Technik ist Trumpf

Anmerkungen zu Kathy Reichs Roman "Der Tod kommt wie gerufen"

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Erwartungshaltung des Lesers einem Kriminalroman von Kathy Reichs gegenüber ist relativ hoch. In "Der Tod kommt wie gerufen" sorgt eine "unspannende" Einleitung für Irritation. Auf den ersten Seiten wird man mit relativ vielen Detailinformationen der Kriminaltechnik konfrontiert, wenn nicht sogar gelangweilt. Es ist also anzuraten, die Erwartungen ein wenig zurückzunehmen. Schon wird die Lektüre ein wenig angenehmer. Also erst einmal zurücklehnen und der Geschichte ihren Lauf lassen. Und damit ist der Leser bei einem weiteren Problem angelangt: die Story. In einem Keller werden die Überreste von einem vermeintlichen Ritualmord gefunden. Der Fund einer kopflosen Männerleiche sowie die Ambitionen eines ehemaligen Predigers und wahlkämpfenden Politikers treiben die Geschichte in verschiedene Richtungen. Die Vermutungen der öffentlichen Meinung, es handelte sich um Satanisten oder um ein Verbrechen mit okkulten Hintergründen, regt nicht nur die Kriminalforensikerin Dr. Tempe Brennan auf, die neben ihren Fällen auch im privaten Bereich zwischen zwei männlichen "Fällen" vermitteln muss.

Immer wieder lösen sich auf den ersten zweihundert Seiten Spuren in Luft auf, bedeuten nichts, sind Fehlinterpretationen der Ermittler und mit ihnen des Lesers. Die Protagonistin bewegt sich mit ihren Vermutungen und Nachforschungen nicht auf einem stringenten Weg der Aufklärung und Erkenntnis. So "verirrt" sich nicht nur die Ermittlerin, sondern auch die Geschichte - und bildet damit den inneren Entwicklungslauf der persönlichen Verwirrungen der Protagonistin ab. Etwa wenn Tempe treffsicher ihre private Situation rekapituliert: "Columbus Day. Ich hatte ganz vergessen, dass Montag ein Feiertag war. Kein Picknick, kein Grillabend für dich. Du Loser." Nicht dass man nicht an den Befindlichkeiten der Protagonisten interessiert wäre, aber im vorliegenden Band ist die Verschmelzung von Handlung und vermeintlich nebensächlicher Details einfach nicht gelungen. Dies ist zu verschmerzen, kann der Leser doch auf andere Romane der "Reihe" ausweichen. Auch den drastischen Momenten des Buches gelingt es nicht, die Spannung beim Lesen zu erzeugen: "Eine tote Mokassinschlange lag umgedreht in dem Karton, der Bauch aufgeschlitzt, die herausquellenden Eingeweide glänzend und rot. Unter dem Unterkiefer war ein umgedrehtes Pentagramm in die blassgelbe Haut geritzt."

So bleibt der vorliegende Band nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum nächsten Abenteuer von Tempe Brennan - eine Episode, die man, ohne etwas zu verpassen, getrost überspringen kann.


Titelbild

Kathy Reichs: Der Tod kommt wie gerufen. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
Karl Blessing Verlag, München 2008.
352 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896673220

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