Den Bogen überspannt

Über Jan-Philipp Sendkers Roman „Drachenspiele“

Von Hans Peter RoentgenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hans Peter Roentgen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Paul lebt auf einer kleinen Insel vor Hongkong, völlig zurückgezogen, als seine chinesische Freundin Christine einen Brief bekommt. Ihr Bruder, von dem sie glaubte, dass er in den Wirren der Kulturrevolution umgekommen wäre, schreibt ihr. Er braucht Hilfe – und vermutlich Geld. Doch als Paul und Christine ihn besuchen, möchte er kein Geld. Er hatte gehofft, dass Christine ihren Traum, Ärztin zu werden, wahrgemacht hätte. Denn seine Frau liegt im Koma und die Ärzte haben sie bereits aufgegeben. Nach und nach kommt die Vorgeschichte ans Tageslicht: dass der Bruder während der Kulturrevolution die eigene Familie als Vierzehnjähriger verraten hat und selber verraten wurde, dass der Terror der chinesischen KP immer noch gegenwärtig ist. Und seine Frau keinen Schlaganfall hatte, sondern hat zuviel Fisch aus einem See gegessen hatte, in den ein Chemiekombinat Abwasser einleitet.

Was in den USA zu einem aufsehenderregenden Prozess mit hohem Schadensersatz führen würde, kann in China immer noch unter den Teppich gekehrt werden. Wer sich beschwert, landet schnell im Arbeitslager oder in der Psychiatrie, die Behörden setzen Leute willkürlich fest und müssen nicht einmal bekannt geben, ob diese verhaftet wurden, geschweige denn, weswegen.

So entwickelt der Roman ein Bild vom heutigen China, in dem die Mao-Bibel längst von den Wirtschaftsnachrichten verdrängt wurde, in dem die Reichen tun und lassen können, was immer sie wollen, solange sie sich mit der Partei gut stellen. Unabhängige Gerichte sind unbekannt, Anwälte können ihre Lizenz verlieren, wenn sie die falschen Leute vertreten und jeder hat Angst.

Der Fall um Christines Bruder scheint hoffnungslos. Auch weil die Kinder der Komapatientin zunächst keine Lust verspüren, die Sache aufzugreifen. Ihrer Mutter kann nicht mehr geholfen werden, dazu ist es zu spät. Warum sollte man dann das eigene Leben und die eigene Karriere aufs Spiel setzen? Ausgerechnet Paul, der sich völlig von der Welt zurückgezogen hatte, verfolgt die Sache. Mit der Naivität des Westlers, der an Gerichte und Gerechtigkeit glaubt, überzeugt er die Tochter. Die stellt Texte ins Internet – und verschwindet daraufhin spurlos. Zehntausende überwachen in China das Internet, erklärt der Sohn. Die Sache dort publik zu machen, war ein Wahnsinn – bis er dann auch im Internet anonym aktiv wird. Und das Internet hat in China Macht. Selbst die sonst so mächtige KP-Führung fürchtet es und wenn eine Sache dort erst mal Wellen geschlagen hat, kann nicht einmal die allmächtige Partei das negieren.

Jan-Philipp Sendker hat einen überzeugenden Öko- uind Politthriller aus dem heutigen China geschrieben. Dass der Autor das Land kennt, merkt man. Es ist eine etwas andere Einstimmung auf China als Gastland der Buchmesse, ein Roman, der ein Bild vom modernen China gibt, das von politischer Korruption, Rechtlosigkeit und gleichzeitig von einer erwachenden Öffentlichkeit geprägt wird, die der Parteilinie längst nicht mehr zu folgen gewillt ist. Aber Sendker hat leider nicht nur einen Öko- und Politthriller geschrieben. Denn er seinen Figuren nicht vertraut und hat die Geschichte, die für sich schon dramatisch genug wäre, unnötig dramatisiert. Paul betrauert melodramatisch den Tod eines krebskranken Kindes, die Freundin versammelt ebenfalls möglichst viel zusätzliche Dramatik um sich und an manchen Stellen liest der Roman sich dann auch wie Groschenheft. Schade, denn die Geschichte selbst, von der Kulturrevolution bis zu den Boomtowns, von der Mao-Bibel bis zum Internet ist dramatisch und realistisch genug und hätte solche Versatzstücke aus dem Baukasten gar nicht benötigt.

Titelbild

Jan-Philipp Sendker: Drachenspiele. Roman.
Karl Blessing Verlag, München 2009.
432 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896673886

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch