Deutsch-österreichische Feingefühlstörungen

Alfred Dorfer vollzieht (mit) "wörtlich" Neppomuks Rache

Von Erhard JöstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erhard Jöst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die Verlagsgruppe Random House ist Alfred Dorfers Buch "wörtlich" "ein höchst anregendes Buch, ein Lesevergnügen", enthalte es doch eine "Sammlung brillanter Texte des bedeutenden österreichischen Satirikers". Und sie macht auf den neuen Superstar am Kabaretthimmel aufmerksam: "In Österreich war Alfred Dorfer schon viele Jahre ein Star des Kabaretts, 1995 wurde man dann auch in Deutschland auf ihn aufmerksam: INDIEN lief in deutschen Kinos an, ein Gemeinschaftswerk mit Josef Hader, seinem Freund und Kollegen."

Die Tragikomödie "Indien" ist auch in dem Buch enthalten. Dorfer hat in einem vorangestellten Text und in einem Interview mit dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels erläutert, wie das Stück entstanden ist: Er habe sich mit Hader "monatelang im Kaffeehaus getroffen, bis jeder von uns eine eigene Fassung geschrieben hat. Das war wie ein Partnerschaftstest. Als wir unsere Fassungen miteinander verglichen, merkten wir, dass sie sich kaum unterschieden und dass nur weniges zusammenzufügen war. Das war, was die Harmonie betrifft, eine Sternstunde."

Bruno Jonas feiert den "Kollegen Dorfer" als "einen genialen Satirker, bissig und unterhaltsam". Peter Unfried schrieb in der "tageszeitung" unter der Überschrift "Nobody's Dorfer": "Für die, die es grade nicht wissen: Alfred Dorfer hat neben und zusammen mit Josef Hader das österreichische Kabarett - na ja, man sagt das so, aber vielleicht stimmt es ja auch, also bitte: die haben es revolutioniert. Haben zudem mit dem Stück ,Indien' einen Bühnen- und Kinoklassiker geschaffen. Und mit dem populären Late-Nite-Format ,Dorfers Donnerstalk' wirkt Dorfer im Staats- und Regierungssender ORF gleichzeitig als Dissident und Deckmäntelchen. Er ist ein Big Shot." Werfen wir schließlich noch einen Blick auf den Klappentext des Buches "wörtlich": "Alfred Dorfer hat aus seinem umfangreichen schriftstellerischen Werk für wörtlich, sein erstes Buch, höchst unterschiedliche Texte ausgewählt: Kommentare zu politischen Vorgängen in Österreich und Deutschland. Den emotionalen Überschwang bei der Fußball-WM glossiert Dorfer ebenso treffend wie den Rummel um Mozarts 250. Geburtstag. Der Text zu Indien, dem gefeierten Theaterstück, das er gemeinsam mit Josef Hader schrieb, ist in diesem Buch zum ersten Mal abgedruckt. Des Autors ambivalente Haltung zu seiner Heimat wurde beispielsweise in seinem Kabarettprogramm heim.at offenkundig, und das Fremde, auch das Auffinden des Fremden in sich, zieht sich durch sein gesamtes Schaffen. Mit fremd, seinem neuesten Stück, dessen Text ebenfalls in diesem Buch zu finden ist, hatte er in München eine umjubelte Premiere, der ausverkaufte Vorstellungen in deutschen wie österreichischen Städten folgten."

Brillant, satirisch, anregend, bissig, unterhaltsam, witzig, revolutionär, klassisch, umjubelt: Solche Lobeshymnen machen einen Rezensenten neugierig, zumal dann, wenn er auch noch ein Kabarett-Liebhaber und Mitglied des Instituts für Österreichkunde ist. Dann erinnert er sich mit Vergnügen an die Gruppe DÖF (= Deutsch-österreichisches Feingefühl) und an ihre skurril-bissigen Lieder, natürlich auch an die EAV (= Erste Allgemeine Verunsicherung) und ihre amüsanten Hits. Bei solchen Vorschusslorbeeren macht er sich mit großen Erwartungen an die "wörtlich"-Lektüre und - nehmen wir das Ergebnis gleich vorweg - wird maßlos enttäuscht. "Neppomuk's Rache", so lautet der Titel eines von der EAV im Jahr 1990 produzierten Albums, und irgendwie kommt einem Dorfers Buch so vor, und die euphorischen Kritiken erinnern mich an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.

Die hoch gelobte Tragikomödie "Indien" hat Dorfer an den Anfang der aus Stücken und Zeitungsartikeln bestehenden Textsammlung gestellt. Das Stück ist banal, die Dialoge sind witzlos und man kann auch keine Tragik erkennen, es sei denn, man bezeichnet es als tragisch, dass einer der Protagonisten stirbt. Was soll so toll daran sein, dummes Geschwätz vorzuführen um es als dummes Geschwätz zu entlarven? Zum Inhalt: Zwei Gastronomietester, Heinz Bösel und Kurt Fellner, reisen zusammen durch die Provinz und testen Schnitzel und Betten in Gaststätten und Hotels. Sie unterhalten sich über die Frauen und "die letzten Dinge" des Lebens, und weil bei dem Austausch von Plattitüden und Belanglosigkeiten auch mal "Indien" erwähnt wird, erhält das Stück seinen Titel. Fellner erklärt seinem Kollegen: "In Indien zum Beispiel essen s' fast nur Reis. Die sitzen auf der Straße, essen a bissl Reis, lachen dabei. Manche verhungern [...] das muss irgendwie eine ganz eigene Landschaft sein. Bösel: Immer nur Reis, des wär nix für mi. I bin ja ka Beilagenesser in dem Sinn."

Vielleicht findet man zu dem Stück keinen Zugang, wenn man es "nur" liest, vielleicht muss man "Indien" auf der Bühne oder im Kino sehen? Wie es der Zufall will, hat das Heilbronner Theater das "satirische Volksstück", diese "bissige Komödie", die "zum Lachen und manchmal auch zum Weinen" einlädt, auf dem Spielplan. Das Stück, "aus dem Wiener Dialekt in die schwäbische und kurpfälzische Mundart versetzt", wurde vom Kritiker in der Lokalzeitung in den höchsten Tönen gelobt: Ferdinand Grözinger und Martin Herrmann "haben dem Original seine Seele belassen und die österreichischen Derbheiten mit viel Feinsinn für die Eigenheiten des jeweiligen Dialekts übertragen. Eine deftige Sprache, so oberflächlich und tiefgründig wie ihre Sprecher. Diese beiden Übersetzer und Schauspieler bescheren dem Theater Heilbronn eine der witzigsten, galligsten und bösesten Inszenierungen dieser Spielzeit". Man fragt sich nur, weshalb man von alledem vor Ort abermals überhaupt nichts bemerkt und ob das Stück nur deshalb ohne Pause aufgeführt wird, damit die Zuschauer nicht entfliehen können. Eineinhalb Stunden warten die Zuschauer vergebens auf Lachanreize. Das heißt, ein Zuschauer lachte bei einigen derben und frauenfeindlichen Formulierungen aus dem Bums- und Fäkalbereich ein paar Mal laut und hysterisch: Vielleicht hätte man ihn bitten sollen, diese Buchkritik zu schreiben? Vielleicht fehlt dem Rezensenten der Sensor für die präsentierten Lachanreize? Zur Probe seien hier ein paar Aussagen aus dem Stück angeführt, damit der Leser selbst seine Lachmuskeln überprüfen kann: Bösel sagt: "Ha, ha, das ist lustig! Heute ist der 5., und wir sind im 5. Gasthaus, haha...". / Fellner: "Herr Bösel! In Japan gibt's eine Liebestechnik, da stellen sich die Männer vor, sie machen's mit an Gummibaum oder mit an Philodendron, damit sie's länger aushalten." / Bösel spricht über seine Frau: "I puder sie eigentlich nur mehr, damit i ihr was z'Fleiß tu. Oder glaubst, des interessiert mi? Mit der pudern? - Aber wenn i merk, sie mag net - dann ramm i ihr'n eine...von ganz schräg. Haha." / "Bösel: Brunzen S'in die Waschmuschel. Fellner: Sind Sie verrückt? Als Beamter! Am Tag kontrollier i die Waschmuscheln und in der Nacht brunz i hinein? Das geht net, das is eine Frage von Ethos."

Damit die Leser und Zuschauer des Stücks die obzönen Anspielungen und Fäkalwitze auch verstehen, hat Alfred Dorfer an "Indien" ein Glossar angehängt. Sie bekommen erklärt, dass "pudern, schustern, schnackseln und tupfen" "vögeln" bedeutet, dass "brunzen", "lullen" und "schiffen" "pinkeln" heißt, "zuwebrunzen" gar "hinpinkeln", "deppert" für "dumm" steht und "Hendl" für "Huhn", "i" für "ich" und so weiter. Wem diese komödiantischen Elemente nicht genügen, kann im Buch nach weiteren suchen. Aber vielleicht gibt es tatsächlich welche in anderen Texten, wird sich der Leser fragen, denn schließlich besteht "wörtlich" ja nicht nur aus "Indien".

Dorfer hat sein Buch in drei Kapitel eingeteilt: "Teil 1 - Aus der Heimat", "Teil 2 - Aus der Fremde", "Teil 3 - Aus der Zeit". Und in der Tat, wer sich tapfer durchliest und durchhält, der findet ab der Seite 144 im zweiten Teil ein paar amüsante Texte, zum Beispiel "Nachbar in Not", "Das Wundern von Berlin" sowie "Und Österreich wird Europameister". Sie fußen auf Beobachtungen, die der Österreicher in Bezug auf die Deutschen gemacht hat. Was Dorfer über seine eigenen Landsleute schreibt, fällt dagegen ab. Sein Rückblick auf den Politiker Jörg Haider bringt keine neuen Erkenntnisse und langweilt ebenso wie seine Beschreibung des konservativen Kanzlers Schüssel, der "rechtsextremes Gedankengut (in Österreich) regierungsfähig machte". Immerhin gelingen Dorfer bei seinen Betrachtungen österreichischer Politiker ab und zu ein paar Wortspiele: "Wenn jemand geht, hinterlässt er eine Lücke. Im Fall von Elisabeth Gehrer ist es eine Bildungslücke. [...] Sie hat sich oft verstrickt, die Handarbeitslehrerin, jetzt legt sie die Nadeln aus der Hand. Man freut sich mit ihr, die Überforderung hat ein Ende."

In das Stück "fremd" hat Dorfer Dialoge mit seinem "Alter Ego" eingebaut und nutzt diese, um seinen Zuschauern historisches Wissen zu vermitteln. Hier eine Kostprobe: "Dorfer: Aber Galilei hat es verschissen. Damals, als er den Papst überzeugen wollte und gesagt hat: Galilei: Papa, ascolta mi! O.k., die Erde dreht sich um die Sonne, aber für dich bleibt alles doch gleich, du kannst weiterhin huren und fressen. Hey, Papste, aber du kannste nicht aufehalten die Entwickelung, bald will jeder alles wissen, es wirde Rückschläge geben, o.k. Es wirde eine Papste geben aus die Norden, von die Barbaren, von die Schweinebratenfresser. Der wirde sagen: ,Wenn alle eine Gummi nehmen, wer soll denn dann noch AIDS bekommen?' Papste, wir machen eine Deal, wir setzen meine Buche auf Liste der verbotene Bücher, dann wird es eine Besteseller, und wir beide machen cinquanta-cinquanta. Dorfer: Der Papst hatte einen anderen Vorschlag. Papst: Wir setzen dein Buch auf die Liste, und ich schick dir fünf nette Herren der Inquisition, die dir den Arsch aufreißen, dass dein ganzes Fernrohr hineinpasst, ohne anzustoßen. Wie gefällt dir das, Galileo? Dorfer: Und plötzlich drehte sich kurz die Sonne wieder um die Erde...Galilei widerrief, und der Verstand bekam Hausarrest."

Da kann man nur hoffen, dass solche Textpassagen in Österreich bald in den Schulunterricht aufgenommen werden, ganz gleich ob in das Fach Deutsch, Geschichte, Religion oder Astronomie, auf jeden Fall dürfte dann gesichert sein, dass die Alpenrepublik beim nächsten PISA-Test besser als Deutschland und Italien abschneidet.

"fremd" eröffnet Dorfer mit einer Ansprache ans Publikum: "Das Wichtigste am Humor ist: Er muss spontan sein. Künstlicher Lacher. Nur so ist eine befreiende Wirkung möglich, dieses explosive Heraustreten der Seele aus der Gefangenschaft des Stoffwechsels. Weil Sie wissen: Wenn man lacht, fürchtet man sich nicht, und wer sich nicht fürchtet, glaubt nicht alles... Künstlicher Lacher. Ins Publikum: Lassen Sie sich durch diese Lacher nicht beeinflussen, das sind nur Vorschläge. Sie können natürlich lachen, wann Sie wollen. Das ist nur zu Ihrer Sicherheit. Es gibt ja Publikümmer, quasi Kollegen von Ihnen, die diesbezüglich nicht ganz trittsicher sind, da hilft das. Es ist nur zu Ihrem Schutz, wie beim Terrorismus, ein bisschen weniger Freiheit, dafür mehr Sicherheit. Auch ich muss nicht immer lachen, wenn diese künstlichen Lacher kommen."

Ach, es hätte schon genügt, ab und zu mal lachen zu können bei der "wörtlich"-Lektüre, es hätte nicht "immer" sein müssen. Aber, wie gesagt, vielleicht war man einfach nicht der richtige Leser und der falsche Rezensent. Dorfer, in einem Interview befragt, inwiefern "sich denn das deutsche Publikum vom österreichischen" unterscheide, stellte fest: "Es gibt gravierende Unterschiede zwischen Bayern und Köln etwa, zwischen Leipzig und Hamburg. Im ehemaligen Osten ist das Publikum sehr hellhörig, scheinbar (meint Dorfer wirklich "scheinbar" oder "anscheinend"?) geschult, noch immer hellhörig sein zu müssen. Zwischen Ried im Innkreis und München hingegen gibt es keinen Unterschied. In Hamburg wird das, was ich tue, wohlwollend als leichte Exotik behandelt, und zwischen Berlin und Wien gibt es eine Seelenverwandtschaft." Wenn Sie wissen möchten, zu welchem Publikum Sie gehören und ob bei Ihnen eine "Seelenverwandtschaft" zu Dorfer besteht, wenn Sie außerdem Ihre Humorfähigkeit testen wollen, dann lesen Sie Alfred Dorfers "wörtlich". Wenn Sie sicher gehen wollen, dass Sie ab und zu wenigstens schmunzeln müssen, dann spielen Sie sich über einen Kopfhörer künstliche Lacher ein. Aber vielleicht genügen Ihnen auch die von mir zitierten Stellen und Sie verzichten weise auf den Humortest und die Lektüre des Dorfer-Buchs.


Titelbild

Alfred Dorfer: wörtlich. Satirische Texte.
Karl Blessing Verlag, München 2007.
304 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783896673305

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