Mehr Scherzmaterial

Dass man das noch erleben darf: 20 Jahre nach Thomas Bernhards Tod ist mit "Meine Preise" doch noch ein komplett fertiges Buch aus seiner Nachlass-Schublade aufgetaucht

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nehmen wir einmal an, Sie gewönnen morgen einen Literaturpreis. Was würden Sie mit dem Geld machen? Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard fackelte nicht lange. Als er 1964, selbst noch weitgehend mittellos, zusammen mit Gisela Elsner und Hubert Fichte den Julius-Campe-Preis des Hamburger Hoffmann und Campe Verlags zuerkannt bekam, tat er etwas, worüber sich heutige Wirtschaftspolitiker sehr freuen würden. Er gab die als "Arbeitsstipendium" ausgelobten 5.000 DM umgehend aus.

"Als ich in Wien angekommen war, machte ich sofort den Entschluß wahr, den ich schon auf der Hinreise nach Hamburg gefaßt hatte: ich kaufte mir um die volle Preissumme ein Auto." Bernhard sieht in einem Schaufenster einen Triumph Herald, der genau 35.000 Schilling, also 5.000 DM kostet: "Er war elegant, er war englisch, was schon beinahe eine Voraussetzung gewesen war und er hatte genau die Größe, die mir paßte. Schließlich betrat ich das Geschäft und ging auf den Wagen zu und ging ein paarmal um den Wagen herum und sagte, diesen Wagen werde ich kaufen. Ja sagte, der Verkäufer, er werde sehen, daß mir in den nächsten Tagen schon ein solcher Wagen zur Verfügung stehe. Nein, sagte ich, nicht in den nächsten Tagen, gleich, sagte ich, sofort. Ich sagte das Wort sofort so, wie ich es immer gesagt habe, mit Bestimmtheit."

Erst danach fällt dem ungeduldigen Kunden allerdings ein, dass er ja nur einen Lastwagenführerschein gemacht habe und den Pkw möglicherweise gar nicht problemlos werde steuern können. In beispielloser Euphorie sitzt Bernhard aber dennoch bereits wenig später hinter dem Steuer seines nagelneuen Autos, fährt beschwingt kreuz und quer durch Österreich und weiter nach Jugoslawien an die Adria, wo er schließlich einen schweren Unfall hat: "Ich hatte mich am Kopf verletzt, der Blutstrom war so heftig gewesen, daß ich glaubte, ich hätte mir die Schädeldecke vom Kopf gerissen, aber ich hatte immer noch keinerlei Schmerz." Es ist dann doch nur eine Platzwunde, aber der Wagen ist Schrott: "Mein Herald war ein Blechklumpen."

Man liest dies alles komischerweise laut lachend und will sich auch gar nicht darüber beschweren, dass es hier doch eigentlich um einen Literaturpreis gehen sollte, wie Bernhard am Ende auch einräumt: "Das alles habe ich geschrieben, weil es, wie man sieht, mit dem dreigeteilten Julius-Campe-Preis zusammenhängt. Auf die selbstverständlichste Weise."

Und es stimmt. Keiner beherrschte die moderne Prosakunst der Abschweifung so virtuos wie Thomas Bernhard. Man hatte diese simple literaturgeschichtliche Tatsache schon fast wieder vergessen. Aber nun hat der Suhrkamp Verlag plötzlich diesen Text, den der Autor lapidar mit "Meine Preise" überschrieb, rechtzeitig zum 20. Todestag des berüchtigten Nörglers aus dem Hut gezaubert. Es war, einerseits, eine durch den Vorabdruck des Manuskripts in der "F.A.Z." perfekt flankierte PR-Aktion. Aber andererseits entpuppt sich dieses unscheinbare Buch für den verblüfften Leser auch sehr schnell als viel ergiebiger, als man es von irgendeinem verspätet nachgelieferten Fragment erwartet hätte. Es ist ein temporeich geschriebener Text von nur wenig mehr als 100 Seiten, der leuchtet und funkelt. Dass man das noch erleben darf! Doch noch einmal ein 'neues' Buch von Thomas Bernhard, ein tatsächlich seit fast 30 Jahren komplett fertiges Manuskript, wie dahingeworfen und gleichzeitig ein Zeugnis größter literarischer Könnerschaft.

"9 Preise von 12 od. 13" hatte Bernhard spitzbübisch auf das 1980 verfasste Konvolut notiert, das er schließlich liegen ließ und lediglich dazu benutzte, um Passagen daraus in den 1982 entstandenen Roman "Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft" einzuarbeiten. Doch auch wenn man die eine oder andere Anekdote schon einmal so oder ähnlich irgendwo gelesen hat, tut das der Faszination dieses autobiografischen Berichts keinen Abbruch.

Gleichzeitig fragt man sich, was genau es eigentlich ist, das Bernhards Glossen so einzigartig macht. Sicherlich hat es mit der Entschlossenheit zu tun, mit der dieser Schriftsteller, dessen Figuren man gemeinhin als verunsicherte Zauderer, Suizidale und Kranke kennt, hier auftritt - und mit der auch er am Ende immer wieder scheitert, denn tatsächlich passieren dauernd Unglücke. Diese Dialektik zwischen Überschwang, jäher Enttäuschung und dem, was beim Schreiben daraus wird, illustriert in gewisser Weise auch der gerade neu erschienene Band "Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten", den Erika Schmied (Fotografie) und Wieland Schmied (Text) im Residenz Verlag herausgegeben haben. Hier sieht man Bernhard auf vielen Schwarzweiß-Fotos in abermals auffällig gelöster Stimmung: gelassen in der Lederhose flanierend, Eis essend, ja sogar halbnackt bei der Gartenarbeit, oder Barfuß in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof herumsitzend, mit einem Glas Most in der Hand. Dazu kann man in diesem opulent gestalteten Buch vielsagende Zitate wie das folgende finden: "Ich bin ja ein Berserker, wie soll ich sagen, ich will ja gut schreiben, ich will mich ja auch immer verbessern. Das heißt aber, ich müsste mich immer mehr vergrauslichen und immer mehr verfürchten und verfinstern im Bösen, damit ich besser werde."

Einfach komisch ist es, wenn Bernhard in "Meine Preise" erzählt, wie er unmittelbar vor der ihm bevorstehenden Verleihung des Grillparzer-Preises noch schnell den Salon des Wiener Modegeschäfts Sir Anthony betrat, weil er "plötzlich zwei Stunden vor dem Festakt eingesehen" hatte, dass er "zu dieser zweifellos außerordentlich Zeremonie nicht in Hose und Pullover erscheinen könne".

Wer schon einmal den Versuch unternommen hat, auf die Schnelle einen passenden Herrenanzug zu kaufen, weiß, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Bernhard aber geht ähnlich rabiat vor wie im Falle seines Triumph Heralds, lässt den begriffsstutzigen Verkäufer einfach stehen, geht zielstrebig durch den Laden, bedient sich selbst und probiert einen Anzug an. Er befindet, dass er passt, bezahlt kurzentschlossen, behält das Kleidungsstück gleich an und schlendert entspannt weiter zur Preisverleihung. Natürlich sitzen die Klamotten, wie sich bald herausstellt, dann doch nicht so gut, und außerdem kommt es bei der Verleihung des Grillparzer-Preises zum Eklat.

Später folgt noch die Geschichte mit der "Ehrengabe des Kulturpreises des Bundesverbands der Industrie", die Bernhard 1967 zugesprochen bekam, als er gerade mit aufgeschnittener Kehle zwecks einer Gewebeprobeentnahme wegen Krebsverdachts unter "hundertprozentigen Todeskandidaten" im Wiener Pavillon Hermann lag. Hier liest man die beiläufige Passage: "Der Sommer war, erinnere ich mich, besonders heiß und es wütete gerade der in die Geschichte eingegangene Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten. Die Patienten lagen bei dreißig Grad im Schatten in ihren Betten und in Wahrheit hatten sie alle, wie ich den meinigen, ihren Tod herbeigewünscht und sind ja auch alle, wie ich schon gesagt habe, nacheinander ihrem Wunsche gemäß, gestorben, darunter auch der ehemalige Polizist Immervoll, der im Nebenzimmer gelegen war und der, solange er dazu imstande gewesen war, tagtäglich in mein Zimmer gekommen war, um mit mir Siebzehnundvier zu spielen, er gewann und ich verlor, wochenlang gewann er und ich velor, bis er starb und ich nicht."

In einer sonnigen Szene der im Rahmen der "filmedition suhrkamp" soeben erschienenen DVD mit den legendären Interviews, die die österreichische Fernsehjournalistin Krista Fleischmann mit Bernhard auf Mallorca und in Madrid geführt hat, sitzt der Autor entspannt am Mittelmeer, gibt genüsslich den Altersnarren und liefert gleich selbst eine These zur Funktionsweise dieser unnachahmlichen Untergangskomik: "Das Scherzmaterial ist ja immer da, wo's nötig ist, wo ein Mangel ist, irgendeine geistige und körperliche Verkrüppelung. Über einen Spaßmacher, der völlig normal ist, lacht ja kein Mensch, nicht, sondern der muß hinken oder einäugig sein oder jeden dritten Schritt hinfallen, oder (lacht) sein Arsch explodiert und schiaßt a Kerz'n heraus oder was. Darüber lachen die Leut', immer über Mängel und über fürchterliche Gebrechen. Über was anderes hat ja noch niemand gelacht, nicht?"

Mag sein. Aber in "Meine Preise" gibt es auch Anekdoten, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt. In ihnen geht es um die Realität des deutschsprachigen Literaturbetriebs der Nachkriegszeit, von dem man ahnt, dass er auch heute noch nicht viel besser abläuft. 1965 etwa erhält Bernhard den Bremer Literaturpreis und kommt danach als Jurymitglied noch einmal in die Stadt, um über die Auswahl des nächsten Preisträgers mitzuentscheiden. Er sei "nicht gewillt, die Erfahrung, die ich auf dieser zweiten Bremer Reise gemacht habe, zu verschweigen", setzt er drohend an.

Bernhard habe Elias Canetti wegen seines damals wiederaufgelegten genialen Jugendwerks "Die Blendung" vorgeschlagen, auch weil dieser Schriftsteller seines Wissens bis dahin noch nie einen Literaturpreis zuerkannt bekommen hatte. "Mehrere Male sagte ich das Wort Canetti und jedesmal hatten sich die Gesichter an dem langen Tisch wehleidig verzogen. Viele an dem Tisch wußten gar nicht, wer Canetti war, aber unter den wenigen, die von Canetti wußten, war einer, der plötzlich, nachdem ich wieder Canetti gesagt hatte, sagte: aber der ist ja auch Jude. Dann hatte es nur noch Gemurmel gegeben und Canetti war unter den Tisch gefallen. Ich habe diesen Satz Aber der ist ja auch Jude! noch heute im Ohr, wenn ich auch nicht sagen kann, wer an dem Tisch den Satz gesagt hat."

Schade eigentlich. Aber die Geschichte ist damit auch noch gar nicht zu Ende. Denn die Herren werden unruhig, schauen auf die Uhr, und dann gehen auch schon die Flügeltüren im Saal auf, so dass der Bratenduft hereinströmt: "So mußte der Tisch ganz einfach eine Entscheidung fällen. Zu meiner größten Verblüffung zog plötzlich einer der Herren, ich weiß nicht, welcher, aus dem Bücherhaufen auf dem Tisch, wie mir schien wahllos, ein Buch von Hildesheimer heraus und sagte in umwerfend naivem Tone und geradezu schon im Aufstehen zum Mittagessen: Nehmen wir doch den Hildesheimer, nehmen wir doch den Hildesheimer und Hildesheimer war gerade jener Name, der während der ganzen stundenlangen Debatten überhaupt nicht gefallen war."

Offenbar war also außer Bernhard keinem der Anwesenden klar, dass dieser Wolfgang Hildesheimer "auch Jude" war. Das ist am Ende der "Witz" dieser ganz normalen deutschen Betriebsnudel-Geschichte, die hier ausgeplaudert wird. Sie passt in das Bild einer jahrzehntelangen deutschen Missachtung jüdischer Schriftsteller in der Nachkriegszeit, die die Literaturszene von Anfang an bis tief in die Gruppe 47 hinein bestimmte und dazu führte, dass Schriftsteller wie Edgar Hilsenrath, Wolfgang Hildesheimer oder eben auch Elias Canetti hierzulande höchstens durch glückliche Verkettungen von Umständen überhaupt wahrgenommen wurden.

Auch deshalb sollte man "Meine Preise" lesen. Zusammen mit der kultverdächtigen Interview-DVD mit Bernhards "Monologen auf Mallorca" dürfte man damit bis Mai über die Runden kommen. Dann soll endlich der bereits für das Frühjahr 2008 angekündigte, aus nicht erläuterten Gründen aber seither immer wieder zurückgehaltene Briefwechsel Bernhards mit seinem Verleger Siegfried Unseld bei Suhrkamp herauskommen. Wir freuen uns darauf. Naturgemäß!

Anmerkung der Redaktion: Der Text erschien bereits in KONKRET 2/2009.


Titelbild

Thomas Bernhard: Meine Preise. Eine Bilanz.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
144 Seiten, 15,80 EUR.
ISBN-13: 9783518420553

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Krista Fleischmann: Monologe auf Mallorca / Die Ursache bin ich. Die großen Interviews mit Thomas Bernhard.
DVD mit einem Essay.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
19,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135044

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Titelbild

Erika Schmied / Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten.
Residenz Verlag, Wien 2008.
312 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783701730896

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