Faszination Italien

Über einige Bücher zum Thema

Von Christina UjmaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Ujma

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Italien als Modell

Ferdinand Braudel beschreibt in seinem Klassiker „Modell Italien 1450-1650“ die italienische Größe in Renaissance und Barock. Das Buch besticht durch seine Gelehrsamkeit, aber auch durch die überzeugende Argumentation, die sich vielen nordischen Italienklischees energisch in den Weg stellt. Deutsche LeserInnen staunen vermutlich am meisten über den Stil, der auch in der Übersetzung gut lesbar und essayistisch daherkommt, so unterhaltsam kann also Geschichtsschreibung sein.

Braudel macht deutlich, dass während der bislang vor allem kunsthistorisch beachteten Epochen der Renaissance und des Frühbarock die kulturelle Vorherrschaft Italiens in Europa von politischer und vor allem wirtschaftlicher Macht begleitet wurde. Durch eine starke Stellung in Handel und Banken, die vor allem von den Stadtstaaten ausging, konnte Italien auch ohne Nationalstaat hegemoniale Macht innehaben. Der Autor beschreibt, wie die Städte ihre politische Stellung durch ihre dominante Handelsposition vor allem im Mittelmeer ausübten. Überzeugend wird dargelegt, wie innovative, das heißt frühkapitalistische Produktionsmethoden, Glanzleistungen in der bildenden Kunst wie in der Musik und die Erfindung des modernen Denkens in verschiedenen Disziplinen ein übriges taten, um Italien zum Faszinosum des Nordens werden zu lassen.

Italienischer Intellekt in Form von Büchern, italienische Kunst, Musik und Mode waren in ganz Europa begehrt und haben die weitere Entwicklung in diesen Ländern maßgeblich strukturiert. Schlusspunkt des Buches ist eine Beschreibung des Niederganges: Nachdem Italien Aufklärung, Freiheit und Kapitalismus nach Norden exportiert hatte, setzte im Land selber eine Refeudalisierung ein und die nordischen Besucher der folgende Jahrhunderte gewöhnten sich an, mitleidig oder herablassend vom zurückgebliebenen Italien zu sprechen.

Juden in Italien und Preußen

Ulrich Wyrwas Studie zur „Situation der Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich. Aufklärung und Emanzipation in Florenz, Livorno, Berlin und Königsberg i.Pr.“ ist sicherlich einer der originellsten historischen Beiträge der letzten Jahre in der Erforschung der deutsch-jüdischen Kultur. Es geht dem Autor darum herauszufinden, warum die Emanzipation der Juden in Deutschland scheiterte und sie in Italien relativ problemlos funktionierte. Ob es wirklich an den historischen Ausgangsbedingungen lag?

Um dies zu analysieren, vergleicht Wyrwa die Entwicklung der Emanzipation in zwei preußischen Städten, der Hauptstadt Berlin und der Handelsstadt Königsberg, mit der toskanischen Hauptstadt Florenz und der Handelsstadt Livorno, die ähnlich wie Königsberg ein Zentrum des jüdischen Lebens und der jüdischen Gelehrsamkeit war. Die Toskana kann zwar mit der politischen Bedeutung Preußens kaum mithalten, war aber bis zur nationalstaatlichen Einigung 1860/61 der aufgeklärte Musterstaat Italiens. Hier wurden Folter und Todesstrafe schon früh abgeschafft, und das Geistesleben blühte in zahlreichen Salons, Gesellschaften und Akademien. In letzteren waren Juden allerdings kaum zugelassen, während man sich im Vergleich mit Deutschland weniger schwer damit tat, Frauen aufzunehmen, was ein Licht auf die tiefverwurzelten Frauenfeindlichkeit im deutschen Geistesleben wirft.

Insgesamt war die Ausgangsposition der preußischen Juden vergleichsweise gut, stellt Wyrwa fest. Innerhalb der achtundvierziger Revolution gab es in der Toskana wie in Preußen zahlreiche jüdische Aktivisten, die in den provisorischen Regierungen Italiens teilweise sogar Ministerämter innehatten. Im Unterschied zu Deutschland aber, war dass Risorgimento, die Einigungsbewegung, auch eine Bewegung innerhalb der Zivilgesellschaft und die Gleichstellung der Religionen wichtiger Programmpunkt, der nach der Einigung auch umgehend verwirklicht wurde. Die politische Klasse der jungen italienischen Monarchie wollte einen laizistischen Staat, das wurde auch durch die Berufung jüdischer Minister unterstrichen, was im geeinigten Deutschland Bismarcks undenkbar gewesen wäre.

Italien als politischer Albtraum

Silvio Berlusconi ist schon lange der Albtraum der progressiven italienischen Intelligenz, die seinen Aufstieg von Beginn an mit luziden Analysen und satirischen Polemiken begleitet hat. Im Sammelband „Berlusconis Italien – Italien gegen Berlusconi“ aus dem Hause Wagenbach hat die Übersetzerin und Italienhistorikerin Friedericke Hausmann viele der gegen Berlusconi engagierten Intellektuellen zu Wort kommen lassen. Die Galerie der illustren Beiträger reicht vom Filmemacher Nanni Moretti über die Schriftsteller Umberto Eco, Mario Luzi, Andrea Camilieri und Antonio Tabucchi zu Intellektuellen wie Paolo Flores D’Arcais, Mario Fortunati oder Angelo Bolaffi. Friederike Hausmanns kurze aber aufschlussreiche Einleitung stellt die Person Berlusconi gekonnt in den politischen Kontext. Die Beiträge geben nicht nur Auskunft über Berlusconi und seine Umtriebe und die italienische Gesellschaft der Gegenwart, sie zeugen auch von einer politisch interessierten und engagierten intellektuellen Gegenwartskultur, die in Europa kaum ihres Gleichen hat

Italien als Sehnsuchtsland

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Italiensehnsucht nicht nur unter nordeuropäischen Schriftstellern sondern auch unter bildenden Künstlern extrem verbreitet. Die Maler lieferten oft die Sehnsuchtsbilder, wegen derer sich Schriftsteller auf den Weg über die Alpen machten. Der Band „Italiensehnsucht. Kunsthistorische Aspekte eines Topos“ versucht dieses im Vergleich mit der Germanistik eher weniger erforschte Thema auszuloten. Unter den Zwischenüberschriften „Italia et Arcadia“, „Italien und Darstellungsmodi in der Kunst“, „Italien als Museum“ und „In Italiam“ finden sich viele solide Aufsätze zu den verschiedensten Künstlern und Epochen, die sich jedoch meist auf die Stadt Rom beschränken. Eine kunstsoziologische Einordnung der verschiedenen Italientopoi oder Bezug zur Ideen- und Mentalitätsgeschichte der Zeit unterbleibt jedoch meist. Dafür gibt es Aufsätze mit komparatischem Ansatz, von den sich gleich zwei Beiträger Goethe und seinem Italienerlebnis widmen. Einzig in der Untersuchung der Italienskepsis finden sich Kontextualisierungen, so etwa in Elisabeth Schröters Aufsatz „Italien ein Sehnsuchtsland, Zum entmythologisierten Italienerlebnis in der Goethezeit“. Werner Buschs Essay „Zur Topik der Italienverweigerung“, untersucht letztere und stellt fest, dass die Ablehnung des italienischen Modells oft mit einer Heimattümelei, die manchmal bis in den Nationalismus reicht, einhergeht.

Italien als Manie

Stellt die intensive deutsche Sehnsucht nach Italien einen Sonderweg dar? Das behaupt zumindest Herausgeber Wolfgang Lange in seiner Einleitung zu „Deutsche Italomanie in Kunst, Wissenschaft und Politik“. Die steile These soll vermutlich den schrägen Titel rechtfertigen, offenbart aber eigentlich nur Unkenntnis der Kultur der nord- und mitteleuropäischen Nachbarn. Den Engländern und Engländerinnen waren die deutschen Italienbesucher im 18. und 19. Jahrhundert zahlenmäßig immer unterlegen, damals wie heute lebten zahlreiche angelsächsische KünstlerInnen und SchrifstellerInnen im deutschen Sehnsuchtsland. Im 19. Jahrhundert war die englische Schriftstellerdichte so hoch, dass die Literaturwissenschaftlerin Marylin Butler vom literarischen Kult des Südens sprach, also einer Italomanie auf Englisch.

Die Franzosen hatten und haben ihre berühmte Akademie der Künste in Rom, selbst die Skandinavier sind mit eigenen Einrichtungen in der Ewigen Stadt vertreten. Auch die Rechtslastigkeit der Italomanie, die der Herausgeber anführt, lässt sich kaum nachweisen, denn gerade im 19. und 20. Jahrhundert eignete sich Italien auch gut als Zufluchtsort für Unangepasste aus ganz Europa, was auch aus Rolf Grimmigers Aufsatz über den Monte Verita hervorgeht, der aber eigentlich in der Schweiz liegt. Die meisten Aufsätze des Bandes versuchen erst gar nicht die These zu belegen, sondern beschäftigen sich ganz solide mit Themen, die relativ wenig mit deutscher Italomanie, aber alle irgendwie mit Italien zu tun haben: so etwa mit dem Dantebild Rudolf Borchardts, Peter Behrens Rezeption der Frührenaissance, Antikebildern und Böcklins Toteninsel.

Italien als Traum, Venezianische Impressionen

Der Band „Legende Venedig. Porträt einer Stadt“ ist ein fröhliches Porträt einer Stadt, die sonst eher mit Melancholie, Dekadenz und Niedergang verbunden wird. Der Erzähler postiert sich an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt und plaudert über Literatur, Geschichte und Gegenwart Venedigs. Das ganze ist mit Zitaten aus dem schier unerschöpflichen Fundus der Italienliteratur und schönen Fotografien dekoriert. Das ist gut gemacht und gibt viele Informationen, Tipps und Ratschläge. Mögen Fotografien und der Ton des Erzählers auch gelegentlich etwas zu marktschreierisch sein, schaffen sie es doch, die LeserInnen gut auf einen Besuch der Stadt einzustimmen, beziehungsweise ermöglichen es ihnen nach einem Besuch Venedigs, die Sehenswürdigkeiten der Stadt in den urbanen und historischen Kontext einordnen zu können.

Der Sammelband „Das Licht von San Marco. Ein Venedig-Lesebuch“ ist ein wundervoller Steinbruch für diejenigen, die sich für Venedigliteratur interessieren. Er gibt einen wirklich aussergewöhnlichen Überblick über die literarische Repräsentation der Lagunenstadt in der europäischen, amerikanischen und italienischen Literatur. Sowohl das Venedig der Italiener als auch das Venedig der Reisenden werden berücksichtigt, einen Schwerpunkt bildet aber die Literatur, die sich mit dem Mythos und dem Städte-Traum Venedig beschäftigt, der den LeserInnen an Texten von Rilke, Hofsmannsthal, Simmel und Bloch nähergebracht wird. Schade ist einzig, dass der Herausgeber kaum Texte von Schriftstellerinnen berücksichtigt. Das Besondere an dem Band ist das lange literaturwissenschaftliche Nachwort, in dem es der Herausgeber vorzüglich schafft, die verschiedene Traditionen und Epochen der Venedig-Literatur zu kommentieren und analysieren. Auch die bibliografischen Informationen gehen weit über das übliche hinaus und bilden so eine hervorragende Informationsquelle für LeserInnen, die sich näher mit der literarischen Rezeption der italienischen Traumstadt beschäftigen wollen.

Reisen und Speisen in Italien und anderswo

Heutzutage ist der Prozess des Reisens an sich kaum noch der Rede wert, denn technische Innovationen haben das einst mühselige Vorankommen zu einem weitgehend schnellen und reibungslosen Vorgang gemacht, der höchstens noch unter technischen Gesichtspunkten interessiert. Früher, mit der Postkutsche, brauchte man Wochen für Reisen, die das Flugzeug heute in einer Stunde erledigt, was allerdings die Erlebnisqualität des Reisens sehr vermindert hat, sagen Kritiker.

Diese Klage wurde auch vorgebracht, als im 19. Jahrhundert die Eisenbahnen eingeführt wurden, die zwar schnell waren, aber das Reiseerlebnis uniformierten und standardisierten, beklagten vor allem die Gebildeten. Da kam die Erfindung des Autos wie gerufen, es war schnell und individuell und revolutionierte das Reisen einmal mehr. Dem literarischen Niederschlag, den diese neue Art zu reisen gefunden hat, geht der italienische Literaturwissenschaftler Attilio Brilli in seiner Studie „Das rasende Leben“ nach. Neben Literatur aus Amerika, dem Land des Automobils und Literatur aus dem Umfeld des Futurismus, findet auch Julias Bierbaums Bericht über seine automobile Italienreise aus dem Jahr 1903 Erwähnung. Dieser literaturwissenschaftliche Ausflug in die frühen Jahre des Autos zeigt, wie sehr technische Innovationen Wahrnehmungsweisen und Literatur verändern können und wird besonders literaturwissenschaftlich versierten Freunden des Automobils Freude machen.

Ähnlich wie die Technik steht unter Literaturwissenschaftlern auch eine so vergnügliche Tätigkeit wie das Essen unter Banalitätsverdacht, obwohl die Weltliteratur voll Episoden ist, die sich mit dem Essen und Trinken beschäftigten. Das hat Bernhard Wördehoff zu seinem üppig illustrierten Buch „Sage mir, Muse, vom Schmause. Vom Essen und Trinken in der Weltliteratur“ veranlasst, das den Wechselbeziehungen zwischen Kochtopf, Buch und Leben nachgeht. Von der Bibel, über China, Antike, das erotischen Mahl und die bürgerlichen Tischsitten werden da fröhlich Literaturzitate und Kochrezepte nebeneinander gestellt und viele Informationen gegeben. Das Buch feiert die Sinnesfreuden und bietet auch selber einen erfreulichen Anblick, also ein zusätzliches sinnliches Vergnügen.

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Attilio Brilli: Das rasende Leben.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999.
186 Seiten, 11,70 EUR.
ISBN-10: 3803123542
ISBN-13: 9783803123541

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Wolfgang Lange / Norbert Schnitzler: Deutsche Italomanie in Kunst, Wissenschaft und Politik.
Wilhelm Fink Verlag, München 2000.
250 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3770534638
ISBN-13: 9783770534630

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Bernhard Wördehoff: Sage mir, Muse, vom Schmause... Vom Essen und Trinken in der Weltliteratur.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000.
224 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3534147669
ISBN-13: 9783534147663

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Friedericke Hausmann (Hg.): Berlusconis Italien - Italien gegen Berlusconi.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002.
186 Seiten, 11,90 EUR.
ISBN-10: 3803124506
ISBN-13: 9783803124500

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Franz Loquai (Hg.): Das Licht von San Marco. Ein Venedig-Lesebuch.
Goldmann Verlag, München 2002.
510 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3442077400
ISBN-13: 9783442077403

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Ulrich Wyrwa: Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich. Aufklärung und Emanzipation in Florenz, Livorno, Berlin und Königsberg i.Pr.
Mohr Siebeck, Tübingen 2003.
491 Seiten, 54,00 EUR.
ISBN-10: 3161480775
ISBN-13: 9783161480775

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Karl Heinz Ritschel: Legende Venedig. Porträt einer Stadt.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2003.
288 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-10: 3701310661
ISBN-13: 9783701310661

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Fernand Braudel: Modell Italien. 1450-1650.
Übersetzt aus dem Französischen von Sieglinde Summerer und Gerda Kurz.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003.
240 Seiten, 11,90 EUR.
ISBN-10: 3803124573
ISBN-13: 9783803124579

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Hildegard Wiegel (Hg.): Italiensehnsucht. Kunsthistorische Aspekte eines Topos. Mit Beiträgen von Beiträge von Jörg Garms, Peter O. Krückmann, Hermann Mildenberger, Jörg Traeger u.a.
Deutscher Kunstverlag, München 2004.
224 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3422064478
ISBN-13: 9783422064478

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