Schaler Nachgeschmack

Eine Tirade zu Matthias Bormuths Suizid-Studie „Ambivalenz der Freiheit“

Von Leyla CiraganRSS-Newsfeed neuer Artikel von Leyla Ciragan

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was will uns ein Buch von knapp 500 Seiten über den Suizid erzählen? Uns liegt einerseits ein Überblick über die Geschichte des Suizids und des Suizid-Denkens, nicht nur des 20. Jahrhundert, sondern schon seit der Antike vor. Andererseits scheint es sich um eine Problemstellung zu handeln, die sich direkt an der gegenwärtigen Diskussion um Sterbehilfe ansiedelt. Ein aktuelles Thema also, das Licht zu bringen vermag in eine verwickelte und scheinbar unlösbare Frage: Ist die Entscheidung zum Suizid eine Entscheidung des freien Willens oder nicht? Ihr folgt sogleich die zweite Frage: Ist die Entscheidung zum Freitod eine gute und richtige Entscheidung? Die Untersuchung des Mediziners und Kulturwissenschaftlers Matthias Bormuth bewegt sich so an der Schnittstelle des medizinisch-psychiatrischen und des philosophisch-literarischen Sprechens über den Suizid. Sind dies immer schon ethische Fragen, möchte Matthias Bormuth, in seiner Untersuchung epischen Ausmasses, ‚mit Hilfe‘ der Philosophie und der Literatur die medizinischen und psychiatrischen Sachzwänge beantworten, ihnen auf den Grund gehen.

Die Literaturwissenschaftlerin, durch verschiedene Stadien der narrativen Theorien und Lektüretheorien und Schreibpraktiken hindurchgegangen, merkt hier ein erstes Mal auf. ‚Episches Ausmass‘ verweist auf die Narration: Was Roman Jakobson der Epik zuwies, war das unendliche Syntagma, die Relation der Kontiguität und die Metonymie. So erstaunt es nicht, dass dieses Buch in der Erzählweise der longue durée verweilt und uns eine Geschichte in der Vergangenheitsform erzählt. ‚So war es …‘. Beinahe untrennbar mit der Vergangenheitsform verbunden ist der Versuch einer objektivierenden Methodendiskussion, die uns zeigen soll, welche Teile von welchen theoretischen Ansätzen ‚angewandt‘ werden, um uns welches Fazit zu bringen, eben: ‚der Sache auf den Grund zu gehen‘. Konnotiert, obwohl Metasprache, wird dabei aber immer: das ‚Wissen an und für sich‘. Bormuths Tätigkeit entspricht der des Sammelns, des Ordnens, Klassifizierens, und der Kombination dieser Fundstücke: „Um solche Sicht- und Wertungsweisen klar verstehen und einordnen zu können […]“ Seine Studie verfährt transdisziplinär: „Augenscheinlich ist das Phänomen des Suizids in seiner ethischen Relevanz nicht ohne die jeweiligen Normvorstellungen des Betroffenen und der Gesellschaft zu verstehen. [Welche Erkenntnis! L.C.] Damit verknüpft ist die Tatsache, dass sich ein umfassendes Verständnis der Selbsttötung und des Anspruchs, dass sie ärztlich begleitet werde, dem ,Zugriff einer einzigen Disziplin‘ entzieht. Das Phänomen muss – mit Jürgen Mittelstraß gesprochen – ,transdisziplinär‘ behandelt werden.“ Eine Methodendiskussion auf diesem Niveau führt uns wieder einmal vor, wie sehr sie strampelt, um die eigene Ideologie zu verdecken, und damit das bereits antizipierte Ende der Untersuchung.

Doch – zumindest vorerst – genug des Klagens. Was leistet so ein Buch? Einerseits kommt es zu einer Zeit, in der, im deutschsprachigen Europa zumindest, die Diskussion um den Freitod und um die Sterbehilfe die Gesellschaft wieder einmal mehr als spaltet. Es ist nicht mehr die Religion, die uns den Suizid verbieten will, der Diskurs verläuft über andere Disziplinen. Dass Bormuth diesem nachgehen will und uns eine Handhabe bieten möchte, wie wir über den Suizid nachdenken können, ist an sich eine gute Sache. Dass überhaupt darüber geschrieben und nachgedacht wird, ist eine sehr gute Sache. Sein Anspruch ist wahrhaftig ein ethischer, wenn er um besagte Objektivität bemüht ist und in diese so emotionale Diskussion mit einer um Sachlichkeit bemühten Studie eingreifen will. Es wäre ein Versuch gewesen, Für und Wider, Gut und Schlecht, Gesundheit und Krankheit, Legende und Verlierer, Freiheit und Unfreiheit des Suizids neu zu verorten. Wenn nur nicht diese elenden Oppositionen wären.

So überkommt einen während der Lektüre immer wieder das unheimliche Gefühl, es würde sich durch diese Untersuchung an tradierten Oppositionen der westlichen Philosophie und der Medizin nichts ändern. Sei es, dass Bormuth sich immer wieder für das Leben ausspricht, sei es, dass die Notwendigkeit betont wird, den Suizid auf keinen Fall zu einer Art Legende zu machen oder gar den Selbstmördern immer und immer wieder pathologischen Charakter zuzusprechen. Der schale Nachgeschmack einer Wertung, was richtig und gut sei im und fürs Leben, bleibt stets zurück.

So ein Fazit ist nur möglich, wenn man die Konstellation, in der diese Diskussion sich bewegt, ausblendet. Werden für die Untersuchungen Texte von Jean Améry, Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson herangezogen, kommt man um spezifische Fragen rund um den Holocaust oder die Geschlechtergeschichte nicht herum. Bormuth scheint die psychoanalytische Debatte um die Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht zu kennen. Dass überhaupt einer schreibt und spricht, wäre dann viel eher als psychisches Wunder (wenn man in der mythologischen Wortwahl bleiben will) zu werten, denn als die ‚Geltungssucht‘ oder ‚Legendenbildung‘, die er Jean Améry zuschreibt.

Ähnlich verfährt er mit der Lektüre von Ingeborg Bachmanns Texten. Bewegt er sich mit seinem Fazit immer noch nur an der Unterscheidung gesund/krank, als ob es keine andere Opposition gäbe, als ob es ausschließlich Oppositionen gäbe, geht das nur, weil er nochmals ausblendet, wo Strukturen eine Rolle spielen, wie Literatur solche Strukturen zu behandeln und bewerten vermag. So kann er nur immer zum selben Fazit gelangen: Krank ist, wer den Freitod wählt: Wir haben’s immer schon gewusst, und: Bloss nicht zur Legende stilisieren, der Freitod ist doch ein Stigma. Wären wir damit nicht wieder im Register des Religiösen angelangt? Soviel zur Säkularisierung.

Das ist mehr oder weniger unfreiweillig ein Plädoyer gegen die Transdisziplinarität geworden. Doch man bemerkt die blinden Flecken, die einem die ‚Heimatdisziplin‘ gibt: Deshalb kommt Bormuth in der Lektüre literarischer Texte nie weiter als bis zum (hermeneutischen) Fazit, der Autor, die Autorin selbst sei eben schon krank gewesen und habe deshalb über den Suizid geschrieben, den eigenen also immer schon antizipiert. Die Literaturwissenschaften haben leider, leider, in ebendiesem 20. Jahrhundert einige Sprünge über verschiedene Ecken der Theorie gemacht und bietet wirklich andere Zugänge zu Texten an.

Titelbild

Matthias Bormuth: Ambivalenz der Freiheit. Suizidales Denken im 20. Jahrhundert.
Wallstein Verlag, Göttingen 2008.
478 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783835303386

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