Der junge Mann und das Meer

Stephen Cranes „Das offene Boot und andere Erzählungen“ vereint Prosastücke, die mehr sind als nur Meeresgeschichten

Von Paula BöndelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Paula Böndel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1900 starb Stephen Crane an Tuberkulose in einer Lungenheilanstalt in Deutschland. Er war achtundzwanzig Jahre alt und gehörte in den USA nicht nur zu den bekanntesten, sondern auch innovativsten Schriftstellern seiner Generation. Drei Jahre zuvor hatte er auf dem Weg nach Kuba, wo er im Auftrag einer New Yorker Zeitung über den kubanischen Unabhängigkeitskampf berichten sollte, den Schiffbruch des Dampfschiffs „Commodore“ miterlebt. Die nachfolgenden Ereignisse – er trieb dreißig Stunden lang mit drei Überlebenden der Mannschaft in einem kleinen Rettungsboot auf offener See –, fügten seiner bereits angegriffenen Gesundheit weiteren Schaden zu. Die künstlerische Überformung dieser erschütternden Erfahrung bescherte aber der Literatur die Meistererzählung Das offene Boot, die nachhaltigen Einfluss auf spätere Autoren ausübte. Besonders für Ernest Hemingway wurde Crane zum literarischen Vorbild.

Eine weitere Parallele zu Hemingway ist die journalistische Laufbahn, die Stephen Crane früh einschlug. Erfahrungen, die er bei seinen Recherchen für Reportagen über das soziale Milieu in den Elendsvierteln von New York machte, lieferten den Hintergrund für seinen ersten Roman Maggie. A Girl of the Streets (Maggie, das Straßenmädchen). Er erschien 1893, wurde aber wegen seiner thematischen und sprachlichen Drastik abgelehnt; indes zählt er zu den Hauptwerken des amerikanischen Naturalismus. Mit The Red Badge of Courage (Die rote Tapferkeitsmedaille), einer überaus realistischen Schilderung der Erlebnisse eines jungen Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, gelang Crane 1895 der literarische Durchbruch. Eigene Kriegserfahrungen machte er später als Berichterstatter sowohl während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Griechenland und der Türkei (1896/97) als auch im Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898).

Das Offene Boot und andere Erzählungen vereint Werke von Crane, die mit Ausnahme der posthum veröffentlichten Geschichten Abfahrt eines Ozeandampfers und Auslandspolitik zwischen 1894 und 1900 erschienen sind. Leitmotivisches Element dieser zunächst heterogen erscheinenden Sammlung ist das Meer. Ihm kommt – formal gesehen und somit unabhängig vom symbolischen Gehalt – eine integrative, gleichsam einheitsstiftende Funktion zu.

„Wie das ist, dreißig Stunden in einem offenen Boot zuzubringen, diese Schilderung wäre zweifellos ein Lehrstück für die Jugend, doch hier ist weder die Zeit noch die Gelegenheit dazu. Ich denke, ich werde diese Geschichte lieber ein andermal erzählen […]“ So schrieb Stephen Crane in einem Bericht, der unmittelbar nach der Schiffskatastrophe in der New York Press veröffentlicht wurde. Während der Autor hier die Ereignisse von der Einschiffung in Jacksonville bis zum Untergang der „Commodore“ vor der Küste Floridas schildert, konzentriert sich die Erzählung Das offene Boot ausschließlich auf die Ausnahmesituation der vier Schiffbrüchigen im Rettungsboot, zu denen der verwundete Kapitän, der Maschinist, der Koch und der Korrespondent gehören. Das reale Erlebnis wird nicht nur rekonstruiert, sondern vielmehr auf eine allgemeine Problematik hin stilisiert: die Verlorenheit und Ausgesetztheit des Menschen angesichts der Bedrohung einer überwältigenden Macht.

Auf dieses Ausgeliefertsein deutet auch der erste Satz hin: „Keiner von ihnen hatte Augen für die Farbe des Himmels.“ Der Kampf um das bloße Überleben – das gebannte Starren auf die heranrollenden Wellen, das Oszillieren zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Hunger, Kälte und Erschöpfung, das verzweifelte Bemühen, das Boot über Wasser zu halten –, all dies droht die Männer physisch und psychisch zu überfordern, lässt sie aber gerade in dieser Extremsituation zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen.

Dem Mikrokosmos der Schiffbrüchigen steht das bewegte Bild des gewaltigen Meeres in seiner Bedrohlichkeit, seiner Schönheit und Erhabenheit, aber vor allem in seiner Indifferenz gegenüber: „Das Meer kennt kein Mitleid, keine Treue, kein Gesetz, kein Gedenken“, könnte man mit Joseph Conrad sagen. Der Ausgang der Geschichte versinnbildlicht diese Indifferenz: Das Meer wird wahllos zur lebensvernichtenden wie auch lebensrettenden Instanz.

Ist das Meer in der Erzählung Das offene Boot ein Sinnbild für die Willkürlichkeit der Natur den Menschen gegenüber, so liefert es in anderen Erzählungen den Hintergrund, vor dem die Geschehnisse abgebildet werden. Die Atmosphäre eines Küstenorts bzw. die Tristesse einer Sommerfrische am Ende der Saison werden eingefangen sowie Abschiedsszenen am Hafen geschildert. Primär aber wird das Meer in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zum Rahmen für Betrachtungen über menschliche Grundsituationen, etwa in Ein Fischerdorf und Alter Mann auf Freiers Füßen. In der Erzählung Der Tod und das Kind, die Kriegsereignisse in Griechenland schildert und in einer Gebirgslandschaft spielt, kommen den Meeresbeschreibungen eine rein metaphorische Bedeutung zu.

Der Autor verwendet einen realistischen Stil, der in seiner Sachlichkeit, Knappheit und Präzision nur scheinbar im Widerspruch zu der Ausdrucksstärke seiner Bildersprache steht. Vielmehr ist es das souveräne Zusammenspiel dieser beiden Elemente, welches das Besondere seiner Erzählungen ausmacht. Es sind realistische Prosastücke, die gerade deshalb so eindringlich wirken, weil sie die Realität überschreiten und zu Spiegelbildern archetypischer Vorgänge werden.

Stephen Crane hat ein sehr bewegtes Leben geführt, arbeitete trotz seines prekären Gesundheitszustands als Berichterstatter in Kriegsgebieten und kämpfte häufig mit finanziellen Schwierigkeiten. Dass er zeitweilig gegen einen Schuldenberg ‚anschreiben‘ musste, hat Auswirkungen auf die Qualität seines literarischen Werks. Auch im vorliegenden Erzählband sind mal mehr, mal weniger gelungene Geschichten versammelt. Dennoch ist das Buch wegen mehrerer hervorragend durchkomponierter Prosastücke, zu denen allen voran Das offene Boot gehört, eine durchaus zu empfehlende Lektüre.

Es ist dem mareverlag zu verdanken, dass die Meereserzählungen Stephen Cranes, von denen einige zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, in einem ansprechend gestalteten Band vorliegen. Nuancenreich übersetzt wurden sie von Lucien Deprijck. Ein informatives Nachwort, ebenfalls von Lucien Deprijck, bietet auf knappem Raum einen ersten Einblick in Leben und Werk des Autors.

Titelbild

Stephen Crane: Das offene Boot und andere Erzählungen.
Herausgegeben und aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Lucien Deprijck.
Mareverlag, Hamburg 2016.
238 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783866482630

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