Die dunkle Seite der Information

Frank Schirrmacher analysiert, wie uns die digitale Lebenswelt verändert

Von Matthias UhlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Uhl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Weniger ist mehr. Beim Verzehr des Sonntagsbratens ist diese Weisheit offensichtlich, bei der Aufnahme und Umgang von und mit Informationen aber auf den ersten Blick deplaziert und lächerlich. Leider nur scheinbar, denn ebenso, wie ein Übermaß an Kalorien unseren Körper in eine träge Masse verwandelt, raubt eine nicht endende Flut aus Fakten und Nachrichten unserem Geist seine Schärfe und Handlungsfähigkeit.

Frank Schirrmacher stimmt mit seinem Buch „Payback“ nicht in den seit eineinhalb Jahrzehnten andauernden Lobgesang auf die Möglichkeiten des Internets und der anderen Kommunikationskanäle ein. Das Vorhandensein und die Zugänglichkeit von Informationen, die Erreichbarkeit potentieller Gesprächspartner, Suchalgorithmen, die Webseiten, Bücher und Menschen sichten und vergleichen, all das wäre nur in einer Welt, in der das Individuum unbegrenzte kognitive Ressourcen besitzt, ein wirklicher Gewinn. Die Aufmerksamkeit echter Menschen ist aber eine begrenzte Ressource. Und nicht nur das. Die Art und Weise, wie wir mit dieser Aufmerksamkeit umgehen, bestimmt, was dieser intellektuelle Muskel in Zukunft kann – oder auch nicht. Im Gegensatz zur alltagspsychologischen Annahme, dass der besser Informierte stets im Vorteil sei, öffnet sich der Blick auf einen intellektverschlingenden Datenabgrund.

Fernab von plumpen Burnoutlamentos und Wie-kriege-ich-mein-Leben-wieder-in-den-Griff-Ratgebern hat Frank Schirrmacher die Fakten zur Beziehung von Mensch und digitaler Umwelt zusammen getragen. In eleganter Prosa entfaltet er einen Gedankengang, der Psychologie, Informatik, Neurobiologie und Soziologie mit Verweisen auf literarische Größen wie Franz Kafka und Fjodor Dostojewski verbindet. Ihre Überzeugungskraft gewinnen die Ausführungen durch den Bezug auf Studien und Experimente, die den Umgang von Mensch und Maschine und die Rolle von Information in unserem Leben beleuchten. Es finden sich staunenswerte Einsichten, wie die, dass Multitasking auf die Dauer Menschen in allen Bereichen, ja selbst im Multitasking, schlechter werden lässt und die, dass Senioren, die durch eine fingierte Zeitreise wieder die Souveränität über ihre informationelle Umwelt gewinnen, sich innerhalb von einer Woche in zufriedenere, gesündere und um vieles jünger wirkende Menschen verwandeln.

Für den Leser beginnt diese im besten Sinne interdisziplinäre Expedition in die Beziehungen und Bedingtheiten menschlich-biologischer und digitaler Datenverarbeitung allerdings mit einer Eröffnung, die je nach dessen Selbstbild als identifikationsstiftend oder demütigend empfunden werden kann. Gleich im ersten Satz räumt der Autor ein, dass er den „Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen“ sei. Ein durchaus zweischneidiges Bekenntnis, angesichts des stringenten Textes, der auf den folgenden 240 Seiten seinen Gedankengang schlüssig entfaltet und dabei eine beeindruckende Zahl von teilweise entlegenen Quellen einbezieht.

Frank Schirrmacher war es, der vor Jahren für einen neuen Bildungsbegriff plädierte, der das Wissen um Bio- und Informationstechnologie in den geistigen Kosmos der gesellschaftlichen Vordenker einbeziehen solle, um damit die Grenze von Geistes- und Naturwissenschaften hinter sich zu lassen. Ganz im Sinne dieser wünschenswerten Grenzüberschreitung findet er das Bild, das in seinen Augen für das Sein des gegenwärtigen Menschen steht, auch nicht im heutigen Hightech, sondern im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der mechanische Türke des Wolfgang von Kempelen, mit dem dieser ab dem Jahr 1770 in Europa für Aufsehen sorgte, liefert das Rollenmodell für den modernen Menschen. Unser aller Existenz spiegelt sich aber nicht im sichtbaren Teil dieses – wie es hieß – mechanischen Schachspielers, sondern in dem Unbekannten, der, tief in der Konstruktion dieses meisterhaften Betrugs verborgen, auf die von außen kommenden Signale reagierte.

Auch wir reagieren: Auf Emails, Anrufe, Suchergebnisse, Facebook-Freunde, Twitter-Feeds, News-Alarme, Kaufempfehlungen, SMS, Spam und tausend andere digitale Avancen. Diese kommunikative Brandung, von der ein großer Teil durch Maschinen generiert wird, drängt uns in die Rolle eines Organismus, der nur noch reagiert und nicht mehr gestaltet. Eingebunden in dieses Geschehen wird unser Umgang mit der Welt immer maschinenartiger, weil wir beginnen, stur Listen abzuarbeiten und Aufgaben abzuhaken, um nicht das Gefühl zu bekommen, unserem Leben nicht mehr gewachsen zu sein. Doch selbst wenn wir unser Bestes geben und die verschiedenen Ströme der To-Do-Aktivitäten mit aller Kraft bekämpfen, löst sich unser Leben unter unseren Händen auf, weil Kreativität und Individualität im Hagel des digitalen Bombardements dahin schwinden.

Was Frank Schirrmacher schuldig bleibt, ist der im Untertitel des Buches versprochene Ausweg aus der Fremdbestimmung unseres Denkens. Zwar zeigt er auf – zwingend wie auch im Rest seiner Argumentation – welcher Geisteshaltung es bedarf, um den zersetzenden Kräften der digitalen Lebenswelt zu entgehen: eine Souveränität gegenüber der ständigen Verlockung der Information. Fraglich bleibt jedoch, wie ein Mensch, dessen Lebensunterhalt in der einen oder anderen Form am Tropf des anschwellenden Informationstsunamis hängt, eine solch mönchische Weltferne umsetzen soll.

Der Verzicht auf ein einfaches Lösungsangebot ist dabei eine Stärke dieses Buches. Es gibt diese Lösung nicht. Punkt. Um so mehr kann man dem Autor bei seiner an passender Stelle eingebundenen Schelte auf das Deutsche Bildungssystem zustimmen, das so tut, als ob endlose Zertifizierungen und Umstrukturierungen das Problem weiter ansteigender Komplexität und einer kaum prognostizierbaren Zukunft beseitigen könnten. Der erste Schritt zur Verbesserung der intellektuellen Potentiale, und anschließend daran der Lebenswelt kommender Generationen, muss eine kritische Analyse des Ist-Zustands sein. Das vorliegende Buch bietet hierfür einen guten Ausgangspunkt.

PD Dr. Matthias Uhl ist Medienwissenschaftler, Biologe und Philosoph. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Medien – Gehirn – Evolution. Mensch und Medienkultur verstehen. Eine transdiziplinäre Medienanthropologie“.

Titelbild

Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.
Karl Blessing Verlag, München 2009.
240 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783896673367

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