Alles über Surfmusik? - Eine Einleitung

Martin Schmidts Who-Is-Who der Surfmusik

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich kennt niemand Surfmusik. Oder zumindest fast niemand. Schmidt zitiert im einleitenden Vorwort seines Nachschlagwerkes einen prototypischen Dialog:

"Was für Musik machst du?

Surfmusik.

Aha, so was wie die Beach Boys?

Ähh, nicht ganz. Eher so wie der Soundtrack von Pulp Fiction.

Pulp Fiction? Hab' ich nie gesehen.

Na ja, so Instrumentalmusik aus den Sechzigern, mit viel Hall.

Da kann ich mir irgendwie nichts drunter vorstellen..."

Dies ist die Informationssituation, an der Schmidt mit seinem Buch ansetzt. Er beschreibt, was passiert, wenn dem oben zitierten Gespräch ein Konzertbesuch folgt. Der bisher der Surfmusik Unkundige wird überrascht sein, wie viele der gespielten Musikstücke er eigentlich schon kennt, sei es als Hintergrundmusik aus dem Fernsehen, aus dem Kino oder als Oldies. Dem Umstand der geringen Bekanntheit der Surfmusik möchte der Autor abhelfen, indem er "die wichtigsten Bands und Epochen dieses Stils, [...] Filme und Designer, die von der Musik beeinflusst wurden oder mit ihren Arbeiten das Genre geprägt haben, [...] Labels, Fanzines, Websites und Personen, die dem Stil verbunden sind", vorstellt.

Das Lesebuch - obwohl als Nachschlagewerk konzipiert - vermittelt keineswegs nur ein oberflächliches Bild von einer Musikszene, sondern liefert in jedem Abschnitt Informationen, die sich bei der Lektüre langsam - nicht zuletzt aufgrund der eingebauten Verweise - zu einem informativen Netz(werk) des Wissens zur Surfmusik verdichten. Dabei sticht vor allem Schmidts Interesse an den Protagonisten der Szene positiv hervor. Er geht sogar den persönlichen Motivationen nach - ein engagiertes und interessantes Buch, das dem Leser nur gefallen kann.

Dabei soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass die kompetenten Informationen des Autors auf eine langjährige Beschäftigung mit der behandelten Musik basieren. Gleichzeitig ist Schmidt noch Mitherausgeber des einzigen Fanzines "Banzai" zum Thema und Musiker mit verstärkten Ambitionen in Bereich Surfmusik. Unter dem Pseudonym "The Incredible Mr. Smith" hat er dabei unlängst sein auch "praktisches Gespür" für diese Stilrichtung unter Beweis gestellt. Auf der CD "Adventures in the Land of Twang" (2007) demonstriert Schmidt praktisch, was man unter dem zu verstehen hat, was er in seinem Buch beschreibt. Dies wäre dann die Hörempfehlung.

Zusammenfassend kann man sagen, das man hier eines der seltenen Exemplare eines Nachschlagwerkes vor sich liegen hat, das einen zum Lesen verführt. Man beginnt zum Beispiel bei den "Beach Boys", landet bei "Dick Dale", bleibt beim Blättern bei "El Ray", einer dänischen Band, hängen, liest etwas über das Fanzine "Banzai", hat plötzlich einen Artikel über "Ennio Morricone" vor sich liegen - was hat der mit Surfmusik zu tun? Und man findet schließlich auch diese Frage beantwortet. Schmidt führt den Leser in ein neues Universum, und die liebevolle Gestaltung des Bandes korrespondiert dabei mit der Sympathie des Autors für den Gegenstand des Buches. Der kleine Band sei allen Musikinteressierten ebenso empfohlen wie den an genreübergreifenden Darstellungen interessierten Kulturwissenschaftler.


Titelbild

Martin Schmidt: Surf Beat. Das Who-Is-Who der Surf- und Instromusik.
Ventil Verlag, Mainz 2007.
236 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783931555856

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