Protoformen des modernen Kriegs

Alexander Seyfarth hat mit seiner Studie „Die Heimatfront 1870/71. Wirtschaft und Gesellschaft im deutsch-französischen Krieg“ eine Pionierarbeit zur Erforschung der Einigungskriege vorgelegt

Von Klaus-Jürgen BremmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Müssen sich die Sachsen auch totschießen lassen?“ fragte am 22. Juli 1870 der Leitartikel der kritischen Sächsischen Volkszeitung aus Dresden. Es herrschte durchaus nicht überall Jubelstimmung im zukünftigen deutschen Reich, als Preußen und seine Verbündeten ihre Armeen in der Pfalz und im Saarland gegen Frankreich aufmarschieren ließen. In seiner beim Schöningh-Verlag erschienenen Dissertation zeichnet Alexander Seyferth ein differenziertes Bild der öffentlichen Meinung in den deutschen Staaten, das von dem der damaligen Propaganda zum Teil deutlich abweicht. Wie kein anderer europäischer Krieg des 19. Jahrhunderts warf der am 16. Juli 1870 ausgebrochene Konflikt mit Frankreich seine bedrohlichen Schatten auch auf die Bevölkerung in den deutschen Heimatgebieten. In den Grenzregionen am Rhein befürchtete man noch in den ersten Wochen eine Invasion der als überlegen eingeschätzten Armee Kaiser Napoleons III. und selbst in den deutschen Küstenstädten sahen sich die besorgten Bewohner mit der Möglichkeit einer Landung feindlicher Seestreitkräfte konfrontiert, vor der sie die winzige preußische Marine kaum schützen konnte.

Welche Auswirkungen hatte der Krieg von 1870/71, in dem erstmals über 1 Mio. Wehrpflichtige eingezogen wurden, überhaupt auf die Heimatgebiete? Inwieweit veränderte er das Leben der daheim gebliebenen Angehörigen und welche besonderen Anstrengungen forderte er von der Wirtschaft? Gab es also bereits außer der militärischen Front gegen Frankreich einen zweiten Kriegsschauplatz in der Heimat?

Der Autor betritt dabei völliges Neuland, denn von einer Heimatfront spricht die Forschung erst im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zu den Auswirkungen der Kriege des 19. Jahrhunderts auf die Heimatgebiete liegen somit höchstens zu Einzelaspekten, nicht aber als Gesamtbetrachtung vor. Eingebettet ist Seyferths voluminöse Studie in die von der modernen Militärgeschichte zuletzt aufgeworfene Fragestellung, inwieweit die deutschen Einigungskriege, aber auch der Amerikanische Bürgerkrieg bereits Vorgriffe auf die späteren totalen Kriege sind.

Mehr noch als die Befreiungskriege von 1813-1815 war der Krieg von 1870/71 ein Volkskrieg, von dem praktisch jede Familie in den deutschen Staaten betroffen war. Dass der Krieg gegen das zweite französische Kaiserreich nur mit der Unterstützung der Öffentlichkeit gewonnen werden konnte, war den Verantwortlichen in den deutschen Hauptstädten längst bewusst. Unter dem irreführenden Namen „Das Literarische Büro“ hatte Preußen bereits 1860 begonnen, eine subtile Form der Pressezensur anzuwenden, die im Prinzip auch noch heute angewandt wird. Nur ausgesuchte Kriegsberichterstatter durften die Armeen im Felde begleiten und aktuelle Informationen erhielten allein loyale Blätter, während kritische Redaktionen durch hohe Kautionszahlungen oft zur Aufgabe gezwungen wurden. Auch vor Verhaftungen schreckte man in Einzelfällen, wie etwa bei dem verantwortlichen Redakteur der bereits erwähnten Sächsischen Volkszeitung, nicht zurück.

Seyferth unterteilt seine Untersuchung in zwei Hauptabschnitte, von denen sich der erste mit den Wahrnehmungsformen des Krieges befasst, während der zweite Abschnitt auf die Mobilisierungsmaßnahmen der Regierungen eingeht. Darunter fallen sämtliche Formen der Propaganda, aber auch erste Versuche zum Aufbau einer Kriegswirtschaft, wobei sich der Autor auch mit der Frage befasst, wie weit neue Rollenmuster für die Frau entwickelt wurden.

Die Gesamtbilanz der Arbeit fällt dabei nicht eindeutig aus. Zeitlich ist der Konflikt zwischen den klassischen Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts und den späteren totalen Kriegen anzusiedeln und weist daher durchaus schon Protoformen eines umfassenden modernen Krieges auf. Auf die Rolle der Eisenbahnen hätte Seyferth noch mehr eingehen müssen, war doch gerade die völlige Vereinnahmung dieses damals noch weitgehend privatwirtschaftlich organisierten Verkehrsmittels für militärische Zwecke wohl der deutlichster Vorgriff auf die Verhältnisse des Ersten Weltkrieges.

Insgesamt aber bleibt ein Vergleich des deutsch-französischen Krieges mit dem Ersten Weltkrieg, wie ihn der Autor unternommen hat, problematisch, da Dauer und industriell-technische Rahmenbedingungen zu stark variierten. Hilfreicher wäre es wohl gewesen, wenn Seyferth einen Vergleich zu den parallelen Kriegsanstrengungen auf französischer Seite oder zu Phänomenen einer Heimatfront im amerikanischen Bürgerkrieg unternommen hätte. Sein Hinweis, dass dieser Versuch aus Platzgründen unterblieben sei, kann nicht überzeugen. Seyferths zum Teil langatmige und oft sich wiederholende Ausführungen hätten durchaus Kürzungen vertragen. Gleichwohl gebührt dem Autor das Verdienst, eine Pionierarbeit zur Erforschung der Einigungskriege vorgelegt zu haben.

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Alexander Seyferth: Die Heimatfront 1870/71. Wirtschaft und Gesellschaft im deutsch-französischen Krieg.
Schöningh Verlag, Paderborn 2007.
601 Seiten, 78,00 EUR.
ISBN-13: 9783506756633

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