Zwischen Humanismus und Terrorismus:

Anna Wolkowicz über die „Mystiker der Revolution“ um 1900

Von Elke DubbelsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Elke Dubbels

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Um 1900 erlebte die jüdisch-christliche wie auch die fernöstliche Mystik eine beispiellose Renaissance im deutschen Sprachraum. Das Unbehagen an der modernen, atomisierten Massengesellschaft, der positivistischen Wissenschaft und einer mechanischen Welterklärung verbindet die mystischen Denker um 1900, so unterschiedlich deren intellektuelle und politische Ausrichtung auch sein mochte. In ihrer Studie „Mystiker der Revolution. Der utopische Diskurs um die Jahrhundertwende“ untersucht die polnische Germanistin Anna Wolkowicz Texte des anarchistischen Kulturrevolutionärs Gustav Landauer, des pazifistischen Sozialisten Frederik van Eeden, des esoterischen Gelehrten Erich Gutkind, des preußischen Patrioten Florens Christian Rang, Hugo von Hofmannsthals sowie frühe Arbeiten von Georg Lukács und Ernst Bloch. Ob aristokratische „Geistesrevolution“ (Gutkind, van Eeden), sozialistische Revolution (Landauer, Bloch, Lukács) oder „konservative Revolution“ (Hofmannsthal, durch Rang inspiriert): Wolkowicz kann zeigen, dass sich ein mystischer Subtext hinter diesen projektierten Revolutionen verbirgt. Als charakteristische Grundmuster des mystisch-revolutionären Denkens identifiziert sie: 1. Kritik an der logisch-begrifflichen Sprache zugunsten einer „unmittelbaren Kommunikation“, in der Erkenntnis und Tat zusammenfallen und die Trennung zwischen Ich und Welt aufgehoben werden soll. 2. Eine „epiphanische Poetik“, die metaphorisch die unnennbare Einheit von Ich und Welt zu umspielen und zu evozieren sucht. 3. Mystisches (Selbst-)Opfer des Ichs, das sich ekstatisch entgrenzt, um das „Leid der Individuation“ zu überwinden. 4. Eine Geschichtsphilosophie der Diskontinuität, die den „Durchbruch“ ins ungeschaffene Göttliche im Sinne des „schöpferisch Unhistorische[n]“ verfolgt.

Die Studie von Wolkowicz gibt sich als eine sorgfältige, historisch-philologische Rekonstruktion des mystisch-revolutionären Diskurses um die Jahrhundertwende zu lesen, welche die Verfasserin in aufmerksamen, detaillierten Textanalysen vornimmt. Einen Akzent legt sie bei ihrer Arbeit auf das Motiv des (Selbst-)Opfers, womit sie das Gewaltmoment des mystisch-revolutionären Diskurses betont. Dieser mündet etwa bei Florens Christian Rang während des Ersten Weltkrieges in einen deutsch-patriotischen Bellizismus und bei Georg Lukács und Ernst Bloch in eine terroristische Revolutionslogik im Zeichen des Sozialismus. Die Autorin behauptet damit jedoch nicht, der mystisch-revolutionäre Diskurs der Jahrhundertwende habe sich durch seine Verstrickung in Figuren der Gewalt überholt. Vielmehr erkennt sie in der Dezentrierung des Sinns und der Dekonstruktion des logozentrischen Subjekts, die das mystische Denken der Jahrhundertwende kennzeichnen, Momente des „postmodernen“ Denkens unserer Gegenwart. Hier belässt Wolkowicz es allerdings bei solchen allgemeinen Feststellungen, ohne weiter darauf einzugehen, wie sich das „postmoderne“ Denken zu den zu Recht von ihr hervorgehobenen problematischen Seiten des mystischen Diskurses verhält oder wie sich Denker wie etwa Jacques Derrida selbst gegenüber Spielarten negativer Theologie positioniert haben.

Zu den großen Vorzügen von Wolkowicz’ Untersuchung gehört es, dass sie auch wenig bekannte Texte wie etwa ein gemeinsames Manifest Frederik van Eedens und Erich Gutkinds mit dem Titel „Welteroberung durch Heldenliebe“ (1911) berücksichtigt, in dem der Sozialismus nichts mehr mit „Proletariat oder Klassenkampf“ zu tun hat, sondern die in einem neuen Geist geeinte Menschheit bezeichnet. Dieser soll durch einen Bund von Geistesaristokraten vorgearbeitet werden. Das Manifest gehört zur Vorgeschichte des so genannten „Forte-Kreises“, der sich im Juni 1914 in Potsdam traf und sich nichts Geringeres als die „Einigung der Menschheitsvölker“ zur Aufgabe setzte – die Feuerprobe des Ersten Weltkrieges aber nicht bestand, in dem Florens Christian Rang und Martin Buber zu glühenden Kriegsbefürwortern auf deutscher Seite wurden, wohingegen Frederik van Eeden und Gustav Landauer einen pazifistischen Standpunkt einnahmen.

Wolkowicz’ Arbeit teilt sich in vier große Kapitel, die den verschiedenen mystischen Denkern der Jahrhundertwende gewidmet sind: Die Texte Gustav Landauers stehen im Zentrum des ersten Kapitels, das mit einem Exkurs zu Landauers Weggefährten Fritz Mauthner endet, zu dessen Sprachkritik Landauers einschlägige Essaysammlung „Skepsis und Mystik“ den Kommentar darstellt. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit Frederik van Eedens und Erich Gutkinds bereits erwähntem Manifest und endet ebenfalls mit einem Exkurs, der sich mit dem Zeitsinn und der jüdischen Mystik befasst. Zwei Aufsätze Florens Christian Rangs aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, „Der Wert Heinrichs von Kleist. Eine Rhapsodie“ (1906) und „Historische Psychologie des Karnevals“ (1909), sowie autobiografische Aufzeichnungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, die von Rangs messianischer Kriegsdeutung zeugen, sind Gegenstand der ersten Hälfte des dritten Kapitels. Dessen zweite Hälfte geht der Verbindung zwischen Rang und Hugo von Hofmannsthal nach. Wolkowicz’ Studie schließt mit einem Kapitel über Georg Lukács und Ernst Bloch. Zwischen Blochs „Geist der Utopie“ (1918) und Erich Gutkinds frühem Werk „Siderische Geburt. Seraphische Wanderung vom Tode der Welt zur Taufe der Tat“ (1910) kann die Verfasserin auffällige motivische Parallelen nachweisen, ohne dass sich bisher feststellen ließe, ob Gutkinds Text denjenigen Blochs unmittelbar beeinflusst hat.

Die Klammer zwischen den Kapiteln, die den einzelnen Autoren gewidmet sind, bilden die oben genannten vier Grundmotive, die Wolkowicz als charakteristisch für den mystisch-revolutionären Diskurs der Jahrhundertwende erkennt. Vor allem bei dem zu Recht von ihr hervorgehobenen Motiv des (Selbst-)Opfers hätte man sich freilich eine differenziertere Behandlung erwünscht: Wie verhalten sich der „mystische Tod“, die mystische Selbstüberschreitung in den schöpferischen, allverbindenden Grund, zum physischen Selbst- oder gar Fremdopfer?

Hier bleibt die pauschale Behauptung, dass sich im mystischen Diskurs der Revolution die „Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit, zwischen ästhetischem Schein und dem Ernst der politischen Tat, zwischen dem Blut als Metapher und dem lebendigen Menschenblut verwischt“, unbefriedigend. So geht doch aus den von Wolkowicz zitierten Texten selbst hervor, dass Gustav Landauer etwa der terroristischen Logik fernsteht, die man bei Lukács und Bloch finden kann. Schreibt Lukács in einem Brief von 1915, dass, „um die Seele zu retten – gerade die Seele geopfert werden [muß]: man muß, aus einer mystischen Ethik heraus, zum grausamen Realpolitiker werden, und das absolute Gebot […] ‚Du sollst nicht töten‘ verletzen“, verkündet Landauer in seinem programmatischen Aufsatz „Anarchische Gedanken über Anarchismus“: „Nicht andere umbringen, sondern sich selbst: Das wird das Kennzeichen des Menschen sein, der sein eigenes Chaos schafft, um […] mit der Welt […] mystisch eins zu werden“. Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Zeugen sie nur von unterschiedlichen persönlichen Haltungen oder doch auch von verschiedenen Einsätzen des mystisch-revolutionären Diskurses? So ließe sich argumentieren, dass Landauers sprachkritisches Bewusstsein ihn vor einer zu leichtfertigen Identifizierung von „Gewortete[m]“ und „volle[r] Realität“ bewahrt hat, die er namentlich an Bloch kritisiert. Landauers mystisches Selbstopfer steht in seinen „reifen Texten“ nach der Jahrhundertwende im Dienste gesteigerter, schöpferischer Individualität: Die Selbstentäußerung mündet in die Selbstermächtigung der Individuen, die sich aus dem mystischen Einheitsgrund heraus begreifen und hieraus ihr elitäres Selbstverständnis herleiten. An dieser Konstruktion ist vieles problematisch – das physische Selbstopfer ist jedoch keineswegs zwangsläufig ihr Preis, wenn sie es auch nicht ausschließt.

Die mystischen Denker der Jahrhundertwende strebten danach, das „Leid der Individuation“ in der Selbstüberschreitung in eine mystische Gemeinschaft zu überwinden, ob man sich diese nun eher sozialistisch, humanistisch als „geistige Einheit der Menschheit“ oder national gedacht hat. Bei allen handelt es sich um bürgerliche Intellektuelle, die sich dem Bürgertum entfremdet fühlten und sich nach einer neuen Gemeinschaft sehnten, deren Vorhut sie zu sein wähnten. Über die Grenzen solcher kleinen, transrationalen Gemeinschaften, die Helmuth Plessner bereits in den 1920er-Jahren herausgestellt hat, scheint man sich wenig Gedanken gemacht zu haben. Statt den Subjektivismus zu überwinden, hat man ihn noch in esoterischer Zirkelbildung wie dem Forte-Kreis potenziert. Damit soll nicht gesagt sein, dass der mystische Diskurs der Revolution insgesamt als marginal einzuschätzen ist. Im Gegenteil ist davon auszugehen, dass sich das Feld der politischen Mystik Anfang des 20. Jahrhunderts weit erstreckt hat. Anna Wolkowicz hat uns einen Teil dieses Feldes in kompetenter, flüssig geschriebener und sehr sachkundiger Form dargestellt.

Titelbild

Anna Wolkowicz: Mystiker der Revolution. Der utopische Diskurs um die Jahrhundertwende. Gustav Landauer - Frederik van Eeden - Erich Gutkind - Florens Christian Rang - Georg Lukács - Ernst Bloch.
WUW Verlag der Universität Warschau, Warschau 2007.
233 Seiten, 9,30 EUR.
ISBN-13: 9788323502319

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