Blinde Augen sehen mehr

Peter Fitz liest Siri Hustvedts „Was ich liebte“ und gibt dem Erinnern eine Stimme

Von Julia DombrowskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julia Dombrowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was ist nur geschehen? Das ist die zentrale Frage eines Rückblicks auf die vergangenen 25 Jahre – und sie ist nicht allein dadurch zu beantworten, dass die Geschehnisse in chronologischer Ordnung erinnert werden: Manches wird offenbleiben.

1975 erwirbt der Kunsthistoriker Leo Hertzberg das Gemälde einer jungen Frau, das ihm Rätsel aufgibt: Das Bild ist signiert mit den Worten „Selbstporträt von William Wechsler“. Die Verwirrung um Identität und Selbstfindung, um Geschlechterrollen und -zugehörigkeit, um Sexualität und Abhängigkeit wird sich durch die gesamte Handlung des dritten ins Deutsche übersetzten Romans von Siri Hustvedt ziehen.

Hertzberg und seine Frau Erica lernen den Künstler Bill Wechsler und dessen Frau Lucille kennen, bald verbindet die vier New Yorker eine enge Freundschaft. Fast zeitgleich kommen die beiden Söhne der Familien, Matt und Mark, zur Welt, gemeinsam wachsen sie auf. Bill und Lucille trennen sich kurz nach Marks Geburt; Bill beginnt daraufhin eine Beziehung mit Violet, die ihm Modell für sein „Selbstporträt“ gestanden hatte, und heiratet sie. Mark ist von nun an in der Wohnung seines Vaters nicht wiederzuerkennen; er schreit seine Stiefmutter an und prügelt auf sie ein. Notgedrungen sieht Bill ein, dass er seine junge Ehefrau vor Marks Wutausbrüchen schützen muss, indem er den Jungen größtenteils seiner Mutter überlässt.

Dann geschieht das Unfassbare: Bei einem Ferienausflug, den Mark und Matt gemeinsam unternehmen, verunglückt Leos und Ericas Sohn tödlich. Die Trauer um ihr Kind legt sich wie ein Schleier auf die Ehe der Hertzbergs: Keiner der beiden kann dem anderen entgegenkommen, sie entfernen sich immer weiter voneinander. Der seelischen Distanz folgt eine räumliche. Erica nimmt eine Dozententätigkeit an, die sie in eine andere Stadt führt, Leo bleibt allein zurück. Er kümmert sich nun vermehrt um Mark, verwöhnt ihn und stellt ihm sogar ein Zimmer in seiner Wohnung zur Verfügung, das der Heranwachsende als Atelier nutzen darf.

Mark legt sonderbare Verhaltensweisen an den Tag. Mitten in der Nacht wacht Leo davon auf, dass der Teenager neben seinem Bett steht – und er entdeckt Abdrücke eines Bisses an seinem Arm. Größere Geldsummen verschwinden, nachdem Leo seine Kreditkarte verlegt hat. Schließlich bringt Mark exzentrische Freunde aus der New Yorker Kunstszene mit zu Leo nach Hause. Besonders zieht es ihn zum Performance-Künstler Teddy Giles, dessen Ausstellungen vor allem aus grotesk angeordneten Leichenteilen bestehen.

Eine schockierende Erkenntnis über Mark jagt die nächste. Marks Auffälligkeiten sind nicht neueren Datums, wie Leo und mit ihm der Leser insgeheim geglaubt haben. Es finden sich Beweise, dass er selbst seinen Kinderfreund Matt hintergangen, belogen und bestohlen hatte, als beide gerade einmal elf Jahre alt waren. Marks absurdes Verhalten nimmt zu; er spielt mit Rollen und Identitäten, er lügt, ohne dass die Lügen Vorteil für ihn brächten; kurzum, er ist für seine Umwelt längst nicht mehr zu begreifen.

Markanterweise verliert Leo Hertzberg schließlich sein Augenlicht – und kann erst dadurch beginnen, auf die Erlebnisse zurückzublicken, die die beiden Familien zerstört haben. Die Sprache, die Leo für seine Geschichte wählt, ist auffallend ruhig, unsentimental und schnörkellos. Sie ist geprägt vom aufrichtigen Wunsch zu verstehen – und akzeptiert dennoch, dass manches nur beschrieben, nicht begriffen werden kann. Der fantastische Sprecher Peter Fitz verleiht den Erinnerungen dieses Mannes, der sein Leben ohne Wut, aber mit kaum versteckter Traurigkeit Revue passieren lässt, die perfekte Stimme.

Kein Bild

Siri Hustvedt: Was ich liebte. 5 CDs.
Der Hörverlag, München 2003.
370 Minuten, 24,95 EUR.
ISBN-10: 3899401921
ISBN-13: 9783899401929

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