Varianten im Spektrum Mensch

Der Band „Aut ist in“ zeigt zahlreiche Facetten des Lebens mit Autismus

Von Laslo ScholtzeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Laslo Scholtze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Autismus ist vielgestaltig. Faszinierend für die, die sich damit befassen. Oft befremdlich oder erschreckend für die, die unvorbereitet damit konfrontiert werden. Trotz zunehmender medialer Popularität ist Autismus von vielen Klischees umgeben und für die Autisten selbst immer noch Ursache für beträchtliches Leid, das meist dem Unwissen und dem Unvermögen der Umwelt geschuldet ist, angemessen mit ihnen umzugehen.

Joshua spricht bis zum Alter von zwei Jahren überhaupt nicht, dann nur sehr wenig. Insgesamt wirkt seine Entwicklung in den ersten Lebensjahren nicht altersgerecht. Er wird als intelligenzgemindert eingestuft, erhält Logopädie und Ergotherapie. Der Junge nimmt nicht an Gruppenspielen teil, beschäftigt sich lieber allein und reagiert extrem sensibel auf Lärm. Die Ärzte können sich keinen Reim darauf machen. Mit sechs Jahren bekommt Joshua eine ADHS-Diagnose. Erst mit elf Jahren wird der frühkindliche Autismus mit untypischen Merkmalen festgestellt. Intelligenzgemindert ist Joshua nicht, er hat lediglich eine auditive Wahrnehmungsstörung. Wertvolle Jahre, in denen er gezielt hätte gefördert werden können, sind verstrichen.

Der heute gängige Begriff der Autimusspektrum-Störungen, die als „tiefgreifende Entwicklungsstörungen“ klassifiziert werden, weist bereits auf die Vielgestaltigkeit der Ausprägungen hin. Den „typischen“ Autisten gibt es kaum, die Unterschiede sind gewaltig. Sie reichen von teilweise hochbegabten Asperger-Autisten ohne Intelligenzminderung bis hin zu schwer beeinträchtigten Menschen mit sogenanntem frühkindlichen Autismus, die nur über sehr geringe sprachliche Mittel verfügen. Die berühmten Savants, Genies in Bereichen wie Musik, Mathematik, Kalender-Gedächtnis oder mit zeichnerischer Begabung, die sich ob ihrer spektakulären Fähigkeiten großer medialer Präsenz erfreuen, sind dagegen bei Weitem die Ausnahme.

Sandra hatte ihr ganzes Leben damit zu kämpfen, anders zu sein; sie wurde in ihrer Familie nicht akzeptiert, in der Schule ausgegrenzt und gemobbt. Ihr Berufsweg ist steinig und von außen betrachtet widersprüchlich: Den Realschulabschluss verfehlt sie wegen schlechter Noten, die pharmazeutische Ausbildung und das nachgeholte Fachabitur absolviert sie dagegen als Jahrgangsbeste. In ihrem Sohn Joshua findet sie sich und viele ihrer Eigenheiten wieder. Als Joshua die Autismus-Diagnose erhält, wird ihr klar, dass auch sie betroffen ist: Sie wird als hochbegabte Asperger-Autistin diagnostiziert.

Autismus gilt im Wesentlichen, jedoch nicht ausschließlich, als genetisch verursacht. Die Erblichkeit wird auf 70 bis 80 Prozent geschätzt. Wurde die Häufigkeit von Autismus 1975 noch mit 1 auf 5.000 angegeben, liegen aktuelle Berechnungen bei rund 1 auf 100. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dieser sprunghafte Anstieg der Autismus-Diagnosen ein wichtiges Thema. Ursachen dafür werden einerseits im höheren gesellschaftlichen Bewusstsein für Autismus sowie in einer verbesserten Diagnostik gesehen. Andererseits scheinen Faktoren wie Ernährung, höheres Alter der Eltern, Umweltgifte oder Medikamentenkonsum ebenfalls eine Rolle zu spielen. Beim frühkindlichen Autismus überwiegen die Jungen in einem Verhältnis von ungefähr 3 zu 1, beim Asperger-Syndrom ungefähr 6 zu 1.

Für Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist unsere neurotypische Welt in vielerlei Hinsicht verwirrend, uneindeutig und überfordernd. Vor allem Kommunikation und soziale Interaktion sind ihnen nicht intuitiv verständlich. Dies führt auf der Beziehungsebene häufig zu Unverständnis, Ablehnung und Frustration. Soziale Isolation und berufliches Scheitern sind die Folgen davon. Mitunter kommt es so auch zu psychischen Folgestörungen wie sozialen Phobien und Depressionen. Zudem haben Autisten oft Schwierigkeiten mit der Handlungsplanung und sind hypersensitiv gegenüber sensorischen Reizen wie etwa lauten Geräuschen. Werden autistische Kinder jedoch frühzeitig erkannt und entsprechend gefördert, können viele der negativen Konsequenzen in der Entwicklung vermieden werden. Aufklärung und Information sind also dringend nötig.

Die Journalistin Heike Drogies, selbst Mutter eines autistischen Sohnes, hat sich dieser Aufgabe angenommen und nach intensiver Recherche den großformatigen Band Aut ist in herausgegeben, der gut als erste Annäherung an das Thema dienen kann. Wichtige Bereiche des autistischen Kosmos werden hier beleuchtet, von der psychologischen Diagnostik über Fragen der Ausbildung, des Berufs, der Partnersuche, der Kommunikation mit Ärzten bis hin zu wissenschaftlichen Modellen des Autismus.

Das Herzstück des ausgiebig bebilderten Bands sind kurze Porträts wie jenes von Sandra und ihrem Sohn Joshua. Heike Drogies stellt darin autistische Kinder und Erwachsene verschiedenen Alters vor, skizziert ihren Lebensweg, ihre Besonderheiten sowie Irrungen und Wirrungen bis zur korrekten Diagnose, die so gut wie immer eine große Erleichterung, für viele sogar ein Wendepunkt in ihrem Leben ist. Endlich eine schlüssige Erklärung für das immer schon empfundene Fremdsein, das Nicht-Dazupassen, das Nicht-Dazugehören! Lebenslange Probleme und Missverständnisse klären sich auf und werden für beide Seiten, autistische wie auch neurotypische, verständlich.

Autismus ist nicht heilbar, aber in der Anerkennung der Andersartigkeit, der spezifischen Möglichkeiten wie auch der Grenzen, die damit einhergehen, liegt eine große Chance, zueinander zu finden. Aut ist in zeigt viele Beispiele, wie dies gelingen kann. Denn mit der richtigen Förderung und mit dem angemessenen Verhalten des Umfeldes können Autisten ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten entfalten und gewinnbringend einsetzen. Es fällt auf, wie häufig die Metapher des „Außerirdischen“ für das autistische Dasein in der neurotypischen Welt verwendet wird – sowohl von den autistischen Menschen selbst wie auch von ihren Angehörigen. Und damit einhergehend der zentrale Wunsch, in dieser anderen Seinsform nicht pathologisiert, sondern anerkannt und wertgeschätzt zu werden. „Ich gehöre zum Spektrum Mensch“, so die prägnante Aussage von einer der Porträtierten.

Auch im Internet findet sich viel Wissens- und Lesenswertes zum Thema Autismus. Zum Beispiel der offene Brief eines Autisten mit dem Titel „Trauert nicht um uns“, in dem er Eltern eindringlich dazu auffordert, ihr autistisches Kind nicht für die eigene Trauer und Enttäuschung verantwortlich zu machen. Oder der Bericht über die „autistic & proud“-Bewegung autistischer Menschen, die im Sinne eines Empowerments das Wort ergreifen und Deutungshoheit über die eigene Form des Daseins erlangen wollen. Oder autistische Kunst im arte-Video sowie die informationsreiche Seite „Autismus & Computer“, die unter anderem zeigt, welcher Segen das Computerzeitalter für viele autistische Menschen ist.

Titelbild

Heike Drogies: Aut ist in. Autismus ist in.
Lebenskünstler Verlag, Osnabrück 2017.
100 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783946410003

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