

Nach Luise Rinser und Heinrich Böll soll nun, wie man hört, Grass an die Reihe kommen. Einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge gibt es schon Listen von „Sympathisanten“, mit denen abzurechnen sei. Wenn das so weitergeht, wird jeder ehrenwerte deutsche Schriftsteller, den man nicht als „Sympathisant“ bezeichnet, dies geradezu als beleidigend empfinden.

Schon hört man, es hätte hierzulande eine Art McCarthy-Ära begonnen. Der Vergleich der Bundesrepublik der siebziger Jahre mit den Vereinigten Staaten vom Ende der vierziger Jahre ist jedoch leichtsinnig und falsch. Nein, so weit sind wir glücklicherweise noch nicht. Aber es besteht Anlaß genug, gegen Vorfälle und publizistische Aktivitäten zu protestieren, die schon jetzt unzweifelhaft von einem Klima zeugen, in dem Verdächtigungen, Verleumdungen und Spitzeleien rasch gedeihen.

Sehr richtig hat Böll darauf hingewiesen, daß es in diesem Land Kräfte gibt, die aus den wenigen Deutschen, die im Ausland nicht gerade zu den „Häßlichen“ zählen, unbedingt „häßliche Inland-Deutsche“ machen möchten. In wessen Interesse geschieht dies?

Die gegenwärtige „Stimmungsmache“ sei, meint Böll, „lebensgefährlich“. Zu fragen ist: lebensgefährlich für wen? Bestimmt nicht für die Terroristen. Im Gegenteil: die Diffamierungskampagne gegen liberale Schriftsteller lenkt nur von dem so notwendigen Kampf gegen den Terrorismus ab. Lebensgefährlich ist die Kampagne vielmehr für die Demokratie.

Anmerkungen von Thomas Anz: Der Artikel ist unter dem Titel „Böll wird diffamiert“ am 3. Oktober 1977 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen und wurde später unter dem Titel „Lebensgefährlich“ nachgedruckt in Marcel Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter. Über Heinrich Böll. Kiepenheuer & Witsch 1986 (dtv, München 1994, hier S. 82-84). Die erneute Veröffentlichung in literaturkritik.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Andrew Ranicki. Der Artikel erscheint demnächst auch (zum 100. Geburtstag Bölls im Dezember 2017) in einer erweiterten und kommentierten Ausgabe von Reich-Ranickis Schriften über ihn und Briefen an ihn im Verlag LiteraturWissenschaft.de.