Gefühlserkenntnisse und Denkerschütterungen

Hören, was es ist: Axel Grube liest Robert Musils "Vereinigungen"

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Robert Musils "Vereinigungen" (1911) zählen zu den schwierigsten Werken der Weltliteratur. Selbst nach mehrmaliger Lektüre ist es schwer zu sagen, was genau in den zwei Erzählungen passiert. Da begeht eine Ehefrau wie unter Zwang einen Seitensprung und erlebt ihn, warum auch immer, als die "Vollendung ihrer Liebe" zu ihrem Mann. Da erinnert sich eine offenbar traumatisierte Frau wieder an ein sexuelles Kindheitserlebnis mit einem Bernhardiner und erfährt prompt die ersehnte Unio mystica. Die zeitgenössische Kritik fand das reichlich befremdend.

Zu Langeweile und "Ekel", die mancher bei der Lektüre der "kapitellangen abstrakten Psychoanalysen" zweier "hysterischer" Frauen empfand, trugen neben dem Inhalt Form und Sprache bei. Sie bescherten den Rezensenten das Gefühl, "in dicken Nebelschwaden zu stehen". Begeistert waren nur ein paar Frühexpressionisten, die den österreichischen Autor zum "Entdecker von Neu-Seelland" ausriefen.

Für Musil war das Debakel seines Erzählbandes ein lebenslanges Trauma. Die "Vereinigungen", sein zweites Buch nach seinem Debüterfolg "Die Verwirrungen des Zöglings Törless", sollten nicht nur eine freie Autorenexistenz begründen, sie sollten auch gleich die Literatur neu erfinden. Alles äußere Geschehen wird auf ein Minimum reduziert, in den Vordergrund treten die psychischen Prozesse der Protagonistinnen Claudine und Veronika. Für sie erfand Musil eine neue Erzählweise, die ganz auf den Vergleich, das Bild setzt; eine aus ganzen Ketten von atemberaubenden, immer waghalsigeren Gleichnissen bestehende Poetik "reiner Aktualität und Erregung". Was der innere Monolog, elf Jahre zuvor von Musils Landsmann Arthur Schnitzler in die deutschsprachige Literatur eingeführt, versprach, aber nicht halten konnte, wird durch das Medium der Bilder möglich: die Vereinigung des Lesers mit der Figur.

Möglich, aber nicht immer umsetzbar. Selbst eingefleischte Musilianer empfinden die Lektüre nicht selten als strapaziösen Drahtseilakt, bei dem man stets dann erleichtert Atem holt, wenn man einen der wenigen Pfeiler der äußeren Handlung erreicht, zwischen denen die Bilderfolgen aufgespannt sind. Dabei ist man freilich in bester Gesellschaft. Auch Musil ertrug bei der Re-Lektüre seiner Erzählungen, wie er sich einmal eingestand, "keine großen Stücke. Aber ein bis zwei Seiten nehme ich jederzeit". Einen Vorschlag hatte er allerdings, wie die Vereinigung totzdem klappen könnte: Der Fehler dieses Buches sei nämlich, so Musil, ein Buch zu sein. "Dass es einen Einband hat, Rücken, Paginierung. Man sollte zwischen Glasplatten ein paar Seiten davon ausbreiten und sie von Zeit zu Zeit wechseln. Dann würde man sehen, was es ist."

Einen Weg, der wohl mehr Erfolg verspricht, beschreitet nun das Düsseldorfer Hörbuchlabel onomato. Auf vier CDs liegen nun beide Erzählungen vor, gelesen von Axel Grube, die ebenso schlichte wie passende Klangarbeit besorgte Detlef Klepsch. Grube lässt sich viel Zeit, die auch nötig ist, damit die Bilder ihre Wirkung entfalten können. Immer wieder irritiert er mit kaum merklichen Pausen in den Sätzen und macht so die Abgründe hörbar, die nach Musil zwischen den Worten lauern. Dennoch balanciert seine Lesung mit schlafwandlerischer Sicherheit von Gleichnis zu Gleichnis. Grubes behutsame, fast schon monoton verhaltene Stimme versetzt schnell in eine meditative Stimmung, die einen eintauchen lässt in seelische Bewegungen, in Prozesse der Öffnung und Verwandlung - eben jenes Sichheranschleichen an "Gefühlserkenntnisse und Denkerschütterungen", das für Musil die Literatur der Zukunft kennzeichnen sollte. Jetzt kann man hören, was es ist.


Titelbild

Robert Musil: Vereinigungen. Die Vollendungen der Liebe - Die Versuchungen der stillen Veronika. 3 CD´s.
onomato Verlag, Düsseldorf 2007.
220 min, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783933691958

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