Talking About Music

Fünf Episoden von Kazuo Ishiguro über Menschen und Musik in „Bei Anbruch der Nacht“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der britische, 1954 in Nagasaki geborene Schriftsteller Kazuo Ishiguro schreibt in seinem neuen, aus fünf Episoden bestehenden Roman über Musik. Sie ist das übergreifende Thema und bestimmt mit einem sonoren, gleich bleibenden Rhythmus den Grundduktus des Buches. Dabei führt der deutsche Titel des Buches „Bei Anbruch der Nacht“ den Leser auf eine irritierende Spur. Treffender ist das englischsprachige „Nocturnes: Five Stories of Music and Nightfall“, das den Inhalt in wenigen Worten treffend zusammenfasst. Ishiguro skizziert, mit wenigen Verknüpfungen untereinander, fünf Perspektiven auf Menschen und Leben, die mit Musik in Beziehung oder in Kontakt stehen.

In der ersten Episode trifft der Erzähler Jan, selbst Gitarist und in verschiedenen Touristenorchestern auf Venedigs Marcusplatz tätig, einen alternden Schnulzensänger. Der Crooner hat Probleme mit seinem Image, will ein Comeback versuchen und meint, seine Frau gegen eine jüngere Dame austauschen zu müssen. Seiner Frau Lindy gibt er zusammen mit dem Gitarristen ein romantisch-melancholisches Abschiedsständchen. In der zweiten Episode besucht Raymond – ehemals mit seiner Freundin die Begeisterung für Gesangsnummern der 1960er-Jahre teilend, für Sarah Vaughan und Frank Sinatra, Dean Martin –, ebendiese mittlerweile verheiratete Freundin, deren Beziehung in der Krise steckt. Er bleibt mit der Frau allein in der Londoner Wohnung, während sein Freund Charlie eine Geschäftsreise unternimmt. Die beiden Zurückgebliebenen entdecken ihre alten musikalischen Gemeinsamkeiten wieder.

In der Erzählung „Malvern Hills“ begegnet ein angehender Gitarrist und Singer-Songwriter bei einem Sommeraufenthalt auf dem Land Tilo und Sonja, zwei alternde Alleinunterhalter auf Reisen. In der vierten Erzählung „Bei Anbruch der Nacht“ wird der Leser aus der Perspektive des Saxophonisten Steve konfrontiert mit den chirurgischen Eingriffen, die dieser an sich hat vornehmen lassen, um mit einem besseren Aussehen endlich eine Karriere als Musiker zu beginnen. In dieser Erzählung wird eine Verknüpfung mit der ersten Erzählung gemacht, denn die dort als Ehefrau des Crooners auftretende Lindy Gardner ist in der Schönheitsklinik die Zimmernachbarin des Protagonisten. Sie hat sich mittlerweile von ihrem Mann getrennt – wie in der ersten Erzählung angedeutet.

In der letzten Episode „Cellisten“ beobachtet ein Musiker einen ehemaligen Kollegen, der es scheinbar „geschafft“ hat. Auch zum Ende dieser Erzählung findet sich im letzten Absatz des Buches die Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Erzählens, die Ishiguro den ganzen Geschichten des Buches mitgegeben hat. Der Musiker beobachtet aus dem Orchester heraus den ehemaligen Kollegen und beschreibt die Szene, als ob die Geschichten immer weiter erzählt werden: „Ich wäre ja hinübergegangen und hätte mit ihm geredet, aber er war schon fort, als unser Set zu Ende war. Soweit ich weiß, war er nur diesen einen Nachmittag hier. Er trug einen Anzug – nichts Besonderes, einen ganz normalen Anzug –, vielleicht hat er ja jetzt einen Bürojob irgendwo. Vielleicht hatte er in der Nähe was zu erledigen und kam nur um der alten Zeiten willen durch unsere Stadt, wer weiß? Wenn er wieder auf den Platz kommt und ich muss nicht gerade spielen, geh ich hin und rede mit ihm.“

Es ist nicht nur Plaudern über Musik, die eigentlich alle Lebensbereiche berührt, sondern es ist die Poetisierung der Welt im Schreiben über Musik, die Ishiguro formvollendet exemplifiziert. Eine adäquate Übersetzung macht dieses Erlebnis auch für den deutschsprachigen Leser möglich. Und wenn man das Buch beiseite legt, scheinen sich die Geschichten selbst weiterzuerzählen. Besser geht es kaum.

Titelbild

Kazuo Ishiguro: Bei Anbruch der Nacht. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Schaden.
Karl Blessing Verlag, München 2009.
240 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674098

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