Das Buchstabieren von Schöpfung und Vernichtung

Inger Christensens Langgedicht „alfabet“ aus dem Jahr 1981 ist in einer Neuausgabe mit Radierungen Per Kirkebys erschienen

Von Kai SammetRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Sammet

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Fremdsprachige Lyrik muss zweisprachig geboten werden. Selbst wenn man die Sprache nicht kennt, sind Blicke auf die linke, unverständliche Seite erhellend. Natürlich spielt das auf den Gemeinplatz an, Lyrik  sei unübersetzbar – wogegen spricht, dass sie dauernd übersetzt wird. Übersetzen heißt: etwas aus einer Sprache auf dem Papier von der linken auf die rechte Seite über-setzen. Im Zwischenraum passiert etwas, und damit man das sehen kann, muss es zweisprachig sein.

Das gilt insbesondere für alfabet der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, denn dieses Langgedicht behandelt nicht das Alphabet, sondern benutzt es als Bauprinzip – und zwar, das ist das zweite Bauprinzip, in Verbindung mit der Fibonacci-Folge, ein mathematisches Kochrezept einer unendlichen Folge natürlicher Zahlen, beginnend mit zweimal der Zahl 1. Im Anschluss ergibt jeweils die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen die nachfolgende. Christensen beginnt also unter 1 mit a und endet im Kapitel 14 mit n, das heißt nicht das gesamte Alphabet wird durchbuchstabiert, und das aus guten Gründen. Kombiniert mit der Fibonacci-Folge beginnt das Gedicht mit einer Zeile, das zweite Kapitel umfasst zwei (1+1=2), das dritte des Buchstabens c drei Zeilen (1+2=3), das d-Kapitel fünf Zeilen (2+3=5). Ist das nur formalistisch und künstlich? Nein. Leonardo Fibonacci beschrieb mit der nach ihm benannten Folge das Wachstum einer Kaninchenpopulation. Später zeigte sich, dass die Fibonacci-Folge Wachstumsmuster in der Natur, insbesondere bei Pflanzen beschreibt. Auch in der Mikrostruktur tauchen Fibonacci-Zahlen auf. Beispiel: der chemische Bau einiger Fettsäuren.

Christensens Gedicht spiegelt formal, was die organische, die chemische Welt zusammenhält und orgelt nicht nur Zahlen durch. Auch das könnte noch gewollt erscheinen. Ist es aber, wiederum, nicht. Man erkennt unschwer, dass die Fibonacci-Folge schnell in Zahlenwucherungen ausartet: Das e-Kapitel umfasst 8 Zeilen (3+5=8), f 13 (5+8=13), g 21 (8+13=21), h 34 (13+21=34), bei n ist man bei 610 Zeilen gelandet (233+377=610) – ein z-Kapitel würde 121.393 Zeilen umfassen. Dass Christensen nicht alles durchbuchstabiert, ist nicht nur pragmatisch. Es genügt ihr, mit n als Endkapitel, mit der Verwendung der Fibonacci-Folge genau auf dieses Wuchern und Wachsen der Schöpfung – um nichts anderes geht es hier – zu verweisen. Die Verwendung beider Bauprinzipien (Alphabet und Fibonacci-Folge) ist auch deswegen keine artifizielle Spielerei, weil das Alphabet das Bildungsprinzip für Wörter und Sätze und damit Sinn ergibt. Mit 26 Buchstaben des Alphabets lässt sich alles, was der Fall ist, sagen. Christensens Langgedicht buchstabiert sich von Kapitel 1 bis 14 durch das, was „es gibt“. Dieses „es gibt“ stellt bis Kapitel 5 das einzige Prädikat dar. Formelhaft- repetitive Beschwörung der Existenz(en), anfänglich als Ontologie des Konkreten. Es beginnt mit „abrikostraerne findes, abrikostraerne findes“. Das ist hervorragend gewählt, denn schon hier bringt Christensen Klang, Farbe und Geschmack, Synästhesien des Konkreten zueinander: Es gibt also Aprikosenbäume. Spätestens im b-Kapitel wird klar, warum man auf das dänische Original starren muss: „bregnerne findes; og brombaer, brombaer/ og brom findes; og brinten, brinten“. Die deutsche Übersetzung kann das alphabetische Bauprinzip nicht mehr abbilden – Hanns Grössel übersetzt: „die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren/ und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff“ –, ebenso wenig wie die kehlig-rauen r-Laute, die schon das a-Kapitel beherrschten. Im nächsten Kapitel erweitert Christensen den Klang, und wieder lässt sich das so nicht über-setzen: „cikaderne findes; cikorie, chrom/ og citrontreaer findes; cikaderne findes;/ cikaderne, ceder, cypres, cerebellum“. Spitze i-Laute und zum Schluss das Einschwenken auf das offene e.

Christensen geht im b-Kapitel von einer Ontologie des Konkreten, der Pflanzen und Früchte, über zur Chemie: Brom und Wasserstoff. Dabei geht es jedoch nicht um Bindungen und Elemente. Vielmehr liefert die Chemie die genuin politische Komponente dieses Gedichts. Die Schöpfung ist bedroht durch Vernichtung. Alfabet erschien 1981, zu einer Zeit atomarer Bedrohung, aber auch des beginnenden Umweltbewusstseins. „Es gibt“ eben auch die Bedrohung der Schöpfung. Das d-Kapitel enthält einen Verweis auf das Sevesounglück, einen Chemieunfall, von 1976: es gibt nicht nur „dagene“, Tage, sondern auch „dioxin“, das später als Agent Orange in Vietnam wiederkehrt. Im h-Kapitel heißt es: „und unterm schrägen/ Harmageddon des himmelsgewölbes das gift,/ die sausende harfe des gifthubschraubers über hirtentäschel“.

Beschränkt sich Christensen bis Kapitel 5 auf ein Prädikat, „es gibt“, kommen ab Kapitel 6 Attribute hinzu. Nur langsam erlaubt die Lyrikerin Verben den Zugang. Insgesamt nimmt nicht nur die Verszahl zu, sondern die semantisch-inhaltliche Struktur wird komplexer, auch wenn Christensen immer wieder zur Wucht des „es gibt“ zurückkehrt. „Es gibt“ eben nicht nur Aprikosenbäume oder Brom oder Wegwarte, vielmehr gibt es auch die Atom- und Wasserstoffbombe. Nachdem Christensen baugerecht im j-Kapitel Juninächte und die Erde („Jorden; Jorden“) besingt, beginnt mit Vers 48 ein ganz neuer Abschnitt: „atombomben findes// Hiroshima, Nagasaki// Hiroshima den 6. / august 1945“. Später wird sie, ebenso berichtsartig, die Wasserstoffbombenversuche der Amerikaner und Sowjets beschreiben.

Titelbild

Inger Christensen: alfabet / alphabet.
Mit 14 reproduzierten Radierungen von Per Kirkeby.
Übersetzt aus dem Dänischen von Hanns Grössel.
Kleinheinrich, Münster 2016.
182 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783945237021

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