Zwei Freunde aus zeitlicher Ferne

Laszlo V. Szabo untersucht den „Einfluss Friedrich Nietzsches auf Hermann Hesse“ und entdeckt Formen des Nihilismus und seiner Überwindung

Von Steffen DürreRSS-Newsfeed neuer Artikel von Steffen Dürre

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Hesse ein Nietzscheaner ganz eigener Art war, ist längst bekannt. Mit Laszlo V. Szabos sehr analytischem Buch ist eine tiefschürfende Arbeit erschienen, die die Einflüsse auf das Werk Hesses in einer erstaunlichen Breite darstellt und die Schnittstellen beziehungsweise eigenen Wege der beiden Dichter und Denker aufzeigt. Vom Früh- bis ins Spätwerk spannt sich der nihilistische, kulturpessimistische Einfluss, den Nietzsche auf Hesse und viele seiner Zeitgenossen ausübte. Nietzsche, den Dichterphilosophen, und Hesse, den philosophischen Dichter methodisch zu beleuchten, ist Szabos Ziel. Und man darf sagen, es ist ihm gelungen. Szabos Arbeits-Terrain ist ohnehin ein weites Feld: das Werk Nietzsches und dessen Wirkungsgeschichte in der deutschen Literatur, die deutsche Avantgarde und die Decadence. Der „Nihilismus und seine Spielarten“, so könnte man sein Spezialgebiet auch nennen. Wie aber ist dieses schier unüberschaubare Thema zu bezwingen? Denn Hesse und sein breites Werk zu kommunizieren, das verlangt es auch, Schopenhauer und Nietzsche zu kennen sowie die zeitgenössische Psychoanalyse einzubeziehen.

 

 

Szabos Arbeit grast das alles ab, und so kommen auch unbekanntere Werke Hesses nicht zu kurz: Ebenso wie die großen Romane finden gleichenfalls „Knulp“ und „Rosshalde“ eine behutsame Berücksichtigung, alles in Kleinstarbeit analysiert, alles gesättigt mit Dokumenten aus Hesses Briefwechseln, welche sich für diese Arbeit als ein schier unerschöpfliches Kompendium für die Werkanalyse erweisen. So gewinnt der Roman „Demian“ an Raumtiefe und bleibt nicht nur ein Stück vulgärpsychologische Alter-Ego-Belletristik. Der „Steppenwolf“ wird mehr als nur ein literarisches Konterfei zu Nietzsches „Geburt der Tragödie“. Die rigorose Härte der nihilistischen Philosophie bei Nietzsche wird bei Hesse in Bilder übersetzt, die wie im „Steppenwolf“ zu metaphysischer Prägnanz beitragen: im Tanz, im Traktat, in den Figuren.

Bei beiden Autoren, Nietzsche und Hesse kommen bipolare Zeitdiagnosen zutage, sowie eine Sucht, diese Dualismen in Einklang zu bringen, den alles entzweienden Nihilismus zu überwinden und eine Harmonie zwischen Mensch und Welt und dem Menschen mit sich selbst herzustellen: Sei es das dionysisch-apollinische Prinzip bei Nietzsche, sei es das Seele-Leib-Problem im „Siddharta“ – diese und mehr Facetten trägt Szabo zusammen oder bringt sie erst zum Vorschein.

Sein Buch begibt sich auf eine ertragreiche Suche nach den Gemeinsamkeiten und Schnittpunkten zweier Autoren, die wohl mehr als viele andere noch heute zum Kanon der deutschen Literatur gehören. Beachtlich ist es auch, dass Szabos Argumente durch verpflichtende Beweise aus Briefdokumenten und beruhigend breiter Sekundärliteratur gestützt und erhärtet werden.

Titelbild

Laszlo V. Szabo: Der Einfluss Friedrich Nietzsches auf Hermann Hesse. Formen des Nihilismus und seiner Überwindung bei Nietzsche und Hesse.
Studia Germanica Universitatis Vesprimiensis, Supplement.
Praesens Verlag, Wien 2007.
324 Seiten, 33,10 EUR.
ISBN-13: 9783706904438

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