Auf diese Scheiben können Sie kaum bauen

Ein Remix aus Alexander Kluges TV-Essays bietet Assoziationen zum Vertrauen, zur Finanzkrise, zu Kapitalismus und Krise

Von Bernd BlaschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Blaschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alle Intellektuellen lieben Alexander Kluge. Seine Geschichtenbände (etwa die „Chronik der Gefühle“), seine materialreich argumentierenden, assoziierenden und abschweifenden Theoriebände wie „Geschichte und Eigensinn“ und insbesondere die vor dem Hintergrund der sie rahmenden seichten Sümpfe des Privatfernsehens geistreich strahlenden Features und Interviews seiner Fernseh-Produktionsfirma DCTP gelten als zeitgenössische Klassiker anspruchsvollen Denkens und Erzählens in verschiedenen Medien. Der bewundernswert vielseitige Autor, Filmemacher und Fernsehproduzent hat in den letzten Jahren bedeutende Auszeichnungen wie den Büchner-Preis, den Adorno-Preis und den Grimme-Preis für sein Lebenswerk erhalten. Schon diese Kombination des wichtigsten deutschen Literaturpreises, des wichtigen Philosophie-Preises und des bedeutendsten Fernsehpreises bildet ein Alleinstellungsmerkmal dieses Großintellektuellen. In die (durch die Finanzkrise reichlich diskreditierte) Sprache der Finanzökonomie übersetzt könnte man formulieren: Die intellektuelle, mediale und ästhetische Kreditwürdigkeit Kluges ist mit einem Triple A Rating aller wichtigen Agenturen bewertet worden. Auf Werke dieses Autors können Sie bauen; sie sind eine sichere Bank.

Nachträgliche Erklärungen für die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, für den Zusammenbruch respektive die staatliche Rettung zahlreicher Banken und den Beinahe-Kollaps des Finanzsystems gibt es mittlerweile wohl ähnlich zahlreich wie bankrotte (amerikanische) Banken. Sicher scheint zumindest, dass die mehrfach verschachtelte Um- und Neuverpackung von Kreditrisiken durch Banken und die falsche Einschätzung von Ausfallrisiken von Krediten durch die Rating-Agenturen zum Zusammenbruch der Märkte für nur vermeintlich wertvolle Wertpapiere führte. Die Investoren und Banken als Teilnehmer am Finanzmarkt verloren mit dem Bankrott der angeblich seriösen Lehman Brothers Investment Bank im Herbst 2008 das Vertrauen in viele ihrer riskanten Anlageformen, in viele ihrer Geschäftspartner, und bis zu den Rettungspaketen für andere Großbanken und Versicherer auch das Vertrauen darauf, dass der Staat schlimmstenfalls solche systemrelevanten Großinstitute mit dem Geld der Steuerzahler retten werde.

Der Soziologe Dirk Baecker, einer der am häufigsten Interviewpartner Alexander Kluges, gibt in seinem frühen Buch „Womit handeln Banken? Eine Untersuchung zur Risikoverarbeitung in der Wirtschaft“ eine einleuchtende Antwort auf seine im Buchtitel genannte Frage. Banken handeln mit Risiken. Und offenbar haben sie dies in der aktuellen Finanzkrise auf schlechte und wenig verantwortungsvolle Weise getan. Sie haben versagt, weil sie ihr Kerngeschäft, die Einschätzung und den Handel mit Kredit-Risiken, unter den vielleicht tatsächlich neuen und überraschenden, wahrscheinlich aber doch absehbaren Bedingungen der US-Immobilienkrise nicht beherrschten. Falsche Risikoeinschätzungen sowie das überzogene Vertrauen in schwache Investments führten zur Schieflage vieler Banken, Versicherungen, Fonds und schließlich des gesamten internationalen Finanzsystems.

Was hat das nun zu tun mit Alexander Kluges materialreicher DVD-Kompilation „Die Früchte des Vertrauens. Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx und wir selbst: Auf was kann man sich verlassen?“ Zum einen ist der Rezipient des über 10 stündigen Riesen-Features ein wenig enttäuscht, dass Kluges Film- und Interview-Kompilation aus dem Herbst 2009 wenig Konkretes zur aktuellen Finanzkrise und auch nur wenig zu den institutionellen und operativen Grundlagen des globalisierten kapitalistischen Kreditsystems bietet, und das, obwohl mit Dirk Baecker, Lord Dahrendorf, Joseph Vogl, Graf Galen, Joseph Stieglitz und Jakob Arnoldi durchaus Kenner der kreditwirtschaftlichen Zusammenhänge zu den Gesprächspartnern gehören. Doch deren Beiträge machen vielleicht einmal gerade zwei von gut zehn Stunden aus – und sie adressieren kaum je die spezifischen Umstände und Instrumente der aktuellen Krise.

Kluges Kompilation offeriert mithin kein besonders schlüssiges Erklärungsszenario für den gegenwärtigen Schlamassel des Finanzkapitalismus und seine gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Vielmehr bietet diese Materialsammlung Fragen, Gedankensplitter, Anekdoten, Flunkereien und Kaspereien (mal mehr mal weniger geistreich) zum Thema des Vertrauens und der Verlässlichkeit in allen Lebenslagen; also nicht nur in der (Finanz-) Wirtschaft sondern auch im Krieg, im Alltag und in allerlei Krisensituationen. Kluge hatte übrigens schon die letzten hundert Seiten seiner Geschichtensammlung „Chronik der Gefühle“ unter die Überschrift „Der lange Marsch des Urvertrauens“ gestellt. Und fraglos ist das Vertrauen als Grundlage zwischenmenschlicher, sozialer und eben auch ökonomischer Beziehungen eine unverzichtbare Grundlage allen Zusammenlebens. Sozialwissenschaftler wie Francis Fukayama, Ute Frevert und Claus Offe haben das Vertrauen als wichtige Ressource essayistisch erkundet oder interdisziplinär erforscht. Kluge bezeichnet das Vertrauen pointiert als „Gegenkapital“.

Doch inwieweit kann man den in diesem Feature zum Vertrauen zusammengetragenen Erzählungen, historischen Exkursen, Theoriefragmenten in ihren Dialog- und Spielszenen vertrauen? Wieweit wird dieses in knallig grüne Buchform verpackte DVD-Paket im Look der legendären Edition Suhrkamp seinem Untertitel „Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx und wir selbst: worauf kann man sich verlassen?“ gerecht? Man entwickelt hier doch eher, wie beim Lesen eines modernistischen Romans mit einem unzuverlässigen Erzähler, ein permanentes kritisches Misstrauen. Kluge stiftet weniger Vertrauen in seine dargebotenen Erzähl- und Theseninhalte, als dass er zum kritischen Blick auf das Dargebotene anstiftet – was natürlich kein Schaden sein muss. Das liegt zum einen an dem von Kluge fraglos intendierten kommentarlosen Montieren von fiktiv-imaginären Spielszenen oder pseudo-historischen Erfindungen im Dokumentarstil neben ‚ernsthaften‘ Gespräche zu Sachthemen mit ‚echten‘ Experten. Zum anderen liegt dies aber auch daran, dass in dieser zehnstündigen diskursiven Materialschlacht zum Vertrauen in seinen vielerlei Facetten die einzelnen Beiträge (die aus mehr als zehn Jahren DCTP-Produktionen stammen) nicht datiert werden. Aus einer historisch positionierten, nachvollziehbaren Geschichtscollage wird so ein etwas desorientierendes Potpourri.

Und nun regt sich der Verdacht, dass hier anstelle einer präzisen inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Abläufen, Instrumenten und Fehlentwicklungen der gegenwärtigen Weltfinanzkrise eine nicht-intendierte strukturelle Homologie zwischen Kluges Umverpacken, Neuetikettieren und Recyceln älteren Fernsehmaterials und dem Kreditrecycling der Finanzwirtschaft vorliegen könnte. Beim Mehrfachverwerten von Schulden oder von Fernsehfeatures entsteht für den Endabnehmer das Risiko, ein undurchschaubares Produkt zu kaufen, dessen Realitätsdeckung zweifelhaft ist. Ebenso wie ein Käufer eines Lehman-Zertifikats (sagen wir: auf den DAX oder auf die Staatsanleihen Griechenlands) zwar mit den Risiken der Kursentwicklungen von DAX oder Staatsanleihen rechnen musste, jedoch aufgrund solidester Ratings der Lehman Bank aber kaum mit deren Zahlungsunfähigkeit rechnen konnte, so erwartet der derjenige, der zu Kluges DVD greift, zwar vermutlich dessen bewährten Geschichten- und Gedanken-Mix von Hochtheorie bis zu Peter Berlings und Helge Schneiders Rollenspielereien – doch ist er womöglich enttäuscht, dass die Abschweifungen und die nicht datierten älteren Feature-Schnipsel das Kundenvertrauen in Kluges Analysen der Kreditwirtschaft und sozialer Vertrauens-Prozesse im engeren Sinne gelegentlich doch arg strapazieren. Es wäre ehrlicher und kreditwürdiger gewesen, wenn Kluge neben der Erfindung eines suggestiven neuen Titels für diese DVD-Kompilationen auch darauf hingewiesen hätten, dass es sich um eine Montage größtenteils älterer Aufzeichnungen handelt. Das (im übrigen informative) 50-seitige Beiheft, das die einzelnen Episoden auflistet und das Kluge in seinen knappen Zusammenfassungen und Einordnung der einzelnen Beiträge erneut als einen überaus gewitzten Meister der Synthese zeigt, hätte ruhig die Produktionstermine der Interviews und Film-Text-Collagen offenlegen sollen. Ein Essayist der Singularitäten, des Eigensinns und der Historizität vom Format eines Alexander Kluge sollte sein eigenes Material nicht enthistorisieren, sondern datieren.

Nach dem Protokoll dieser Enttäuschungen und Einwände, nun aber doch noch einige Wort des Lobs – denn auch der Verfasser dieser Kritik liebt im Grunde Kluges Plauderkunst, seine gewitzte Montage- und Collagetechnik und sein Gespür für wichtige Themen und originelle Herangehensweisen. Dabei ist schon die sanfte Stimme des fragenden oder erzählenden Filmemachers mit seinen wiederkehrenden ‚Ja‘-Interjektionen für Liebhaber eine beruhigende und vertrauensstiftende Instanz. Doch entbehrt die Gesprächsführung Kluges gelegentlich nicht der Komik – was bei der Vorführung von Auszügen der DVD vergangenen Herbst in der Berliner Volksbühne dazu geführt haben soll, dass das Publikum Kluges Gesprächspartnerin, Sophie Rois, die im Interview mit dem Großmeister streckenweise kaum mehr als wiederholte ‚Jas‘ beisteuern durfte, (ironischen) Szenenapplaus spendierte. Wie überhaupt angesichts so kritischer Geister wie Kluge und seiner Gesprächspartner auffällt, dass kaum je eine Dialogsituation mit einem ‚Nein‘ und einer Gegenrede synkopiert wird. Vielmehr rauscht alles in einem großen Fluss sich gegenseitig mit einem ‚Ja‘ bestärkender und ablösender Anekdoten und Assoziationen dahin.

Unterlegt und gelegentlich konterkariert werden die Geschichtsanekdoten oder Märchen (die ein Martin Wuttke verliest oder ein Joseph Vogl extemporiert) durch feine Kammermusik. Schön ist zudem, dass Kluge sich nicht zum Krisenguru macht, sondern auch immer wieder die Rekonstruktionskräfte in und nach Krisen anspricht: Vertrauen ist so notwendig, dass es auch nach herben Enttäuschungen immer wieder neu entsteht, sich neue Objekte und Partner sucht. Und Kapital wie Kapitalismus sind bekanntlich zähe, langlebige und enttäuschungsresistente Instanzen.

Wenn in Gesprächen mit Dirk Baecker, in dem wunderbar ausgeleuchteten Gespräch mit Niklas Luhmann oder auch in der Plauderei mit Hans Magnus Enzensberger immer wieder die Grenzziehungs-, Ausgrenzungs- und Modellierungstechniken von sozialen oder auch ökonomischen Beobachtungs- und Operationssystemen zur Sprache kommen, dann nähert sich dieser Filmessay doch noch einem Hauptaspekt der Finanzkrise: Wie schon bei der Pleite des Hedgefonds LTCM, der nach Modellen von mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Wirtschaftstheoretikern (Myron S. Scholes und Robert C. Merton) investierte, so war es auch bei der jetzigen Finanzkrise offenbar wieder das Eintreten von eher unüblichen (aber schließlich doch real eingetretenen) Bedingungen und Gemengelagen, die viele Sicherungs- und Risikobegrenzungsmodelle durchbrennen ließen und zu ungeahnten Verheerungen im Finanzsystem führten. Enzensberger oder auch ein befragter Physiker legen bei Kluge ihre Finger in diese wunden Punkte aller Modellierungskünste – und Kluges wertvoller Grundgedanke besteht darin, immer wieder nach dem von Systemen, Erwartungen und Gesellschaften Ausgegrenzten zu fragen.

Rätselhaft, faszinierend und einprägsam ist auch das Bild-Arrangement, mit dem Kluge seine meisten Gesprächspartner (nicht aber die älteren Begegnungen mit Lord Dahrendorf, mit Luhmann und Heiner Müller, bei denen man sich des Eindrucks eines kleinen Best-Of-Reigens nicht erwehren kann) neben gut sichtbare Lampen, Glühbirnen oder Scheinwerfer platziert und so – neben den aufklärenden Worten der Gesprächspartner – auch noch eine strahlende Lichtquelle als Möglichkeitsbedingung aller filmischen Bilder, und überhaupt allen Sehens mitinszeniert.

Wer sich gründlich informieren möchte über die Abläufe und Ursache der gegenwärtigen Finanzkrise, der lese einige der darauf spezialisierten Bücher oder greife zu den Hintergrundartikeln einer Qualitätszeitung. Wer sich etwas systematischer der grundlegenden sozialen Funktion von Vertrauen widmen möchte, der beginne sein Nachdenken mit der Lektüre der Sammelbände etwa von Ute Frevert oder Martin Hartmann und Claus Offe. Zum (nicht fach-betriebswirtschaftlichen sondern sozial-organisatorischen) Begreifen der Funktionsweise und Problemstellungen der Kreditwirtschaft kann man Dirk Baeckers „Womit handeln Banken? Eine Untersuchung zur Risikoverarbeitung in der Wirtschaft“ (dessen Vorwort zur Neuauflage sich auch der gegenwärtigen Finanzkrise widmet) oder Torsten Strulik: „Nichtwissen und Vertrauen in der Wissensökonomie“ empfehlen.

Wer das alles schon intus hat und sich an der intellektuellen Spiel-, Assoziations- und Montagekunst des virtuosen Filmessayisten Alexander Kluge erfreuen mag, der nehme sich einige Abende Zeit und genieße diese große Revue aus Spiel und Ernst zu den Themen Geld-Kapital, Grenzen des Geldes und möglichen Formen des Gegenkapitals Vertrauen. Kluges halbstündige Interventionen im Rahmen des Spätprogramms der Privatsender boten wunderbare Lichtblitze eines gebildeten Fernsehens mit seiner ganz eigenen Rhythmik des Denkens. Das Format des DVD-Pakets bietet ein willkommenes mediales Umfeld für vielstündige Materiallieferungen, die man kaum im Kino schauen möchte, indes doch gerne im Archiv zu Hause als Wundertüte hütet, deren Häppchen man freilich stets mit dem gebührenden Misstrauen und kritischen Verstande genießen sollte.

Kein Bild

Alexander Kluge: Früchte des Vertrauens.
Zwei DVDs mit einem Essay von Alexander Kluge.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
29,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135150

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