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Die DVD-Version von Claude Lanzmanns Militär-Dokumentarfilm „Tsahal“ zeigt, warum sich der Staat Israel effektiv gegen seine Feinde verteidigen muss

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wieso haben die Israelis bloß ein so übertriebenes Sicherheitsbedürfnis?“ So fragte ein Zuhörer, als der langjährige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, vor einiger Zeit einen Vortrag in einer kleinen deutschen Universitätsstadt hielt, um die prekäre politische und militärische Situation seines Landes zu erläutern. Die Entrüstung, die in der Frage zum Ausdruck kam, war typisch – und zwar nicht nur für das Publikum der Provinzstadt. Sie zeugte von jenem Unverständnis, das im Grunde weltweit immer noch darüber geäußert wird, dass sich die überlebenden Juden nach der Shoah dazu entschieden, fortan auf Versuche, sie zu töten, eine Antwort zu geben.

Auch Claude Lanzmanns Film „Tsahal“, benannt nach der israelischen Armee zur Verteidigung Israels, „Tsava Haganah LeIsrael“, ist eine Antwort, und zwar auf die eingangs zitierte Frage. Lanzmanns Film, der jetzt samt einem zusätzlichen Interview mit Verteidigungsminister Ehud Barak, geführt kurz vor der jüngsten Gaza-Offensive Israels, auf DVD erschienen ist, wurde bereits 1994 uraufgeführt. „Tsahal“ stehe mit seinem wichtigsten Film „Shoah“ (1985) in Beziehung wie das „Echo zum Schall“, erklärte Lanzmann damals in einem Interview mit Josef Joffe. Wie auch seine weiteren Dokumentarfilme „Pourquoi Israel“ (1973) und zuletzt „Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 Heures“ (2001), besteht Lanzmanns beinahe fünfstündiges Werk „Tsahal“ aus geschickt zusammengeschnittenen Interviews mit Israelis, aus Alltagsbildern und Landschaftsaufnahmen – ganz ohne Musik oder zusätzliche Off-Kommentare.

In „Tsahal“ sieht man darüber hinaus viele quietschende und ächzende Panzer, die wie Dinosaurier aus Stahl durch die sonnendurchflutete Wüste fahren. Und trotzdem ist es kein militärischer Propagandafilm. Lanzmann arbeitet in „Tsahal“ noch einmal differenziert heraus, warum bereits hinter den Titel seines ersten Films von 1973, „Warum Israel“, kein Fragezeichen stand: Israel wird hier abermals als ein ganz besonderer Staat vorgestellt, der sich aus einer Stituation permanenter und akuter Bedrohung heraus verteidigen muss, um zu überleben. „Darum“ könnte man also dem prototypischen „Israelkritiker“ antworten, der sich immer noch wundert, warum die Juden denn bloß immerfort Mauern bauten und Kriege führten – und ihm darauf ganz einfach den Film „Tsahal“ vorführen.

Wussten Sie zum Beispiel, dass Israel – also jenes Land, von dem man allgemein annimmt, es stelle seit jeher eine groteske militärische Übermacht im Nahen Osten dar, die steinewerfende Kinder mit Atombomben bedrohe – seit 1948 von keinem Staat der Welt jemals moderne Panzer verkauft bekam, obwohl Israel von seiner Gründung an immer wieder existenzbedrohenden kriegerischen Angriffen seiner Nachbarn ausgesetzt war? Während etwa Großbritannien und die Sowjetunion die aggressiven Feinde Israels stets mit den allerneuesten Modellen ausstattete, sah sich Israel zunächst gewzungen, längst verschrottete Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg aufzukaufen und wieder flott zu machen. Das führte schließlich dazu, dass die israelische Armee in ihrer verzweifelten Situation damit begann, ein ganz eigenes Panzermodell zu entwickeln. Diese Geschichte wird in „Tsahal“ in allen Einzelheiten erzählt. Dabei beginnt man sich darüber zu wundern, dass sich dieses winzige Land, das an seiner schmalsten Stelle nur 10 Kilometer breit ist und sich zu jeder Zeit von diktatorischen Mächten umstellt sah, die es auslöschen wollten, überhaupt aus eigener Kraft behaupten konnte.

1994 schrieb Lanzmann über seinen Film „Tsahal“: „Die Nationen sind heute schnell bei der Hand, Israel zu verurteilen, und vergessen dabei das Überlebensproblem, das sich diesem Land unentwegt stellt. Sie nehmen die militärische Macht Israels als gegeben hin und sind nicht einmal erstaunt darüber. Dieses mangelnde Erstaunen halte ich für eine große Gefahr. Mein Film soll dieses Erstaunen wieder wecken und die Realität in einem neuen Blickwinkel darstellen. Seit den Massendeportationen der Warschauer Juden nach Treblinka 1942 und der Eroberung der Golan-Höhen im Sechs-Tage-Krieg waren kaum vierundzwanzig Jahre vergangen, und nur neunundzwanzig Jahre liegen zwischen der Vergasung von vierhunderttausend Juden in Auschwitz 1944 und den blutigen Schlachten des Oktoberkriegs. Welche außerordentliche Leistung stellt der Aufbau dieser Armee, dieser Militärmaschine dar! Wie war das möglich und wo liegen die Wurzeln?“

Verblüffend ist an Lanzmanns Film aber auch, wie freimütig hochrangige Militärs, darunter der damalige Generalstabschef Ehud Barak oder auch der Generalmajor Ariel Sharon, allerlei Geheimnisse über ihre Einsätze und Erfahrungen ausplaudern. Lanzmann bekam von der israelischen Regierung für seine Dreharbeiten freie Hand, und alle Befragten im Film, seien es junge Panzerfahrer wie Ilan Leibovitch oder der ehemalige Elitesoldat einer Spezialeinheit, Moshe ‘Muki’ Betser, geben unbekümmert Auskunft über ihre teils bestürzenden Erlebnisse.

Dazu gehören unter anderem auch beklemmende Nahtoderfahrungen nach Verwundungen: Wie gefährlich und verlustreich etwa der Jom-Kippur-Krieg von 1973 war, bei dem Ägypten seinen Nachbarstaat Israel aus heiterem Himmel am Suezkanal angriff, wurde noch nie so eindrucksvoll beschrieben wie in diesem Film. Hier sprechen keine triumphierenden Militaristen, sondern Menschen, die nach wie vor in Angst leben und sich nach Frieden sehnen. Fast alle der befragten Militärs im Film stammen von Holocaust-Überlebenden ab, während Teile ihrer Familie während der Shoah ermordet wurden – oft auch ihre Eltern selbst. So etwa im Fall des Generalmajors Yanush Ben-Gal, zweifelsohne einem der Protagonisten in „Tsahal“. Wenn Ben-Gal, der seine Eltern im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht aus Polen verlor, mit einem sanften Lächeln aus seiner furchtbaren Kindheit erzählt und dann das Desaster seiner Panzereinheit im Jom-Kippur-Krieg beschreibt, die während des ägyptischen Überraschungsangriffs binnen weniger Tage vernichtet wurde, stockt dem Zuschauer der Atem.

Über allem steht ein Motto, das im Vorspann des Films zu lesen ist. „Ohne die ‘Tsahal’ hätte sich die Frage nach dem Frieden zwischen Israel und seinen ehemaligen Feinden niemals gestellt: Israel würde nicht mehr existieren.“ In dem am 1. März 2008 geführten Interview, das sich als Zugabe auf der zweiten DVD der Edition findet, kommt aber auch noch ein weiterer Punkt zur Sprache, der in Europa gerne vergessen wird: Israel sei ein „Außenposten der freien Welt“ und führe daher mit dem radikalen islamistischen Terrorismus seit Jahrzehnten einen nachrichtendienstlichen und militärischen Kampf, der keineswegs nur der Verteidigung Israels gelte, betont hier Ehud Barak, der zu diesem Zeitpunkt bereits als Verteidigungsminister Israels firmierte.

So gesehen sollte auch der Rest der demokratischen Staaten, die nicht unter der alltäglichen Bedrohung eines religiösen und mörderischen Fundamentalismus leben möchten, der „Tsahal“ dafür dankbar sein, dass sie als erste Armee der Welt gewissermaßen den Kopf hinhält. Auch deshalb ist es wichtig, dass die DVD-Version dieses kontroversen Dokumantarfilms ein größeres Publikum erreicht: Seit dem 11. September 2001 und den Folgeattentaten in London und Madrid – von den fortwährenden antisemitischen beziehungsweise antiamerikanischen Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ajmadinedjad und den alltäglichen Bombenattacken in Afghanistan, im Irak, in Pakistan und neuerdings auch im Nordkaukasus einmal ganz zu schweigen – hat „Tsahal“ eher noch an Aktualität gewonnen.

Anmerkung der Redaktion: Der Text erschien bereits in leicht gekürzter Form in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 6.8.2009.

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Tsahal. Ein Film von Claude Lanzmann.
Absolut Medien, Berlin 2008.
316 min, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783898489638

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