Ist doch logisch!

Still und leise überholt Wilhelm Büttemeyer selbst große Klassiker der Logik-Einführungsbände – wenn auch nur für die Prädikatenlogik

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein starkes Fundament nicht nur der Philosophie, sondern auch der Linguistik und vieler anderer Fächer, in denen argumentiert werden muss, ist die Logik. Viele pochen auf die Notwendigkeit der Logik, wenn jemand etwas sagt, das ihnen nicht passt. Vor ihr und ihren Teilgebieten zittern jedes Semester fast alle Philosophiestudierenden. Die Logik ist die ungeschriebene Bibel des modernen Abendlandes, der Verstand so etwas wie der Heilige Geist des westeuropäischen Denkers. Wilhelm Büttemeyer hat sich an einer 271-seitigen Niederschrift in der Junius-Einführungsreihe versucht.

Das erste Kapitel beginnt wie in vielen Einführungsbänden ‚logischerweise‘ bei Aristoteles. Während das zweite in den meisten Logik-Einführungen der modernen Prädikatenlogik vorbehalten ist, bleibt Büttemeyer von Anfang an beim historischen Ansatz, dem er sich verpflichtet sieht, und gibt eine Übersucht über das das logische System des Aristoteles. Im dritten Kapitel über die klassische Prädikatenlogik werden die Leser mit Bedacht an das Thema herangeführt, auch wenn dieses Kapitel das symbolreichste ist. Die Schaubilder erleichtern die Lektüre enorm. Mehrere didaktische Tricks und Besonderheiten helfen sowohl Lesern, die sich das erste Mal mit Logik beschäftigen, als auch denen, die bereits Vorkenntnisse besitzen, sich mühelos in den Stoff einzufinden.

In Büttemeyers Einführung wirkt die Symbolsprache der formalen Logik nicht mehr abschreckend. Die wichtigsten Begriffe sind klar benannt und gegliedert, mit Beispielen untermalt und werden direkt angewendet. Aussagenlogische Schlüsse vor der Aussagenlogik, assertorische Syllogistik, klassische Prädikatenlogik und ein Ausblick finden hier ihre Erläuterung. Büttemeyer weiß das intuitive Verständnis seiner Leser anzuregen und bringt ihnen eine Vielzahl formallogischer Regeln nahe, indem er vom Allgemeinen zu den genauen formalen Aspekten geht. Von Aristoteles bis heute schlägt der Autor mühelos einen Bogen und gibt dabei einleuchtende Erklärungen. An historischen Beispielen wie den Texten von Parmenides, Melissos und Philolaos zeigt Büttemeyer außerdem auf, dass das Fehlen einer formalen Logik zu starken Divergenzen und Lückenhaftigkeiten der einzelnen Argumentationen führte. Das Gelesene wird in kleinen Kästen noch einmal knapp und übersichtlich zusammengefasst, die Lesenden müssen indes überhaupt nichts selbst machen, Mitdenken genügt. Die vielen nicht-symbolischen historischen Beispiele und die kleinen Übersichtsboxen tragen dazu ihren Teil bei. Im Gegensatz zu Raymond Smullyans gern empfohlenem First-order Logic von 1995 überfordert Büttemeyer gerade solche Leser, deren schon die Schulmathematik ein Graus war, nicht, sondern formuliert im Fließtext aus, was andere Autoren schon in ihren ersten einführenden Sätzen radikal formalisieren. Und auch Edward Craigs ebenso gefeierte Einführung Philosophy: A Very Short Introduction aus dem Jahr 2002 überflügelt Büttemeyer gekonnt: Seine Ausführungen lesen sich mindestens so leicht, wirken aber insgesamt weniger banal und sind historisch ausführlicher. Das soll den einzelnen Einführungen ihre Berechtigung und ihren Nutzen nicht absprechen – was man selbst als besonders hilfreich einstuft, kann für jemand anderen absolut unverständlich sein.

Büttemeyer bleibt in seinem historischen Abriss nicht bei Aristoteles. Nach der im 19. Jahrhundert eingetretenen Revolution der Logik, die maßgeblich durch Gottlob Frege vorangetrieben wurde, kristallisierten sich trotz einiger Umwälzungen wesentliche Grundlagen einer funktionierenden Logik heraus: unter anderem die durch die Aussagenlogik geforderte Widerspruchsfreiheit und Zweiwertigkeit, die besagt, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch sein muss. Erst in den Naturwissenschaften wurde dieser Ansatz hinterfragt und an eine mehrwertige Logik appelliert. Die Logik ist auch heute noch kein abgeklärtes Gebiet, ebenso wenig wie andere Wissenschaften eine abgerundete Vollkommenheit ohne fachinterne Streitigkeiten und Widersprüche für sich behaupten können. Die materiale Implikation ist nur einer von vielen Fällen, die noch immer große Diskussionen auslösen.

Leider bleibt es, vermutlich aus Platzgründen, bei der Prädikatenlogik, während die anderen, sehr viel komplexeren Teilgebiete der Logik nur in einem kurzen Überblick vorgestellt werden. Diese weisen starke Abweichungen von der aristotelischen Syllogistik und der klassischen Prädikatenlogik auf. Erfreulich wäre es, wenn Büttemeyer zu diesen Gebieten weitere Bände veröffentlichen würde. Die Philosophiestudierenden seien allerdings gewarnt: Man besteht die Klausur nicht, wenn man sich nur im Bereich Prädikatenlogik auskennt. Büttemeyers Einführung ist für alle Interessierten geeignet und macht essentielles Handwerkszeug verständlich, kann jedoch, und das ist wohl auch nicht der Anspruch, keinesfalls die Teilgebiete der Logik in Gänze unterbringen.

Titelbild

Wilhelm Büttemeyer: Logik. Zur Einführung.
Junius Verlag, Hamburg 2014.
296 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783885060796

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