Reggie und die anderen

Über Kate Atkinsons brillanten und höchst modernen Krimi "Lebenslügen"

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Versuche, die Krimiform an die formalen Erträge der Moderne seit der Avantgarde anzupassen, sind nicht immer von Erfolg gekrönt: Zu eng scheinen die formalen Kriterien und inhaltlichen Prämissen des Genres zu sein, als dass moderne Erzählformen sich auch hier im Massenformat hätten durchsetzen können. Die Engführung von Moderne und Kriminalroman geschieht deshalb und traditionell vor allem auf der epistemologischen Ebene, also über die Frage, wie Erkenntnis - in diesem Fall die Identifizierung des Täters - in der Moderne überhaupt noch möglich ist. Oder sie geschieht habituell über die Figur des "private eye", der sich als isolierte Gestalt durch das Dickicht der Städte zu schlagen versucht.

Das aber hat die formale Gestalt des Kriminalromans meist unberührt gelassen: Die Konsistenz des Erzählens, die Bruchlosigkeit der Handlungsführung täuscht zwar über einige Friktionen hinweg, die im Plot und im Kontext der Handlung immer wieder aufscheinen. Aber wenn die These zutrifft, dass der Krimi vor allem der Wiederaufrichtung einer gesellschaftlichen und damit moralischen Ordnung dient, dann erfüllt er diese Aufgabe bis heute ganz hervorragend und darf es sich auch dabei erlauben, erzählerisch und konzeptionell gelegentlich ziemlich hausbacken daherzukommen.

Nun sind jedoch in den letzten Jahren gerade aus dem Mutterland des Kriminalromans einige Beispiele eines neuen, radikal modernisierten Krimierzählens gekommen, die sich nun der Techniken der Avantgarde auch für diese bodenständige Form zu versichern scheinen. Der wohl bekannteste Repräsentant des neuen britischen Krimis ist sicher David Peace, dessen fulminante und geradezu blutüberströmte Reihe um den Yorkshire Ripper einen großen Schritt in Richtung Modernisierung des Kriminalromans machte. Gerade die Montagen und Perspektivwechsel in Peace' Romanen verstärkten die Eindringlichkeit der Texte. Eine genaue Übersicht über die Handlung war dafür auf einmal nicht mehr notwendig. Ganz im Gegenteil, in der zersplitterten Form kehrte die angemessene Wahrnehmung von Realität wieder, die eben nicht mehr von Übersichtlichkeit und Kommunikation geprägt war.

Kate Atkinson unternimmt nun einen anderen, eigenständigen Anlauf auf dieses formal und inhaltlich reizvolle Problem, das mit der Komplexität der modernen Gesellschaft auch vom Krimi bewältigt werden muss. Nicht die Überschwemmung der Gesellschaft mit der Aggression der von ihr geprägten Gestalten steht für sie im Vordergrund - sie nimmt stattdessen die Brüche auf, die sich bereits in einer konventionellen Sicht auf die Gesellschaft erkennen lassen. Dabei schneidet sie ihre Erzählung konsequent auf die Figuren zu und vermeidet es - mit großem Erfolg - eine alles verbindende Erzählerin auftreten zu lassen, die am Ende alle Wunden heilen, alle Wünsche erfüllen und alle Geschichten zu Ende führen wird. Stattdessen gibt es hier unterschiedliche Figuren, die das gesamte Gerüst umso bravouröser zu tragen imstande sind.

Die Stützen ihrer Erzählung sind: die jugendliche Reggie Chase, die im Haushalt der Ärztin Joanna Hunter als Babysitterin arbeitet, die Polizistin Louise und der mittlerweile ehemalige Ermittler Jackson Brodie. Louise und Jackson sind eigentlich ein Paar (was sie noch nicht oder nicht mehr wissen), Reggie ist zwar noch ein bisschen jung und vielleicht nicht wirklich helle, aber sie weiß schon ziemlich genau, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Und als Joanna Hunter eines Tages verschwindet (angeblich, um eine entfernte Tante zu besuchen), ist ihr sofort klar, dass etwas nicht stimmt.

Zum (relativen) Glück lernt sie bei einem Eisenbahnunglück, das direkt in ihrer Nähe geschieht, Jackson kennen (sie rettet ihn). Und mit ihm macht sie sich auf die Suche nach Joanna. Louise, die als skeptische Polizistin den offensichtlich hysterischen Vorstellungen der jungen Frau nicht folgen will (man hat ja schon so viel gesehen in diesem Job), befördert am Ende dann doch und unwillig die Suche nach Joanna, die der schwer verletzte Jackson und die jugendliche Reggie dann auch erfolgreich zuende bringen.

Die Folie, auf der das stattfindet, ist einigermaßen erschreckend: Joannas Mutter ist vor Jahren mit den Geschwistern Joannas ermordet worden. Nur Joanna hat, versteckt, überlebt. Nun soll der Mörder von damals freikommen, und was liegt näher als zu vermuten, dass er sich auch an die letzte Überlebende seines Massakers wenden wird, um sein Werk endlich abzuschließen. Joanna in Gefahr? Naheliegend, denn Joanna ist verschwunden.

Bemerkenswert - und höchst vergnüglich zu lesen - ist es nun, wie Atkinson Reggie, Louise und Jackson zusammenbringen und sie auf die Suche nach Joanna schickt. Bemerkenswert vor allem deshalb, weil die Skurrilität der Einfälle Atkinsons kaum zu übersehen ist. Trotzdem gleitet der Roman nicht ins Klamaukhafte ab, sondern bewahrt den Ernst der Situation, nämlich ernsthaft zu unterhalten.


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Kate Atkinson: Lebenslügen. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Annette Grube.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2008.
425 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783426198193

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