"Don't jugde a book by its cover!"

Ein ebenso praktisches wie reizvolles Buch über das Gesicht der Bücher

Von Rolf-Bernhard EssigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf-Bernhard Essig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nein! Eine reine Äußerlichkeit ist es nicht! Der Umschlag. Das Cover. U1. Was wie die Bezeichnung einer U-Bahnlinie klingt, löst oft genug unschlichtbaren Streit aus: "U1", so lautet der ideal lakonische Titel eines Bandes, der solche Streits verhindern oder zumindest vermindern könnte.

"U1", das bezeichnet die erste Umschlagseite, die ein Buch der Welt entgegenstreckt, sein Gesicht quasi. "U4", das ist sein Rücken, "U2" und "U3" die Innenklappen des Schutzumschlags vorne und hinten.

Natürlich kommt es auf den Inhalt an bei Büchern, weshalb das Englische die weise Regel kennt: "Don't jugde a book by its cover!" Gleichwohl strafen wir Bücherkäufer sie täglich Lügen, wenn wir nach einem Werk greifen, das uns entgegenleuchtet, -springt, -lacht, -schreit mit seinem wundervollen, hässlichen, grellen, herrlich altmodischem, rätselhaften Titelbild. Manchmal ist es allein die Typografie, die uns anzieht: eine Westernschrift, Krimilettern, Mangazeichen. Oder die Farbe: Gelb einer bestimmten Tönung ruft uns unüberhörbar "Reclam" zu. Auf ein paar Meter Entfernung kann man zwar nicht mehr lesen, was auf dem Titel steht, und doch fällt es selbst Nichtfachleuchten leicht, den Unterschied zwischen Wissenschaftsbuch, Fantasy, Krimi oder Frauenroman anhand von U1 zu erkennen.

Warum das so ist, erläutern Renate Stefan, Nina Rothfos und Wim Westerveld in Schrift und Bild. Ganz ohne professionelles Interesse berührt einen schon das Durchblättern, denn man begegnet alten Bekannte, manche davon stehen im Bücherregal nebenan, andere hat man verliehen und nie mehr gesehen. Man findet ein paar längst verstorbene Buchreihen, vor allem aber die halbvergessene jüngste Vergangenheit des Literaturbetriebs. All die Bücher, die uns in den letzten zehn Jahren zur Messe auffielen, die wir lesen wollten, weil so viele sie lobten, schauen uns hier mit ihrer U1 vorwurfsvoll an, als sagten sie: "Warum hast du mich damals nicht gekauft und gelesen?" Das sind Beispiele für gelungene Coverentwürfe. Aber wieso genau sprechen uns diese mehr an als andere?

Die Autoren von "U1" geben dem Leser viel Anschauungsmaterial an die Hand. Hunderte von Umschlägen verschiedener Genres, wohlgeordnet. Denn es geht ihnen nicht um die Fülle schöner Beispiele, sondern darum, die Augen zu öffnen. Wie sieht das Originalcover aus, wie das der Übersetzung in verschiedenen Ländern? Wie gestaltete man früher Umschläge? Was war ursprünglich ihre Funktion? Wie signalisiert man wortlos den Charakter eines Buches? Was macht eine Reihengestaltung aus? Welche Rolle haben welche Elemente des Buches und des Umschlags beim Kauf? Denn auch diese Frage bewegt die Autoren, die wissen, dass Verlage Geld verdienen müssen, um schöne und gute Bücher machen zu können. "Vom Schutzumschlag zum Marketinginstrument" heißt denn auch der Untertitel.

Hier spätestens beginnt oft genug der Streit zwischen Autoren und Verlagsmitarbeitern, denn natürlich wollen beide möglichst viele Exemplare verkaufen, doch in der Wahl der Mittel, in der Beurteilung des Käufergeschmacks, in dem, was dem Wesen des Werks entspricht oder ins Gesicht schlägt, unterscheiden sich die beiden Parteien mit schöner Regelmäßigkeit. Selbst zu diesem Punkt bieten die Autoren anregende Gedanken und Vorschläge für eine effiziente Herangehensweise, für die in Verlagen alle dankbar sein dürften. Das rein Handwerkliche wird darüber nicht vergessen und nicht der Hinweis auf weiterführende Literatur.

Dadurch wird dieses bemerkenswert schöne Buch zu einem ebenso reizvollen wie brauchbaren und anregenden Begleiter für Leser, die sich für das ganze Werk interessieren: von U1 bis U4.


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Renate Stefan / Max Mönnich / Nina Rothfos / Wim Westerveld: U1. Vom Schutzumschlag zum Marketinginstrument.
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2007.
320 Seiten, 89,00 EUR.
ISBN-13: 9783874396875

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