Literaturwissenschaft in Zeiten der Klimakatastrophe

Hubert Zapf gibt einen Band zum Ecocriticism heraus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekanntlich kann man Romane zum Vergnügen lesen oder aus wissenschaftlichem Interesse. Wie man spätestens seit Thomas Anz’ Buch „Literatur und Lust“ weiß, sind die Vergnügungen, welche die literarischen Werke bieten, zumindest ebenso vielfältig wie die Genres, denen sie angehören. Darüber hinaus schließt auch das wissenschaftliche Interesse an der Literatur das Vergnügen mit ihr nicht aus. Doch nicht nur die literarischen Genres und die Vergnügen der Lesenden sind vielfältig – auch die literaturwissenschaftlichen Paradigmen und die Perspektiven auf ihre Forschungsobjekte, die Romane, Novellen und Gedichte sind es. Zu den aktuell gepflegten zählen beispielsweise die hermeneutische, die geschlechtertheoretische, die strukturalistische, die dekonstruktive, die diskursanalytische und die systemtheoretische Perspektive. Selbstverständlich sind diese interpretatorischen Ansätze nicht immer scharf voneinander abgegrenzt. Vielmehr verschränken sich die Ansätze – und konkrete Werkanalysen nutzen gerne das Instrumentarium mehrerer von ihnen. Zudem befinden sie sich in einem ständigen Prozess der Entwicklung und Wandlung. Auch werden im Laufe dieser Entwicklungen immer mal wieder Interpretationsmethoden als überholt verabschiedet und andere kommen neu hinzu.

Zu letzteren zählt der Ecocriticism, der sich erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts zu formieren begann und zwar vor allem in den USA. So erstaunt es denn auch wenig, dass einer der ersten ihm verpflichteten deutschsprachigen Sammelbände von einem Amerikanisten herausgegeben wurde. Die Rede ist von Hubert Zapf und dem Band „Kulturökologie und Literatur“. Die Beitragenden allerdings sind durchaus nicht alle in der Disziplin des Herausgebers tätig. Eine Romanistin und vor allem AnglistInnen und GermanistInnen haben sich hinzugesellt.

Da die unter dem „Stichwort Ecocriticism“ firmierende „ökologisch orientierte Betrachtungsweise der Literatur“ hierzulande noch relativ unbekannt ist, legt der Herausgeber im Vorwort zunächst ihre Besonderheiten und Stärken dar. Zu letzteren zählt zweifellos, dass sie die Literaturwissenschaft für „einen größeren, transdisziplinären Diskurszusammenhang über die Beziehung von Kultur und Natur“ öffnet, wobei die Transdisziplinarität gewährleisen kann, dass die literarischen Texte „nicht einfach unter allgemeinere ökologische Themen und Prinzipien subsumiert“ werden, „sondern vielmehr gerade die spezifischen, in der kulturellen Evolution herausgebildeten Formen und Funktionen literarischer Textualität in den Mittelpunkt rück[en].“ Zudem werde der „kulturökologische Ansatz“ der „komplexer Eigendynamik“ von Literatur gerecht, da er ihre „ästhetischen, formalen, stilgeschichtlichen und gattungsspezifischen Merkmale“ würdige.

Die Beiträge des von Zapf herausgegebene Band unternehmen es, mittels grundsätzlicher theoretischer Erörterungen und anhand von Modellanalysen einzelner Texte die „Anwendungsmöglichkeiten“ des Ecocriticism zu verdeutlichen sowie von ihm aufgeworfene Fragen und eröffnete Perspektiven zu erhellen. Hierzu gliedert sich das Buch in zwei Teile. Werden im ersten „kulturökologische Fragestellungen im Hinblick auf bestehende Modelle, Theorien, Ausprägungen und Gattungen der Literatur“ verortet, so legen die AutorInnen im zweiten Teil „kulturökologisch perspektivierte Interpretationen von Texten und Textgruppen“ vor, indem sie Werke verschiedener literarischer Epochen europäischer und nicht-europäischer Literaturen in den Blick nehmen.

Ausgehend von Christian Fürchtegott Gellerts Diktum, dass jedes Werk seine eigenen poetischen Regeln verlange, geht Jörg Welche in einem der „allgemeiner orientierten Beiträgen“ des ersten Teils der „Ökologie literarischer Diversität“ nach. Funda Civelekoğlu erörtert das Verhältnis von „Cultural Ecology, Critical Theory and Gothic Literature“ und Erik Redling beleuchtet aus „kulturökologischer Sicht“ die „Intermedialität“ von Bebop und Beat-Literatur. In den insgesamt zwölf „textorientierten Beiträgen“ untersucht Anne D. Peiter die „Bedeutung von Natur für Elias Canettis Analyse der Shoah“, Verena-Susanna Nungesser betrachtet am Beispiel von Gabriel Garcia Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ und Michael Ondaatjes „Running in the Family“ Literatur als „kulturkritische[n] Gegendiskurs“. Ebenfalls einem „Gegendiskurs“ gilt das Interesse von Canan Ayan-Erdoğan. Sie widmet sich mit ihrer „kulturökologischen Studie“ über Hansjörg Schneiders Roman „Das Wasserzeichen“ allerdings einem ganz bestimmten Gegendiskurs, dem „flüssige[n]“.

Mit einem Werk des nassen Elements befasst sich auch Berbeli Wanning, die Frank Schätzings Bestseller „Der Schwarm“ bescheinigt, „zahlreiche Aspekte des Trivialschemas“ zu erfüllen und von einer „deutlichen Gut-Böse-Dichotomie strukturiert“ zu sein. Schätzings Roman sei auch „kein Werk, das die Verantwortung seiner Leser im Umgang mit den Themen Natur, Kultur und Umwelt stärkt.“ Ganz im Gegenteil wirke er auf seine RezipientInnen vielmehr „entmündigend in dem Sinne“, dass es anstelle einer „Ermutigung zum Denken“ die „existentialontologisch gefärbte Versicherung“ biete, „es werde sich schon alles zum Guten wenden“, so lautet Wannings zurecht vernichtendes Fazit.

Über den hier zur Diskussion stehende Sammelband kann das zu ziehende Fazit hingegen insgesamt nur positiv ausfallen. Denn sowohl die Beiträge des ersten, wie auch diejenigen des zweiten Teils lösen die vielversprechenden Ankündigungen des Vorwortes ohne weiteres ein und stellen ein mehr als zeitgemäßes Forschungsparadigma der Literaturwissenschaft vor.

Titelbild

Hubert Zapf (Hg.): Kulturökologie und Literatur. Beiträge zu einem transdisziplinären Paradigma der Literaturwissenschaft.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2008.
357 Seiten, 55,00 EUR.
ISBN-13: 9783825354862

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