Eine Fühmann-Renaissance!

Neuere Bücher zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts

Von Stephan KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ja, das Rufzeichen im Titel signalisiert einen freudigen Ausruf und zeigt an, dass sich etwas tut in der Strecke Fühmann – Strecke hier bergmannsprachlich gebraucht, was auf Fühmanns Vorstellung von der Literatur als Bergwerk anspielt. Tatsache ist: Es tat und tut sich etwas zu Franz Fühmann, diese gute Nachricht lässt sich an den Anfang stellen. Denn nicht weniger als sechs Neuerscheinungen, darunter fast noch druckfrische, sind zu Franz Fühmann und seiner Literatur in den zurückliegenden 18 Monaten erschienen.

Begonnen wurde in Fühmanns Hausverlag Hinstorff mit den Bänden 1 (2016), 2 (2017) und 3 (2018) einer Briefausgabe, die auf insgesamt sieben Bände angelegt ist. Auch dort verlegt, jedoch nicht zu dieser gehörend, ist der Briefwechsel zwischen Franz Fühmann und Wieland Förster in den Jahren zwischen 1968 und 1984 mit dem Titel „Nun lesen Sie mal schön!“ (2016); herausgegeben wurde er von Roland Berbig. Mit dem Sammelband „Auf’s Ganze aus sein“. Franz Fühmann in seiner Zeit (2016), herausgegeben von Paul Alfred Kleinert, Irina Mohr, Franziska Richter wird eine Tagung im Spätherbst des Jahres 2015 dokumentiert, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung als Colloquium Literaturwelten veranstaltet wurde. Der Band kann leider nicht über den regulären Buchhandel bezogen werden. Uwe Buckendahl hat 2017 eine umfangreiche Monografie vorgelegt, die unter dem Titel Franz Fühmann: „Das Judenauto“ – ein Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb. Eine historisch-kritische Erkundung mit einer Synopse aller publizierten Textvarianten ausführlich die Editionsgeschichte eines der zentralen narrativen Texte Fühmanns aus den 1960er Jahren untersucht. Der Band Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann (2016), herausgegeben von Peter Braun und Martin Straub, versammelt unterschiedlichste Beiträge zu Fühmann. Neben dieser Aufzählung lassen sich noch weitere Einzelausgaben von Texten nennen, so zum Beispiel das Bändchen Über Gottfried Benn. Eine Rede (2018) und zwei Kinderbuchneuausgaben bei Hinstorff, Humpelhexe, Zauberbein und eine Feuer speiende Fee. 3 Märchen auf Bestellung (2016) und Am Schneesee (2017), von denen letztere freilich eine Auszugspublikation aus dem Buch Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel (1978) ist.

In dieser Übersicht ist von (Erst-)Editionen über wissenschaftliche Aufsätzen und Essayistisches bis hin zu einer editionskritischen Studie alles vorhanden. Die Vielfalt der Aspekte spricht damit vielleicht nicht nur für eine Renaissance, sondern könnte gar Ausweis für eine ‚lebendige Forschung‘ zu Fühmann sein – könnte. Sie vermittelt den Eindruck, dass die Debatten um Fühmanns Literatur und die – zumindest editorische – Forschung zu ihm lebendig sind. Das ist sicher nicht falsch, denn der Beginn der Briefausgabe und der parallel vorgelegte Briefwechselband Fühmann/Förster sind seit Erstellung der neunbändigen autorisierten Werkausgabe (erschienen von 1977 bis 1988, die Neuausgabe im Taschenbuch 1993 in 8 Bänden) die erste umfänglichere editorische Anstrengung, die über die Neuausgabe bereits zuvor publizierter Texte deutlich hinausgeht und deren Konzept zudem den gesamten Korpus der Fühmann’schen Korrespondenzen im Auge hat. In Band 1 nämlich findet sich ganz am Schluss ein hochinteressanter Editionsplan, aus dem sich die Anlage des Editionsprojektes ersehen lässt. Gegenüber diesem Plan stellt die Veröffentlichung des jetzigen Bandes 2, Briefwechsel mit Ingrid Prignitz, freilich eine Korrektur dar, da dieses Konvolut zunächst als Band 7 erscheinen sollte. Auch bei Band 3, Briefwechsel mit Joachim Damm, ergab sich diesbezüglich eine Änderung, denn dieser war zunächst als sechster Band geplant. Welche Gründe zur Veränderung des ursprünglichen Konzeptes geführt haben, ist nicht auszumachen. Zu hoffen bleibt aber, dass die Ausgabe fortgesetzt wird und das durchaus ehrgeizige Programm von insgesamt sieben Bänden vollständig umgesetzt werden kann.

Bei der Betrachtung der beiden vorliegenden Bände der Briefausgabe fällt die große qualitative Diskrepanz zwischen Band 1 und Band 2 auf. Beide sind trotz sehr unterschiedlichen Umfangs der Korrespondenzen sehr gut miteinander vergleichbar, da es sich in beiden Fällen um Fühmanns Briefwechsel mit seiner Lektorin / seinem Lektor handelt. Dieser Umstand bedeutet allerdings nicht, die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Ingrid Prignitz und Kurt Batt gleichsetzen zu wollen. Denn beide verstanden ihre Tätigkeit als Fühmann-Lektoren durchaus verschieden, was anhand der Briefwechsel sehr deutlich wird. Während Batt auch selbst publizierte (etwa eine Monografie zu Anna Seghers (1973) oder zu Fritz Reuter (1967)) und sich zwischen ihm und Fühmann durchaus ein Briefwechsel entspann, in dem beide ihre Positionen zu grundlegenden Fragen von Ästhetik und Literatur austauschten, dürfte Ingrid Prignitz ihre Rolle eher in der einer präzisen Beraterin des Autors und sorgfältigen Betreuerin (nach 1984 auch Hüterin) der Fühmann’schen Texte gesehen haben. Prignitz selbst sah diese Rolle sehr bescheiden: „Ich bin nach Batts Tod [1975] in die Lücke gesprungen, […] aber ich bin nicht so anmaßend zu glauben, ich könnte diesen Platz einnehmen. Habe auch nicht den Ehrgeiz, obwohl mir die Arbeit Spaß macht.“ (Prignitz an Fühmann, 22.10.1979) Dieser Gestus, ja dieses Selbstverständnis ist in den Briefen auffindbar und bestätigt umfassend den Eindruck, der sich bereits aus den von Prignitz besorgten posthumen Editionen gewinnen ließ, etwa aus dem – wenn auch etwas heterogen gehaltenen – Nachlassband Im Berg (1991) oder aus der Auswahl von Erzählungen unter dem Titel Das Ohr des Dionysios (1985, Neuauflage 1995) – dass Ingrid Prignitz sich mit aller Energie für das Werk Franz Fühmanns einsetzte. Das zeigt auch Kirsten Thietz, Herausgeberin von Band 2, sehr eindrücklich in ihrem Vorwort.

Betrüblich ist bei aller Freude über das Gesamtprojekt der Briefedition Fühmann die Tatsache, dass dem ersten Band ein erkennbares und die Präsentation des Briefwechsels unterstützendes Konzept fehlt. Das liegt nicht nur daran, dass die Herausgeberin und der Herausgeber dem Band kein erläuterndes Vor- oder Nachwort beigegeben haben, in dem neben den angewandten editorischen Prinzipien beispielweise auch hätte erklärt werden können, welche Funktion die Einfügung einzelner, nicht genuin zu einem Briefwechsel gehöriger Texte erfüllen soll. So sind, ohne jedwede Angabe von Quelle, Adressat oder der Zugehörigkeit, je einmal eine Rezension Batts zu Fühmann, ein Verlagsgutachten sowie am Schluss Fühmanns Trauertext auf Kurt Batt in kursiver Schrift abgedruckt. Hier wäre es ein Mindeststandard gewesen, die Herkunft der Texte zu benennen, und anzugeben, welchem Zweck ihre Beifügung dient. Der Briefwechsel ist ausdrücklich nicht mit Blick auf Veröffentlichung entstanden (– auch wenn Kirsten Thietz in ihrem Vorwort zu Band 2 darauf hinweist, Fühmann habe die Durchschläge seiner Briefe im Bewusstsein um deren „dokumentarischen Wert“ aufbewahrt; dies ist allerdings etwas anderes). Das lässt sich an den Beiträgen der Briefpartner jeweils sehr gut ersehen. Die drei genannten Texte hingegen besitzen eine dazu basal differente Funktion, da sie entweder explizit auf eine Veröffentlichung angelegt sind (Rezension, Nachruf) oder sehr gezielt einer formalen Vorgabe in der institutionellen Kommunikation zumal des Buch- und Verlagswesens in der DDR zu entsprechen haben (Gutachten). Diese Texte mit dem Briefwechsel, aber ohne die Herstellung klärender Zusammenhänge zu präsentieren beziehungsweise erneut zu veröffentlichen und zudem mit einer grafischen Markierung auszustatten, die für – ja wofür eigentlich? – Zitieren, Distanzieren, Kommentieren stehen könnte, macht den ersten Band insgesamt eher unübersichtlich. Ähnliches gilt auch für die Präsentation der Briefe selbst, bei der jede Angabe zu Beschaffenheit und Auffindbarkeit des Originals und zur Veröffentlichungssituation (Erstveröffentlichung?) vollständig fehlt.

Bekannt ist über Fühmann ja zum Beispiel, dass er Postkarten sehr genau auswählte und das jeweilige Bildmotiv beispielsweise durch mehr oder minder verdeckte Anspielungen darauf zum integralen Bestandteil der Mitteilung machte. Auch ist zumindest zu hinterfragen, ob dem Leser des Briefwechsels Fühmann/Batt tatsächlich damit gedient ist, dass ihm bei deren Nennung in Fußnoten jeweils nur das Geburts- und Todesjahr von Autoren wie Bertolt Brecht, Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann oder James Joyce oder die vermeintliche Bedeutung einzelner mythologischer Namen mitgeteilt werden. An derselben Stelle aber unterbleibt die mögliche (wünschenswerte) Erläuterung, welchen Stellenwert denn etwa die Nennung von Joyce bei Fühmann besitzt. Zudem trägt die Verwendung von bloßen Querverweisen auf vorher gesetzte Fußnoten nicht zum Lesekomfort bei. Ähnliches gilt für den Verweis auf einzelne Fühmann-Textstellen, wo nicht ersichtlich ist, warum gerade wegen der zum Teil unübersichtlichen Editionssituation des Werkes hier nicht einzelne Sätze direkt zitiert werden konnten. An diesen Stellen wurde die Chance vergeben, Zusammenhänge zu verdeutlichen und über die schlichte Nennung von wenig hilfreichem Sachwissen hinauszugehen. Ähnliches gilt auch für im Briefwechsel genannte Texte und Bücher, bei denen die Aufnahme von Verweisen auf den komplett online erfassten Bestand der Fühmann-Nachlassbibliothek in der Berliner Zentral- und Landesbibliothek ein Leichtes gewesen wäre. Gerade solche Informationen wären doch zu erwarten gewesen, wenn in der vorderen Klappe des Buchumschlags (der einzigen Stelle, an der sich minimalste Ansätze zu konzeptionellen Erklärungen finden lassen) gesagt wird, Batt sei für Fühmann einer „seine[r] bedeutendsten literarischen Ansprechpartner“. Eben dieses Niveau und diese Bedeutung des Briefwechsels Fühmann/Batt aber werden durch Band 1 der Briefausgabe nicht eingelöst. Das ist vor allem deshalb bedauerlich, weil es sich bei Kurt Batt um eine für Fühmann und sein Werk so wichtige Figur handelt, deren kritische Zusammenarbeit mit dem Autor eine durchaus andere, dieser Bedeutung entsprechende Würdigung hätte erfahren können.

Ganz anders verhält es sich beim weitaus umfangreicheren Briefwechsel Fühmanns mit Ingrid Prignitz. Nicht nur hat die Herausgeberin Kirsten Thietz die einzelnen Briefe behutsam und gewinnbringend annotiert und den Fußnotenapparat zu einem echten editorischen Surplus des Buches gemacht, sie hat dem weit über 500 Seiten starken Band 2 auch ein kenntnisreiches Vorwort beigegeben, das fraglos den viel weiter gehenden Zweck einer Einleitung in den Briefwechsel Fühmann-Prignitz erfüllt. Zugleich gelingt es diesem Text sogar noch, zumindest einige der in Band 1 vermissten Informationen zu Kurt Batt gewissermaßen nachzuliefern. Das ergibt sich freilich auch aus der Tatsache, dass Batt und Prignitz bis 1975 bei Hinstorff sehr eng zusammenarbeiteten und Prignitzʼ Nachfolge auf Batt als Fühmanns Lektorin zwar von ihr selbst wie ein ‚Zufallen‘ beschrieben wird, doch letztlich auch als sinnvolle Konsequenz der Aufgabenverteilung bei Hinstorff erscheint. Thietz zeigt die personelle Zusammensetzung und die inneren Veränderungen im Hause Hinstorff mit Genauigkeit auf, vermeidet es jedoch, dem Leser das Funktionieren des gesamten Verlages erklären zu wollen. Ihre Ausführungen bleiben so auf Fühmann als bedeutenden Hinstorff-Autor fokussiert, dass sie die Lektüre der Briefe um eben die Menge an Hintergrundinformation ergänzen, durch die das besondere Arbeits- und Geistesverhältnis ersichtlich und gar verständlich wird, das Autor und Lektorin zueinander pflegten. Darüber hinaus gelingt es ihr, den literaturgeschichtlichen Zusammenhang, in den dieser rege Brief- und nicht selten Telegrammwechsel eingebunden ist, nicht nur zu behaupten, sondern durch die Verdeutlichung der Relevanz dieses Austausches anschaulich zu machen, dass es sich bei Fühmann nicht um irgendeinen (halb vergessenen) ‚DDR-Autor‘ handelt, sondern um eine der wichtigen Figuren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Für ihn – und hierin ist gerade Ingrid Prignitzʼ Rolle kaum zu überschätzen – wurde zu Lebzeiten eine Werkausgabe erstellt. 30 Jahre nach Erscheinen des letzten Bandes ist deren Konzept nur mehr wenig tragfähig und die Ausgabe steht heute vielmehr für das (merkliche) Fehlen einer Fühmann-Gesamtausgabe. Dennoch gehört sie zweifellos zu den zahlreichen Leistungen der Lektorin Ingrid Prignitz. Dass der Briefwechsel Fühmanns mit ihr nun komplett vorliegt, ist eine sehr gute Nachricht für die Fühmann-Forschung, die nun im Falle wenigstens einer der wichtigsten Briefpartnerinnen des Dichters nicht mehr auf die Auswahlausgabe von 1994 wird zurückgreifen müssen.

Der Band Ins Innere ist, einmal abgesehen von dem oben bereits genannten Auf’s Ganze aus sein, das seit dem Erscheinen des Text-+-Kritik-Bandes 202/203 (2014) neueste Sammelwerk zu Fühmann. „Annäherungen“ an den Autor verspricht der Untertitel und wirft damit auch die Frage auf, wie der leicht enigmatische Haupttitel dadurch präzisiert oder zumindest erläutert wird. Die im Buch zusammengeführten Texte und ihre Perspektiven sind tatsächlich divers. Neben den erinnernd-erzählend gehaltenen Beiträgen von Menschen, die Fühmann selbst begegnet sind beziehungsweise mit ihm zusammengearbeitet haben (Joachim Hamster Damm, Dietmar Riemann) stehen auch ein literarischer Text (von Anja Kampmann) sowie insgesamt acht Aufsätze zu Leben und Werk Franz Fühmanns und drei schwarz-weiße Bildstrecken von Dietmar Riemann. Dieses breite Spektrum ist reizvoll und bietet ganz besonders da wirklich neue Einblicke, wo es den beiden Zeitzeugen gelingt, ihre Begegnungen mit Fühmann und ihre Eindrücke von ihm oder von ihrer (auch problematischen) Zusammenarbeit nicht als biografische Notiz über den Autor, sondern als eigenes Erleben zu schildern. Damms und Riemanns Beiträge sowie die Fotografien des letzteren stechen in dem Band daher auffällig hervor. Das mag vor allem daran liegen, dass beide neben jenem eigenen Erleben den Vorteil nutzen können, einer weiteren Öffentlichkeit bisher tatsächlich wenig oder gar nicht Bekanntes zu erzählen, das heißt Neues, zunächst Erzählungen aus der Erinnerung, beizutragen. Denn dieses Neue fehlt den übrigen ‚Annäherungen‘ leider über weite Strecken. Das ist umso weniger erfreulich, als gerade die mit Blick auf Fühmann bisher ungehörten Namen – ausgenommen natürlich Barbara Heinze als ehemalige langjährige Betreuerin des Fühmann-Archivs und Matthias Braun – die Hoffnung nährten, andere, neuartige Einsichten lesen zu können, mit denen das Buch beispielsweise auch über das Text-+-Kritik-Heft hätte hinausweisen können. Doch einmal abgesehen von der wortgleichen Zweitpublikation des Heinze-Aufsatzes (bereits 2014 in Literarisches Bergwerk. Franz Fühmanns Bibliothek und Arbeitswelt, herausgegeben von Roland Berbig, Stephan Krause, Volker Scharnefsky) halten die Beiträge wenig von dem, was der Bandtitel zu versprechen scheint. Denn ‚ins Innere‘ der Fühmann-Literatur dringen sie nur insofern vor, als sie wenig originellen Überblicken über bekannte Lesarten vor der Diskussion von differenten Sichtweisen das Vorrecht geben. Dies mag auch erklären, weshalb die Aufsatzbeiträge bis auf sehr wenige Ausnahmen ohne jede Berücksichtigung der vorhandenen vielfältigen Forschungsliteratur auskommen, ein Defizit, das wohl damit erklärt werden soll, Fühmanns späte Texte seien „noch wenig beachtet“ (Klappentext). Dem ist jedoch auch insofern zu widersprechen, als gerade die hier genannten weiteren Sammelbände (Auf’s Ganze aus sein, Literarisches Bergwerk) das Spätwerk explizit im Blick haben und zudem etwa intensiv Archivforschung auswerten beziehungsweise die Nachlassbibliothek untersuchen.

Die umfangreiche Monografie Franz Fühmann: „Das Judenauto“ – ein Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb von Uwe Buckendahl schließlich beeindruckt zunächst durch ihren schieren Umfang: beinahe 700 Seiten inklusive einer Audio-CD mit Fühmann-O-Tönen, deren Vorliegen der Autor vollständig in Eigenregie ermöglicht hat (das erzählte er bei einer Buchvorstellung in Leipzig). Allerdings, dies eine Einschränkung erneut des Verfassers selbst, sei der Band vor allem daher so voluminös, weil er die Synopse aller publizierten Textvarianten von Das Judenauto enthalte, die eigentliche Quintessenz von Buckendahls akribischer Forschungsarbeit und immerhin fast 400 detaillierte Tabellenseiten im Querformat, die einen genauen Vergleich jeder einzelnen Textstelle ermöglichen. Doch damit nicht genug, konnte Buckendahl in seinen ‚Erkundungsband‘ auch die zu den zwei Veröffentlichungen von Das Judenauto von 1962 und 1979 gehörenden Verlagsgutachten mit aufnehmen. Das Buch erfüllt damit gleich in mehrfacher Hinsicht auch dokumentarische Funktionen, indem es nämlich im Synopsenteil die Geschichte der Textveränderungen und der Eingriffe in Fühmanns Erzählungszyklus minutiös aufzeigt, und indem es dies durch einen ausführlichen Nachvollzug der Publikations- und medialen Verbreitungsgeschichte sichern will. Angesichts dieser Parameter von Buckendahls Buch klingt die Bekundung seiner Motivation, dieses Buch vorzulegen, fast zu einfach: Er habe an der Richtigkeit eines Halbsatzes gezweifelt, der ihm in dem von Gunnar Decker erstellten Fühmann-Buch (2009) begegnet sei, nach dem die Unterschiede zwischen den einzelnen Fassungen vernachlässigt werden könnten.

Buckendahl ‚erzählt‘ diesen Anfangsmoment so freimütig wie die gesamte Entstehungsgeschichte des eigenen Buches und lässt dabei doch vor allem Eines erkennen – die für ihn selbstverständliche Gewissenhaftigkeit in Annäherung an und Umgang und Arbeit mit seiner Fragestellung. Dass dabei ein wissenschaftliches Buch entstanden ist, das sich nicht nur wissenschaftlicher Quellen, Methoden und Materialien bedient, sondern dessen Struktur ebenso eine wissenschaftliche Systematik erkennen lässt, dürfte dem Autor selbst dabei gewiss nicht entgangen sein. Diese Bemerkung spielt darauf an, dass Buckendahl sich von der ersten Seite seiner Untersuchung an wiederholt bemüht, seiner Distanz zu der von ihm selbst studierten Literaturwissenschaft Ausdruck zu geben. Das dient nicht nur der berechtigten Ausweisung der durch seinen Band geschlossenen Lücke in der Fühmann-Forschung und damit der (berechtigten) Hervorhebung der eigenen Leistung. Es zeigt ganz offensichtlich das Bedürfnis an, jener Wissenschaft zumindest einzelne Stichworte ins Stammbuch zu schreiben und sich im selben Moment doch ihrer zu bedienen. Dieser ‚Nebendiskurs‘ zieht sich mit wechselnder Intensität durch den gesamten Text; ihm fehlt angesichts der vorgelegten Erkundungsleistung eigentlich jedoch vollends die Basis. Denn welchen analytischen Zweck verfolgt in einem solchen Buch der Hinweis auf den unbewiesenen Zusammenhang zwischen angeblicher Steuerfinanzierung der Literaturwissenschaft und deren vermeintlichem Versäumnis, die Textvarianten vergleichend untersucht zu haben? Das lässt sich wohl nur als überflüssiges Kokettieren ansehen und fügt der Untersuchung, der Bedeutung ihres Themas und ihrem Ergebnis, auch ihrer editionshistorischen Perspektive letztlich nichts an Substanz hinzu.

Zusammenfassend wäre nochmals die Frage nach einer Fühmann-Renaissance anzusprechen. Die gute Stimmung bleibt nur dadurch ein wenig getrübt, dass in der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Fühmann derzeit eher die Bestandsaufnahme und Zusammenfassung bekannter Positionen dominieren, während Ansätze zu einem vom Status quo sich absetzenden, wirklich neuen Fühmann-Bild leider (noch) fehlen. Oder gilt fortgesetzt das, was Kurt Batt am 5. Oktober 1974 an Fühmann schrieb? „Nicht zufällig gibt es nur wenige lebende deutsche Autoren von Rang, deren Beschreibung so weit unterhalb jenes Anspruchs bleibt, den das Werk selbst stellt.“ Etwas anders verhält sich das sicher im Bereich der Edition, wo nicht nur Buckendahls detailreiche Studie zu Buche steht, sondern in erster Linie die Briefeditionen, durch die auch die (weit größere) Lücke, ein gravierendes Defizit, (indirekt) ein weiteres Mal bezeichnet ist: das Fehlen einer verlässlichen Gesamtausgabe der Werke Franz Fühmanns. Zu einer Renaissance gehörte wohl eben diese Aufgabe sowie die grundlegende Revision des hergebrachten Fühmann-Bildes.

Titelbild

Franz Fühmann: Die Briefe. Band 1. Briefwechsel mit Kurt Batt.
Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Barbara Heinze und Jörg Petzel.
Hinstorff Verlag, Rostock 2016.
205 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783356019148

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Franz Fühmann: Die Briefe. Band 2. Briefwechsel mit Ingrid Prignitz.
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Kirsten Thietz.
Hinstorff Verlag, Rostock 2017.
542 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783356020427

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Peter Braun / Martin Straub (Hg.): Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann.
Wallstein Verlag, Göttingen 2016.
223 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783835319714

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Uwe Buckendahl: Franz Fühmann: „Das Judenauto“ – ein Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb. Eine historisch-kritische Erkundung mit einer Synopse aller publizierten Textvarianten.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2017.
695 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783631661246

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Paul Alfred Kleinert / Irina Mohr / Franziska Richter: „Auf’s Ganze aus sein“. Franz Fühmann in seiner Zeit.
Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2016.
164 Seiten,
ISBN-13: 9783958616486

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Franz Fühmann / Wieland Förster: Nun lesen Sie mal schön! Briefwechsel 1968-1984.
Herausgegeben von Roland Berbig unter Mitarbeit von Katrin Boltenstern.
Hinstorff Verlag, Rostock 2016.
342 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783356020229

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Franz Fühmann: Über Gottfried Benn.
Wallstein Verlag, Göttingen 2018.
48 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783835332409

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Franz Fühmann: Humpelhexe, Zauberbein und eine Feuer speiende Fee. 3 Märchen auf Bestellung.
Hinstorff Verlag, Rostock 2016.
106 Seiten, 14,99 EUR.
ISBN-13: 9783356020564

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Titelbild

Franz Fühmann: Am Schneesee.
Mit Bildern von Kristina Andres.
Hinstorff Verlag, Rostock 2017.
24 Seiten, 14,99 EUR.
ISBN-13: 9783356020953

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