Das Gefühl des Angekommenseins

Judith Gruber-Rizy folgt in ihrem zweiten Roman "Einmündung" den Spuren einer Mutter-Tochter-Beziehung mit Gefühl und Akribie

Von Andreas TiefenbacherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Tiefenbacher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Trotz großer Bemühungen ist es auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen gleichwertig neben Männern stehen. Um sich frei zu machen, benötigen sie nach wie vor viel Kraft. Diese zu mobilisieren, ist nicht immer einfach, am ehesten aber mit einer "dicken Drächinnenhaut" möglich. Doch wer verfügt über eine solche? Ungewöhnliche Frauen tun das, wie Rosa, die Heldin im 2002 erschienenen Roman "Aurach" von Judith-Gruber Rizy.

Einer Frau gleichen Namens begegnet man nun auch im zweiten Roman der österreichischen Autorin. Eigenwillig auch sie: Fährt "schon als kleines Kind" mit Mutter und Großmutter zum Fischen auf den See hinaus, spielt im Boot "statt mit Puppen lieber mit Fischen und Netzen". Spürt mit vierzehn zum ersten Mal "den Geruch der großen Wüsten, des Regenwaldes und der Achttausender in sich". Und geht später "mit Schlafsack und Wanderschuhen" richtig auf Expedition, "um fremde Länder zu erforschen, Abenteuer zu erleben, sich extremen körperlichen Herausforderungen zu stellen".

Sie muss "immerzu reisen", tut dies aber nur "mit kleinem Gepäck" und ohne Fotoapparat, denn sie macht sich die "Fotos im Kopf", bringt sie zu Papier und wird eine anerkannte Reiseschriftstellerin, deren Bücher hohe Auflagen erzielen.

Das Bedürfnis "nach Weite und nach Harmonie" treibt sie an. Rosa muss "immer wieder aufs Neue reisen und gehen", um dieses "Gefühl der Harmonie nicht zu verlieren", das "vor allem auf stundenlangen Fußmärschen" entsteht. Oft will sie deshalb tagelang nichts anderes als "ohne Unterbrechung gehen". Selbst in steilem Gelände bewegt sich Rosa "sicher und unbefangen wie eine wilde Bergziege".

Im Einklang mit der Natur zu sein, bedeutet ihr viel, weil sie nur so mit sich selbst in Harmonie leben kann. In Beziehungen zu Menschen gelingt ihr das weniger. Die Männer, denen sie begegnet, sind zu selbstverliebt, um sie "als eigenständige Frau" wahrzunehmen. Und zu anderen Frauen entsteht richtige Nähe erst gar nicht. Zu irritiert scheint die Tochter von der Mutter, die trotz einiger Rückschläge als Autorin und dem Umstand, dass ihre große Liebe einem "widerwärtigen Krieg zum Opfer" fällt, selbst in der Zeit des Nationalsozialismus "beruflichen Erfolg" verbuchen kann, es vom Dienstmädchen bei "einer verarmten Gräfin" bis zur Leiterin einer Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen und später noch zur erfolgreichen Kinderbuchautorin bringt, die von ihren Tantiemen "ein kleines Grundstück nach dem anderen" erwirbt.

Nicht bloß zu denen hat Rosa keine "nähere Beziehung". Auch zur Mutter scheint (vor allem weil diese sich nie "vom beruflichen Erfolg während der braunen Jahre distanziert" hat, geschweige denn ins Exil gegangen ist) das Verhältnis nicht sonderlich gut, was sich im notorischen Unterwegssein auch räumlich manifestiert. Am besten kann Rosa mit ihr "im Schreiben von Briefen verkehren". Als die Mutter schließlich achtzigjährig stirbt, liegt der Tochter daher "ein detailgetreues Nachschlagewerk über" deren Leben in Briefform vor. Der Tod der Mutter entzieht ihr mehr oder weniger die Grundlage für das stete Fernsein. Nicht nur, dass sie auf einmal für sich "kein Reiseziel mehr" findet, sie will auch der Vermutung, ihr sei "Schwerwiegendes verheimlicht" worden, auf den Grund gehen und beginnt Nachforschungen anzustellen, die sie "zu den Quellen" ihrer Existenz führen. Rosa kehrt an den See der Kindheit zurück, auf den sie mit einer so genannten Plätte immer wieder hinausrudert, um "sich in die Landschaft und in die Mutter einfühlen" zu können. Immer wieder steigt sie auch auf den Gipfel des Hausberges hinauf, bis dort oben endlich "die Weite [...] Besitz von" ihr ergreift, ihr Inneres erfasst und dadurch möglich macht, dass sie die Weite der Mutter "gleichzeitig als eigene Weite empfindet".

Diese Form der "Einmündung" fördert aber auch einige unangenehme Erkenntnisse zutage, wie etwa die, dass "keine ihrer eigenen Lieben [...] an diese große Liebe der Mutter" herankommt. Oder jene, dass trotz intensiv betriebener "Suche nach der Mutter-Vergangenheit", die Rosa nicht nur in eine holländische Kleinstadt, sondern bis nach Israel und Connecticut führt, das eine oder andere "Loch in der mütterlichen Überlieferung [...] sich nicht stopfen" lässt.

Und doch gräbt Rosa, einer Archäologin gleich, weiter "nach den Ereignissen im Leben der Mutter". Dabei spürt sie eine Frau auf, deren "Selbständigkeit und Unabhängigkeit" beeindrucken. Denn nicht nur hat sie "in Heirats- und Liebesdingen [...] so gar nicht in ihre Zeit gepasst; sie hat sich auch nie um Konventionen geschert" oder "von herrschenden Moralvorstellungen" leiten lassen. Sie hat sich "ihre Meinung zu sagen" getraut, "ihr eigenes Geld" verdient und damit ein Leben geführt, "fast so als wäre sie ein Mann".

Rosa schwimmt in einem ähnlichen Fahrwasser, scheint aber noch um eine Spur kompromissloser zu sein. Denn während ihre Mutter schon als Neunzehnjährige gerne gehabt hätte, dass sie ihren Bergsteigerfreund heiratet und mit Vierzig schließlich "vom verzweifelten Wunsch nach einem Kind getrieben" wird, welches sie allerdings von einem bekommt, der "sicher nicht der Traummann" ist, strebt Rosa selbst von vornherein "keine feste Bindung" an. Und je länger sie sich "auf den Spuren der Mutter bewegt", umso klarer wird ihr auch, dass diese alles, was sie getan hat, "von ganzem Herzen und aus tiefer Überzeugung heraus tun" wollte. Rosa erkennt, dass das Leben der Mutter genauso wie ihres "eigenständig in der Bewegung", letztendlich aber beide "untrennbar miteinander verbunden" sind.

Im Roman, der aus einem einzigen kapitellosen, nur durch Absätze unterbrochenen Erzählblock besteht, zeigt sich dieses Verbindende im gleichmäßigen Ineinandergreifen von Mutter- und Tochtergeschichte, die vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts das Schicksal zweier Frauen präsentieren, die an gängigen Vorstellungen vorbei eigene Wege beschreiten. Und obwohl sich die Tochter mehr vom traditionellen Rollenbild zu emanzipieren vermag, biegt auch sie schlussendlich in die Sesshaftigkeit ein. Und dass sie sich gerade dort niederlassen will, wo "ihre Mutter geboren worden" ist und sie selbst "die ersten Jahre ihres Lebens verbracht" hat, darin steckt etwas Versöhnliches, umso mehr als sich dann auch noch an diesem Ort das "Gefühl des Angekommenseins, des Am-Ziel-Seins" ihrer bemächtigt und sie feststellt, "dass die Leichtigkeit in ihr nicht mehr verschwinden wird".

Das sind nicht die schlechtesten Aussichten, denn Leichtigkeit in sich und sein Leben zu bringen, das will erst einmal gelernt sein. Inmitten idyllischer Landschaft, wie sie dieser Roman in atmosphärisch dichten Schilderungen als Schauplatz präsentiert, lässt es sich schon vorstellen, wie das geht, dass man innerlich zu schweben beginnt. Die günstigsten Voraussetzungen gibt es jedenfalls beim Hinunterschauen vom Gipfel ins Tal auf den See.

Wie sehr Natur als Bewegungs- und Erlebnisraum über gesellschaftliche Zwänge, politische Missstände, individuelle Pannen hinwegzutrösten vermag, legt dieses gefühlvolle Buch auf eindrucksvolle Weise offen. Ein schwerwiegendes Problem schafft aber auch die schönste Natur nicht einfach so aus der Welt. Wer als Schriftsteller mit "Nichtbeachtung, schlechten Verkaufszahlen, minimalen Tantiemen und allgemeiner Ignoranz" konfrontiert ist, denkt schon einmal daran, "das Schreiben für immer bleiben lassen" zu wollen, ist doch Akzeptanz in diesem Metier alles.

Bevor sie zur bekannten Kinderbuchautorin avanciert ist, hat auch Rosas Mutter so eine Phase der Infragestellung des eigenen "schriftstellerischen Könnens" durchgemacht. Denn ihr so genannter "Fischer-Roman" ist bei der Erstveröffentlichung komplett durchgefallen, erst viele Jahre später von der Literaturwissenschaft hochgelobt und als "überragendes Kunstwerk" bezeichnet worden.

Durchaus von einem Kunstwerk darf auch in Zusammenhang mit Judith Gruber-Rizys fein ziseliertem Roman "Einmündung" gesprochen werden, erzählt er doch auf einem beachtlichen poetischen Niveau.


Titelbild

Judith Gruber-Rizy: Einmündung. Roman.
Verlag KITAB, Klagenfurt 2008.
158 Seiten, 16,45 EUR.
ISBN-13: 9783902585196

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch