Keine Geschichte großer Helden

Sven Reichardt und Malte Zierenberg erzählen in „Damals nach dem Krieg“ die Geschichte Deutschlands von 1945 bis 1949

Von Ulrike EhretRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrike Ehret

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Geschichtsbilder ändern sich. Bisher symbolisierte fast exklusiv ein Bild die deutsche Geschichte des „Dritten Reiches“: das Tor des Konzentrationslagers Auschwitz und das Bündel Eisenbahnschienen, das unweigerlich auf das Lager zuläuft. Zunehmend wird diese Geschichte nun von Bildern deutscher Städte überlagert, die zu unkenntlichen Mondlandschaften zerbombten wurden. So auch das Bild eines anderen Tores, des Brandenburger Tores in Mitten der Berliner Schuttlandschaft, das auf dem Umschlag des Buches von Sven Reichardt und Malte Zierenberg prangt.

Auch das Logo des Ersten deutschen Fernsehens (ARD), weckt zunächst die Befürchtung, eine populäre Heroen-Geschichte deutschen Leidens, Durchhaltens und schnellen nationalen und wirtschaftlichen Wiederaufbaues lesen zu müssen, die vollkommen die Popularität des Nationalsozialismus unter den Deutschen außer Acht lässt. Doch dem ist nicht so. Flott und direkt schreiben Reichardt und Zierenberg eine spannende Nachkriegsgeschichte, deren Inhalt sich nicht hinter ambivalenten rhetorischen Figuren versteckt noch den Leser mit langatmigen historiografischen und methodischen Ausführungen zum Thema langweilt. Ihr Ziel ist es, eine Geschichte aus der Sicht der Zeitgenossen zu schreiben. Darüber, wie die deutsche Bevölkerung Krieg, Entbehrung und Vertreibung erfuhr, wie sich die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Soldaten der alliierten Armeen spann und wie man mit der Schuld an Völkermord und Kriegsverbrechen umging. Reichardt und Zierenberg verstehen es, die ,große Geschichte‘ des Kriegsverlaufes, der Politik der Alliierten und das Herannahen des Kalten Krieges mit den oft ergreifenden Episoden individueller Erlebnisse zu einer Geschichte zu verbinden, die informiert und problematisiert.

Dies gelingt besonders gut zu den Themen, über die die bundesdeutsche Öffentlichkeit noch heute streitet, sie glorifiziert oder verdrängt: Die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den verlorenen Ostgebieten und der Umgang mit den Verbrechen Hitler-Deutschlands. Reichardt und Zierenberg schenken dem Leiden der Vertriebenen großzügige und einfühlsame Aufmerksamkeit und verharmlosen die erschütternden Berichte nicht. Sie vergessen dennoch nicht, ihre Leser über historische Zusammenhänge und Kausalitäten aufzuklären. Zu Recht beginnt Reichardt die Geschichte der Vertreibung nicht mit den Trecks der Volksdeutschen aus Pommern im Winter 1944/45, sondern mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen im September 1939 und dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Getrieben von einer rassistischen Suche nach ,Lebensraum‘ – den man zunächst im westlichen Polen gefunden haben wollte – folgte die massenhafte Vertreibung und Ermordung von Polen und Juden, um für deutsche Siedler Raum zu schaffen.

Auch die in Deutschland viel kritisierten Beneš-Dekrete, die 1946 unter anderem die Enteignung und Entrechtung von 3 Millionen Deutschen und 600.000 Ungarn festsetzten, werden in ein objektiveres historisches Licht gerückt. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Hitlers Deutschland unter ,teilweiser massiver Beteiligung der Sudetendeutschen‘, sind die Dekrete auch Symbol für die zweite Staatsgründung nach dem Krieg. Die Politik der ‚Überführung‘ der Deutschen in die westlichen und östlichen Besatzungsgebiete ist von den Alliierten im Potsdamer Abkommen vom August 1945 beschlossen und gewollt. Reichardt zitiert dazu den britischen Premierminister Winston Churchill (15. Dezember 1944): ,Man wird reinen Tisch machen. Mich beunruhigt die großen Umsiedlungen nicht, die unter modernen Verhältnissen besser als je zuvor durchgeführt werden‘. Ohne die Politik der nationalsozialistischen Rassenpolitik zu relativieren, sehen Reichardt und Zierenberg in ihr den „radikalen wie rassistisch-bestialischen Höhepunkt“ der europäischen Geschichte des ethnozentrischen Nationalismus und der daraus folgenden Zwangsemigration und Massenvertreibungen seit dem Ersten Weltkrieg.

So frustrierend sich manche Episoden aus der deutschen Nachkriegsgeschichte lesen, Reichardt und Zierenberg schlagen nie einen moralisierend anklagenden Ton an. Nur manchmal wünscht man sich weitere Hinweise gerade zu den zitierten Memoiren oder einen kritischeren Umgang mit denselben. Auch fragt man sich als Leser, wie antisemitisch die deutsche Bevölkerung nach zwölf Jahren antisemitischer Propaganda war. Ist der Judenhass bei Kriegsende auf ähnliche Weise ‚verschwunden‘, wie die Millionen ehemaliger Nazis? Reichardts und Zierenbergs Geschichte ist dennoch ein ausgezeichneter, informativer und tiefgehender Einblick in die deutsche Gesellschaft der unmittelbaren Nachkriegsjahre – eine Verbindung von professioneller Geschichte und individuellen Geschichten, die man nur empfehlen kann.

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Sven Reichardt / Malte Zierenberg: Damals nach dem Krieg. Eine Geschichte Deutschlands 1945 bis 1949.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008.
286 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783421043429

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