Natur – Kultur: Fünf Bücher mit Beiträgen zum Germanistentag 2007 bewegen sich in Grenzbereichen zwischen unterschiedlichen Wissenschaften und befassen sich dabei auch mit Emotionen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Germanistik ist seit etlichen Jahren mit einer Vielzahl von anthropologischen Fragen befasst, die Sprache und Literatur in Grenzbereichen zwischen menschlicher Natur und Kultur positionieren. Die Konkurrenzbeziehungen und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Natur-, Kultur- und Kunstwissenschaften in diesen Forschungsterrains sind dabei für die Germanistik eine Herausforderung, die sie auf unterschiedliche Weise aufgreift. Aneignungen neurophysiologischer, kognitionspsychologischer oder evolutionsbiologischer Konzepte, die sich tendenziell auf eine universale oder langfristige Konstanz der Natur berufen, stehen kulturalistische Positionen gegenüber, die auf differenzierte Vielfalt, prinzipielle Kontingenz und historischen Wandel kultureller Phänomene insistieren, oder Bemühungen, natur- und kulturwissenschaftliche Forschungen zu integrieren sowie geläufige Gegenüberstellungen von Natur und Kultur zu unterlaufen.

Beim Deutschen Germanistentag 2007 in Marburg haben sich Vorträge und Diskussionen in sechs Sektionen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten diesen Herausforderungen gestellt. Die Druckfassungen eines großen Teils der überarbeiteten Vorträge sind inzwischen in mehreren Bänden erschienen. Ein Band enthält Beiträge aus dem Rahmenprogramm von Georg Braungart, Heinrich Detering, Karl Eibl, Michael Hagner, Ludwig Jäger, Peter von Matt und Gerhard Neumann. Alle beschreiben und haben selbst Anteil an ganz unterschiedlich geartete ‚Affären‘ zwischen natur- und kulturwissenschaftlichen sowie literarischen Geschichten und Bildern vom Menschen. Der Herausgeber Thomas Anz stellt sie in den Zusammenhang mit Szenarien der Störung, die für Natur- wie Kulturwissenschaften konstitutiv sind: „In der Konfrontationen mit Störungen übernehmen Wissenschaften vor allem zwei Funktionen: Störungen zu reduzieren und aus Störungen allgemeines Wissen über das Funktionieren ihrer Gegenstände zu gewinnen.“

Wie das Verstehen sprachlicher Äußerungen oder das Lesen literarischer Texte als Prozess der Informationsverarbeitung funktioniert, ist eine der Fragestellungen, denen sich ein weiterer, von Martin Huber und Simone Winko herausgegebener Band widmet. Er steckt Arbeitsbereiche ab, in denen Verbindungen von kognitionswissenschaftlichen Forschungen und sprach- und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen sinnvoll und fruchtbar erscheinen, u.a. in Forschungen zum Lesen, Verstehen, Fühlen oder Erleben, in der Semantik, der Metaphorologie und der Narratologie oder auch in der Komikforschung.

Der umfangreichste Band, herausgegeben von Thomas Anz und Heinrich Kaulen, enthält neben Vergleichen zwischen Literatur, Sport oder Computerspielen, zwischen Spielregeln und diversen Ritualen zahlreiche Beiträge über Spielkonzepte in der Ästhetik, in der Literaturtheorie und Literaturdidaktik sowie über Spielformen der Literatur vom Mittelalter bis hin zur Postmoderne. Dabei zeigt sich, dass der Vergleich zwischen Literatur und Spiel rasch in das Zentrum vieler literaturtheoretischer Fragestellungen führt: zu den Normen und Freiräumen sprachlichen und ästhetischen Verhaltens, zu Phänomenen der Simulation und Phantasiebildung, zu den Einübungsfunktionen und explorativen Qualitäten und nicht zuletzt zu den emotionalen Reizquellen spielerischen Handelns.

Aufsatztitel wie „Das Nachzittern des Grauens“ und „Das Gedächtnis der Emotionen“ in einem von Judith Klinger und Gerhard Wolf herausgegebenen Band über Perspektiven und Kontroversen der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung verweisen darauf, welchen Stellenwert Emotionen auch in diesem Forschungsbereich haben. Auch die in diesem Band gesammelten Untersuchungen zu den komplexen Prozessen erinnernden Schreibens setzen sich mit neueren Ergebnissen der Kognitionswissenschaften und Neurobiologie auseinander.

Hoch emotional verhalten sich gelegentlich Wissenschaftler selbst, wenn sie in Bildungsdiskussionen involviert sind. Um solche geht es in dem von Ingwer Paul, Fritz Tangermann und Winfried Thielmann herausgegebenen Buch „Standard: Bildung“. Ob Bildungsstandards zu einer Standardbildung führen, ob Google Goethe im Rahmen globalisierter Kanonbildung ablöst, ob durch den Bologna-Prozess das mittelalterliche Trivium wiederkehrt, ob didaktische Modeerscheinungen Abwegiges hervorbringen oder Althergebrachtes wie der Interpretationsaufsatz noch zu retten ist, wird hier ebenso debattiert wie Fragen der sprachlichen Bildung im modernen Europa, der Persönlichkeitsbildung von Lehrern und der Vermittlungsmöglichkeiten deutscher Literatur im Ausland.

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeitern der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Titelbild

Martin Huber / Simone Winko (Hg.): Literatur und Kognition. Bestandsaufnahmen und Perspektiven eines Arbeitsfeldes.
Mentis Verlag, Paderborn 2008.
280 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783897854550

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Titelbild

Fritz Tangermann / Winfried Thielmann / Ingwer Paul (Hg.): Standard: Bildung. Blinde Flecken der deutschen Bildungsdiskussion.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008.
175 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783525315446

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Titelbild

Judith Klinger / Gerhard Wolf (Hg.): Gedächtnis und kultureller Wandel. Erinnerndes Schreiben - Perspektiven und Kontroversen.
De Gruyter, Berlin 2009.
282 Seiten, 79,95 EUR.
ISBN-13: 9783110230970

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Titelbild

Thomas Anz / Heinrich Kaulen (Hg.): Literatur als Spiel. Evolutionsbiologische, ästhetische und pädagogische Konzepte.
De Gruyter, Berlin 2009.
727 Seiten, 129,95 EUR.
ISBN-13: 9783110221435

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Titelbild

Thomas Anz (Hg.): Natur - Kultur. Zur Anthropologie von Sprache und Literatur.
Mentis Verlag, Paderborn 2009.
144 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783897856820

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