Man muss sich Markus Bundi als einen glücklichen Menschen vorstellen

Der Erzählband „Planglück“ nutzt die Freiheit der kleinen Form

Von Martin GaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

15 Erzählungen auf nicht einmal 140 Seiten. Markus Bundi schöpft diese Textgattung nach Herzenslust aus, er kann ein kluges Gedankenspiel auf einer halben Buchseite entfachen, sich aber auch mal bis zu 23 Seiten für einen Text nehmen. Immer steckt sehr viel in seinen Texten, es geht um unsere fragile Zivilisation, darum, dass uns der Glaube abhanden gekommen ist und sich alles fortwährend im Übergang befindet. In der faszinierenden Erzählung Operation Sherwood schreibt der Ich-Erzähler von der Erinnerung an den Schulkameraden Jeremy, der sich, als „Tycoon Trump“ im US-Wahlkampf von einer Mauer zu Mexiko faselte, zu radikalisieren begann. Kurz vor der Matura dann ging es um einen Aufsatz zum Thema Altruismus. Jeremy erfand eine Hauptfigur „K“, die eine großaßrtige Idee zur Perfektion trieb.Diese brachte „K“, unfassbar viel Geld ein. Der Lehrer hatte zwar den einen oder anderen formalen und stilistischen Einwand, doch fand er den Ansatz bestechend. Dieser Text im Text scheint sich verselbständigt zu haben, denn im realen Leben war ein Jahr nach der Matura der jungen Männer deren Lehrer verschwunden und auch Jeremy, der eine andere Identität angenommen hat, ward nicht mehr gesehen. In Amerika, Europa und der Sahara wurden mehrere Mauern gesprengt…

Markus Bundi (Jahrgang 1969) baut hier einen Hinweis auf Georg Büchners „Dantons Tod“ ein, der Philosoph und Germanist lässt in diesem Buch außerdem Heinrich von Kleist, Johann Wolfgang von Goethe und seinen Landsmann Peter Bichsel auftreten, darüberhinaus gibt es sicher eine Vielzahl an Verweisen und Zitaten, die der Rezensent nicht kennt und/oder erkannt hat. Vorangestellt ist dem Buch ein Zitat von Karl Jaspers, Bundi benennt seinen Anspruch also von Beginn an. In der sehr fremd anmutenden, ebenfalls äußerst klugen und stilsicheren Erzählung Eiszeit ist der Ich-Erzähler ein Hausgeist, der sich Sepp nennt. „Sepp ist kein Kobold, auch kein Dämon, weder Werwolf noch Vampir“. Dieser Sepp berichtet von den Leistungen seiner Vorfahren, sie waren bei allen wichtigen und epochalen Wegmarken der Menschheit anwesend oder gar aktiv. Sie haben unbemerkt Einfluss genommen, große Geister und Politiker wurden von ihren Einflüsterungen sanft geleitet. Auch in privaten Konstellationen sind sie anzutreffen, der Ich-Erzähler war gar als Kuppler tätig. Doch nun droht ihnen – der erste Satz der Erzählung lautet: „Wahrscheinlich bin ich der letzte Hausgeist auf diesem Planeten“ – ihr Ende, das wohl mit der Digitalisierung zusammenhängt.

Die Geschwindigkeit des Fortschritts hat auch die Seppen überrascht, sie hatten ihr nichts entgegenzusetzen und offenbar wurden sie von den Menschen auch immer weniger gebraucht. An einer Stelle fragt sich der Hausgeist „Wie kam der Mensch dazu, der Computer wegen sich vom eigenen Denken zu suspendieren?“ Dies ist wohl Bundis Interpretation von beziehungsweise seine Replik auf Kants Ausspruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Wahrscheinlich sieht er, ohne zu pessimistisch zu sein, das Ende der Aufklärung heraufdämmern, denn der Mensch scheint sich wieder in eine Unmündigkeit zu begeben.

Die titelgebende Erzählung „Planglück“ ist ein langer Antwortbrief eines älteren Neurochirurgen an einen Kollegen, welcher ihm 100.000 überwiesen hat. Die Gegenleistung besteht in einer Formel, wie wohl das Glück zu erlangen sei. Und also schreibt der so zu Geld Gekommene an zwei Tagen über chirurgische und abstruse Methoden, etwa der Züchtung eineiiger Zwillinge, von denen jeweils nur einer in Erscheinung treten solle; daraus solle Kapital, also „Planglück“ zu schlagen sein. An einer Stelle seines mäandernden Briefes fragt der Schreiber „Was geschieht, wenn Sisyphos krank wird?“ – ­ eine faszinierende und bestechende Frage, die Markus Bundi ein weiteres Mal als Schriftsteller ausweist, der in der kleinen Form und mit unglaublicher Erzählökonomie große Themen anspricht und weite Hall- und Assoziationsräume eröffnet.

Überhaupt scheint der Autor sich seiner Freiheit in der Ausgestaltung seiner Texte absolut bewusst zu sein und ebendiese Freiheit genüßlich zu nutzen. Ob er, wie in der Erzählung „Die Lücke“, einerseits ein Zeitparadoxon thematisiert, andererseits eine charmante Gaunerburleske mit viel Atmosphäre und brillant hingetupften Kurzbiografien losschnurren lässt und dabei noch Bichsels Kindergeschichten einflicht, oder in Little Joe einen leicht melancholischen Rentner in Erinnerungen schwelgen lässt, wie schön es damals war, mit dem portugiesischen Kollegen zu angeln und zu reden – immer findet Bundi den richtigen Ton, die passende Stimmung, oftmals mit einem augenzwinkernden und humorvollen Satz abgerundet. Der beglückte Leser, der Nähe und Verwandtschaft zu Karl-Heinz Ott, Markus Werner, Alex Capus und Christoph Poschenrieder erkennt, staunt über so viel literarische Qualität und thematische und formale Vielfalt.

Titelbild

Markus Bundi: Planglück. Erzählungen.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2017.
142 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783863514532

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