Mythos und Realität

Birgit Roser analysiert Christa Wolfs Roman "Medea. Stimmen"

Von Stefan NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Christa Wolfs letzter Roman "Medea. Stimmen" 1996 erschien, hatte er bei den Kritikern einen schweren Stand. Seit dem deutsch-deutschen Literaturstreit um Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" im Jahr 1990 hat im Feuilleton eine vollständige Neubewertung ihrer Bücher eingesetzt, die einer deutlichen Abwertung gleichkommt. Alles, was vor dem Fall der Mauer noch für gut und kritisch befunden worden ist, wird nun als apologetisch und qualitativ minderwertig eingestuft. Die weiteren Publikationen der 90-er Jahre, neben dem genannten Roman die Sammlungen mit Aufsätzen und kurzen literarischen Texten, dienten den Kritikern in der Regel zur Bestätigung dieser Einschätzung.

Während die Literaturkritik offenbar mit Christa Wolf abgeschlossen hat, geht ihre Kanonisierung in der Literaturwissenschaft weiter, und zwar mit deutlich erkennbarem positiven Vorzeichen. Die jüngste Arbeit von Birgit Roser ist dabei besonders hervorhebenswert. Es handelt sich um die erste ausführliche Studie zu "Medea" und um eine differenzierte Analyse, deren abwägende Haltung auch in Wertungsfragen nach den Querelen der 90-er Jahre wohltuend wirkt. Umso glaubhafter ist die Schlussfolgerung, dass "Medea" trotz einiger Schwächen als gelungene Bearbeitung eines schwierigen Stoffes angesehen werden kann.

Birgit Roser geht von Christa Wolfs Lektüren zum Medea-Mythos aus und fragt, welche Mythologeme verworfen oder aufgegriffen werden und welche Neuakzentuierungen festzustellen sind. Dem schickt sie einige "Theoretische Überlegungen zum Mythos" voraus. Der in dieser Hinsicht unkundige Leser erfährt alles Wissenswerte über den Stand der Diskussion. Ein wichtiger Punkt: Mythisierungen stehen oft im Dienst einer "ideologischen Verwendung", während der gegenläufige Versuch der Entmythologisierung ideologiekritisches Potential freisetzt. Auf welcher Seite steht "Medea" und mit ihr Christa Wolf?

Das Verfahren Christa Wolfs wird folgendermaßen beschrieben: "Anstatt die dominierende Version des Mythos zu ignorieren oder direkt zu dementieren, legt sie hier ihre Version quasi als Folie über die mythologische Vorlage. Diese scheint so zwar weiterhin durch und bleibt scheinbar bestehen, wird aber dennoch - und viel wirkungsvoller als durch eine bloße Ersetzung - verändert." Das umsichtige Verwenden der Vorlagen führt nicht zu einem neuen Mythos, wie es Christa Wolf im Feuilleton mehrfach vorgeworfen wurde. Die Kritik an "patriarchalischen Herrschaftsformen" und die damit korrespondierende Sympathie für das Matriarchat ist, so ein weiteres überraschendes Ergebnis von Rosers Studie, in den Vorlagen bereits angelegt. Außerdem gestaltet Christa Wolf ihre Frauenfiguren nicht einseitig positiv.

Immer weitere Schichten des Romans werden offengelegt, seine Konstruktionsprinzipien kundig erläutert. Die Feststellung, Medea sei Heldin und Opfer, ist nur unter großem Vorbehalt möglich. Eindeutigkeit wird durch die Aufspaltung in Innere Monologe, benannt als "Stimmen", und die Widersprüche zwischen den Sichtweisen vermieden. Es lassen sich nur wenige Aussagen über das tatsächliche Geschehen in Kolchis und Korinth treffen. Christa Wolfs kritische Einstellung zur eigenen Sprache und zur (Re-)Konstruierbarkeit von Wirklichkeit befördern die Offenheit des Textes und bieten Gelegenheit für verschiedene Aktualisierungen. Dies wird von Roser als Stärke des Textes gewertet, schließlich gilt Polyvalenz als entscheidendes Merkmal für Literarizität.

Dem Vorwurf, die "Stimmen" würden sich nicht genug unterscheiden und wirkten als eine Stimme, tritt Roser entgegen und weist nach, dass größere Abweichungen festzustellen sind, die im Dienst der Figurencharakterisierung stehen. Bei aller Sympathie für Christa Wolf und ihr Buch bezieht Roser aber auch kritisch Position, beispielsweise wenn sie feststellt, dass "durch die sehr plakativen Formulierungen und offensichtlichen Parallelen es dem Leser vielleicht allzu leicht gemacht wird, eine reduzierte allegorische und im Ergebnis mythisierend wirkende Lesart zu wählen". Das bezieht sich vor allem auf die Lesart vieler Rezensenten, "Medea" sei ein misslungener Kommentar zur Wiedervereinigung.

Die Analyse wird in den Kontext von Äußerungen Christa Wolfs zur Literatur allgemein, zu ihren Büchern und zu poetologischen Positionen im besonderen eingebettet. Roser weist nach, dass Christa Wolf in "Medea" ihrem literarischen Programm treu geblieben ist und es weiterentwickelt hat. Nachdem die tagesaktuellen Erwägungen des Feuilletons in den Hintergrund getreten sind, ist "Medea" und ihrer Autorin also jetzt, zumindest in der literaturwissenschaftlichen Bestandsaufnahme der "Voraussetzungen eines Romans", ein wenig Gerechtigkeit widerfahren.

Titelbild

Birgit Roser: Mythenbehandlung und Kompositionstechnik in Christa Wolfs Medea. Stimmen.
Peter Lang Verlag, Frankfurt 2000.
141 Seiten, 25,10 EUR.
ISBN-10: 3631354800

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch