Von der Komik und Tragik der Schwerhörigkeit

In seinem neuen Roman „Wie bitte?“ beschreibt David Lodge die Tücken des Alterns

Von Sylvia LangwaldRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sylvia Langwald

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schwerhörigkeit, Erektionsprobleme und ein demenzkranker Vater – das ist das Leben von Desmond Bates, Professor für Angewandte Linguistik im Vorruhestand. Eigentlich wollte sich der Sprachwissenschaftler ganz seiner Forschung widmen, doch nun muss er kennen, dass er zum alten Eisen gehört – um den Platz hinter seinen Ohren konkurrieren nun Brille und Hörgeräte. Während seine Frau Karriere als Innenausstatterin macht, kämpft Desmond mit den alltäglichen Tücken seiner Taubheit. Telefonieren, Theater und Partys sind für ihn ein Gräuel – konfrontieren sie ihn doch permanent mit seinem körperlichen Verfall. Weil der Professor ohne die lästigen Hörhilfen nur noch „Rhabarber, Rhabarber“ versteht und ihn die Aussagen seiner Mitmenschen eher an dadaistische Gedichte erinnern, schickt ihn seine Frau Winifred zum Lippenlesekurs, der ihm aber nur wenig hilft.

Kreativ, wie Desmond ist, entwickelt er vielfältige Taktiken, um seine Taubheit zu verschleiern, wie das Monologisieren und das Auf-Zeit-Spielen, doch statt das Problem zu lösen, manövriert er sich mit diesen Strategien in noch größere Schwierigkeiten. So unterhält sich Desmond auf einer Vernissage angeregt mit einer jungen Frau ohne zu verstehen, wer sie ist oder was sie sagt. Als sie Desmond am nächsten Tag anruft, erfährt er, dass er zugestimmt hat, die junge Frau namens Alex Loom, die bei einem seiner Kollegen promoviert, bei Ihrer Dissertation zu beraten. Zuerst versucht Desmond die beharrliche Nachwuchsforscherin abzuwimmeln, doch Ihr Projekt ist ebenso interessant wie bizarr: Alex untersucht die Stilistik von Selbstmordbriefen. Der Wissenschaftler in Desmond beginnt sich wieder zu regen, und so stimmt er zu sich mit ihr zu treffen. Alex lotst Desmond in ihre Wohnung, wo er sich aufgrund der recht privaten Atmosphäre zunehmend unwohl fühlt. Nach der Besprechung findet Desmond einen Slip in seiner Jackentasche. Aus Angst, seine Frau könnte ihn einer Affäre bezichtigen, beschließt er den Kontakt mit Alex abzubrechen. Erfolglos – die Studentin lädt ihn sogar schriftlich dazu ein, ihr den Hintern zu versohlen und taucht schließlich auf der Weihnachtsfeier der Bates’ auf.

Alex’ Doktorvater, Prof. Butterworth, beichtet Desmond, dass er ein unangemessenes Verhältnis zu Alex gepflegt hat und sie ihn nun damit erpresst. Butterworth bittet Desmond, auf Alex Einfluss zu nehmen, um eine öffentliche Bloßstellung zu verhindern. Nach einem Gespräch mit Desmond gibt Alex ihren Erpressungsplan auf. Desmond glaubt die unheimliche Studentin endlich losgeworden zu sein, bis ihm die vermeintliche Expertin für Selbstmordbriefe ihre eigene Abschiedsnotiz schickt.

Aufdringliche Doktorandinnen sind jedoch nicht Desmonds einziges Problem. Aufgrund seiner Behinderung empfindet der Professor sich zunehmend als lächerlich. Auch Vergleiche mit berühmten Hörgeschädigten wie Philip Larkin, Beethoven und Goya können ihn nicht über den Verlust seines Gehörs hinwegtrösten. Während Blindheit mit einer gewissen Tragik assoziiert wird, ist der Schwerhörige in seinem ewigen Kampf mit mikroskopisch kleinen Hörgerätebatterien immer der Komik preisgegeben. Welche Qualen der Träger einer Hörhilfe zu erdulden hat, zeigt sich bereits direkt nach dem Aufstehen: „Beim Frühstück lasse ich sie [die Hörgeräte] gern weg, weil sich mit ihnen die Kaugeräusche von Cornflakes und Toast anhören, als zermalmten Dinosaurier in Dolby-Surround dicke Knochen.“ Lodge beschreibt seinen Protagonisten in seiner wie gewohnt geistreichen, witzigen und treffenden Art und ist so wieder auf dem Höhepunkt seiner Ausdruckskraft.

Doch trotz genialen Wortwitzes und aller Komik rund um den Hörgeschädigten gelingt es Lodge, auch die traurige Seite seines Helden zu darzustellen. Der in Tagebuchform abgefasste Roman zeigt, wie sehr Desmonds Taubheit ihn von der Welt isoliert und für ihn selbstverständliche Alltagssituationen zu unüberwindbaren Hindernissen werden lässt. Lodge schlägt durchaus nachdenkliche Töne an, denn in seinem neuem Roman geht es nicht nur um die Alltagsprobleme eines schwerhörigen Sprachwissenschaftlers. „Wie bitte?“ handelt auch von der Vergänglichkeit des Menschen und der Unaufhaltsamkeit des Todes. Lodge schafft dabei gekonnt den Spagat zwischen Witz und Ernst, ohne in Kitsch und Melodramatik abzugleiten. Es ist gerade diese Spannung zwischen Komik und Tragik, die den Reiz dieses Romans ausmacht und den Leser sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen kann.

Tränen müssen wohl auch den Übersetzern in die Augen gestiegen sein, denn die Übertragung dieses Werkes aus dem Englischen stellt sie vor eine besondere Herausforderung. Allein der Titel der englischen Originalausgabe „Deaf Sentence“ – ein Wortspiel mit deaf (taub) und death sentence (Todesstrafe) – macht es den Übersetzern unmöglich, ein ebenso geistreiches Äquivalent zu finden. Lodge ist sich dessen bewusst und entschuldigt sich in der Widmung bei allen Übersetzern, die sich dieser Aufgabe stellen müssen. Trotz dieser übersetzerischen Herausforderung ist es Renate Orth-Guttmann wieder hervorragend gelungen, Logdes Roman ins Deutsche zu übertragen, wenn sie auch auf Worterklärungen im Anhang zurückgreifen muss, um Begriffe wie deafies und hearies zu erläutern oder dem deutschsprachigen Leser eventuell nicht geläufige intertextuelle Bezüge zu erklären, liest sich die deutschsprachige Ausgabe genauso unterhaltsam wie die englische Originalfassung. Ein Lodge’scher Roman mit neuen Tönen, aber dennoch in Hochform.

Titelbild

David Lodge: Wie bitte? Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann.
Karl Blessing Verlag, München 2009.
367 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896673961

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