Ein Leben mit Büchern

Barbara Becker-Cantarino über die Profession Sophie von La Roches

Von Susanne BalmerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susanne Balmer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Als schreibende Frau mit der Feder in der Hand vor einer Bücherwand sitzend", so präsentiert sich Sophie von La Roche auf dem Titelblatt des ersten Bandes von "Mein Schreibtisch" (1799) und so präsentiert sie auch Barbara Becker-Cantarino in ihrem neuen Buch: Als professionelle Schriftstellerin, deren Leben bestimmt wird durch ihre "Liebe zu Büchern".

Dass im 18. Jahrhundert Schreiben als "Profession" für eine weibliche Schriftstellerin nicht selbstverständlich war, hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten deutlich aufgezeigt. Im Rahmen des privaten Briefverkehrs oder dem Führen eines Tagebuchs war weibliches Schreiben am ehesten akzeptiert und schien in dieser Form auch zu garantieren, dass sich die Frau als Laie beim Schreiben auf ihre eigenen Erfahrungen, auf ihren eigenen Lebenskreis konzentrierte. Der Anspruch auf eine "öffentliche" Stimme oder auf "Gelehrsamkeit" bedeutete für die schreibenden Frauen hingegen die Gefährdung ihrer sozialen Stellung und setzte sie dem Vorwurf aus, ihre eigentliche "Bestimmung" als Ehefrau und Mutter zu vernachlässigen.

Wie wohl kaum eine andere Frau ihrer Zeit positionierte sich La Roche selbstbewusst als Schriftstellerin, die sich über diese Grenzen hinwegsetzte. Sie zeigt sich in ihrer Selbstdarstellung vor einer Bücherwand sitzend und inszeniert sich damit gleichzeitig als Lesende. Tatsächlich liest sie Zeit ihres Lebens nicht nur "schöne Literatur", sondern setzt sich auch intensiv mit Werken über Natur- und Menschheitsgeschichte auseinander und verweist in ihren Briefen stolz auf ihre Kenntnisse der Wissenschaften. Bewusst knüpft sie ihr Schreiben an das kulturelle Wissen und Denken ihrer Zeit an, reflektiert es und gibt es in ihren Texten weiter. La Roche weigert sich, sich in ihren Texten lediglich auf ihre eigenen Erfahrungen und ihren eigenen weiblichen Wirkungskreis zu beziehen. So schreibt sie in ihren Romanen, Erzählungen, Reisejournalen, moralischen Geschichten und Verhaltensschriften über die Französische Revolution, über Amerika oder nimmt sogar männliche Erzählperspektiven ein.

Das Schreiben ist für La Roche spätestens ab ihrer Zeit in Speyer - wohin die Familie im Herbst 1780 aus finanziellen Gründen übersiedelt, nachdem ihr Mann Georg Michael Anton La Roche aus dem Hofdienst entlassen wurde - auch kein reiner Zeitvertreib mehr. Vielmehr tragen ihre Einkünfte jetzt mit dazu bei, ihren Lebensunterhalt zu sichern und können so noch in einem weiteren Sinn als "professionell" verstanden werden.

Becker-Cantarino knüpft in ihrer reichhaltigen Darstellung, die sich in besonderem Maß auf Briefaussagen der Schriftstellerin selbst stützt, bei Sophie von La Roche als Autorin mit eigener Stimme an. Ihr erklärtes Ziel ist es, deren Lebenswerk im kulturellen Kontext und literarischen Feld ihrer Zeit, der Empfindsamkeit und Spätaufklärung, zu betrachten. Dabei geht es der Autorin in erster Linie um die bedeutende Stellung, die La Roche im literarischen Leben ihrer Zeit einnahm und um ihre prominente und eindrucksvolle Persönlichkeit sowie ihr ungewöhnlich bewegtes Leben. Zu diesem Zweck setzt Becker-Cantarino das Werk in den Kontext des kulturellen Wandels der Frauenlektüre in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, rollt La Roches Beziehung zu Martin Wieland auf und berücksichtigt dabei erstmals den gesamten Briefwechsel der beiden, der sich über 50 Jahre erstreckt. Sie unternimmt eine Gesamtschau von La Roches Werk in Bezug auf seine Entstehungsepochen, der Aufklärung, Empfindsamkeit und Romantik. Bei dieser thematischen Anordnung der Kapitel gelingt es Becker-Cantarino eindrucksvoll, den Lebensweg der Autorin nicht aus den Augen zu verlieren und diesen immer wieder in Bezug zu ihrem Schreiben zu setzen.

Gezeichnet wird das Bild einer Schriftstellerin, die sich aktiv im literarischen Feld ihrer Zeit bewegt, die nicht nur, wie oft beschrieben, Schülerin und Geliebte Wielands war, sondern diesen als langjährige "seelische Stütze, Freundin und Beraterin" unterstütze und förderte. Auch gegenüber anderen Berufskolleginnen und -kollegen wie etwa Karoline von Günderrode und allen voran ihren Enkelkindern Clemens und Bettina Brentano trat sie als Mentorin auf.

Becker-Cantarino betont die Selbstständigkeit von La Roches Werk, indem sie dessen Bedeutung in Abgrenzung zum "Ästhetik-Konzept des autonomen Kunstwerks von Klassik und Romantik" versteht und seine "Poetologie, Produktionsbedingungen und Situierung im literarischen Feld" berücksichtigt: Im Unterschied zur Klassik orientiert sich La Roche nicht an der Antike, sondern an sozialen und politischen Fragen der Gegenwart. In ihrer Erzählung "Schönes Bild der Resignation" von 1795 thematisiert sie als eine der wenigen die Französische Revolution. Auch in ihrer Identitätskonzeption unterscheidet sie sich von ihren männlichen "Kollegen" wie Wieland oder Johann Wolfgang Goethe. Den Weiblichkeitsentwürfen La Roches liegt, so Becker-Cantarinos zentrale These, nicht das Modell konkurrierender, sich abgrenzender Individualität und Autonomie zugrunde, welches die androzentrische Konzeption des Bildungsromans trägt. Ihr Entwurf weiblicher Sozialisation ist aufgrund der vorausgesetzten Bestimmung des Weibes keine "autonome und 'bildbare' Individualität im Sinne des sich aus familiären und gesellschaftlichen Zwängen emanzipierenden Mannes als Bürger". Vielmehr nutzen La Roches Protagonistinnen für sich "freundschaftliche, zwischenmenschliche Beziehungen als Identitätsfindung und Anpassungsstrategie an die Zwänge des Patriarchats". Vor allem der Gestaltung von Frauenfreundschaften im Werk misst Becker-Cantarino einen wichtigen Stellenwert bei. Sie macht das Motiv der Freundschaft für die Frauen fruchtbar, welches für die Männer dieser Generation des 18. Jahrhunderts in Bezug auf die Herausbildung der Autonomie des Einzelmenschen und die Wendung zur Innerlichkeit, bei gleichzeitiger Betonung des Diesseits, überaus wichtig war. La Roche thematisiert in ihrem Werk immer wieder die Rolle der Frauen in eigenen Freundschaften als emotionale und soziale Entwicklung zur Individuation und Identität als Frau und folgt darin, so Becker-Cantarino, dem pietistischen "Traum der Freundschaft".

So treffend die Ausführungen von Becker-Cantarino sind: die Werkschau liefert in literaturwissenschaftlicher Hinsicht wenig neue Erkenntnisse. Die einzelnen Analysen von La Roches Texten basieren zu einem nicht unerheblichen Teil auf bereits älteren Aufsätzen der Autorin und gehen kaum darüber hinaus, obwohl sie einen Großteil der neueren Forschungsliteratur in ihrer Bibliografie berücksichtigt.

Becker-Cantarino zeichnet in ihren Textanalysen das Bild einer Schriftstellerin, die weder "Demokratin noch Revolutionärin, noch Emanzipierte" war, sondern auf die "idealisierte gute Ordnung" vertraute - sowohl auf den "patriarchalen Ständestaat" als auch auf das "Ancien Régime". Neuere Arbeiten wie etwa die Untersuchung von Anja May oder auch Claire Baldwin lassen dieses Bild etwas grobkörnig erscheinen. So zeigt etwa May anhand des Romans "Geschichte des Fräulein von Sternheim", wie La Roche mit ihrer Strategie des "doppelten Sprechens" die Geschlechterordnung gezielt unterläuft, und auch Baldwins Analyse der Erzählstruktur im Roman weist in dieselbe Richtung.

Ihre vielseitige Darstellung von La Roche im Sinne Pierre Bourdieus als handelndes Subjekt in einem sozialen Raum, "dessen spezifische Ausbildung als kulturelles Kapital ein wichtiges Element bei der literarischen Produktion mit ihren ökonomischen und symbolischen Werten darstellt", versteht Becker-Cantarino als Absage an die "Theoriedebatten und Moden der letzten Jahrzehnte in der Literaturwissenschaft und auch in der Gender-Forschung." Indem sie sich auf "die Texte und die AutorInnen in ihrem sozialen, historischen und kulturellen Umfeld" konzentriert, anstatt sich auf "Spekulationen über Weiblichkeit, Identität, [...] die dekonstruktivistische Sinnsuche, [...] die semiotisch-philosophische Diskursanalyse, [...] de[n] Blick auf ,mythische, magische' und ,religiöse Symbolformen'" einzulassen, will sie die Autorin vor einer erneuten Unsichtbarkeit in "systemtheoretischen Programmen" bewahren. Becker-Cantarinos Ansatz entgeht nicht völlig der Gefahr, die schon Gudrun Loster-Schneider in ihrer Arbeit zu La Roches Schreibstrategie formuliert hat, dass nämlich die Konzentration auf die "genealogische, biografische oder kulturhistorische Relevanz" oft auf Kosten der Aufmerksamkeit auf die literarische Bedeutung gehe.


Titelbild

Barbara Becker-Cantarino: Meine Liebe zu Büchern. Sophie von La Roche als professionelle Schriftstellerin.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2008.
251 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783825353827

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