Nietzsche und Schlegel als „Begriffsdichter“ und Transzendentalpoeten

Der erste Band der „Schlegel-Studien“ untersucht das Verhältnis von Poesie und Philosophie

Von Manuel BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manuel Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im 370. Aphorismus der „Fröhlichen Wissenschaft“ wirft Friedrich Nietzsche der Romantik unter anderem ein Leiden an der Verarmung des Lebens und die Ausrichtung auf Rausch, Betäubung und Wahnsinn vor. Sich selbst begriff Nietzsche als entschiedenen Gegner romantischer Haltungen. Vor dem Hintergrund der allfälligen Schmähungen muss es überraschen, dass Karl Joël bereits fünf Jahre nach Nietzsches Ableben eine Wahlverwandtschaft zur Romantik konstruiert. Das Buch „Nietzsche und die Romantik“ von 1905 stellt einen ersten Versuch der Annäherung des scheinbar völlig Gegensätzlichen dar, dem weitere folgen sollten.

Der von Klaus Vieweg herausgegebenen Band „Friedrich Schlegel und Friedrich Nietzsche. Transzendentalpoesie oder Dichtkunst mit Begriffen“ ist der jüngste Versuch der Annäherung Nietzsches an die Romantik. Derlei Bestrebungen sind nicht unbegründet oder gar generell unplausibel, bedenkt man, dass Nietzsches bisweilen klischeehafte antiromantische Verdikte auf die katholisch-nationale Romantik, vor allem aber auf die als Romantiker klassifizierten Arthur Schopenhauer und Richard Wagner bezogen sind und an der mit Fragment, Ironie und Unverständlichkeit operierenden Frühromantik weit gehend vorbei gehen.

Entsprechend betonen Forscher wie Ernst Behler (dem diese Publikation gewidmet ist und dessen Ansichten zum Thema unverkennbar die Richtung vorgeben), dass die Autoren der Jenaer Frühromantik, im besonderen Novalis, August Wilhelm und Friedrich Schlegel von Nietzsche überhaupt nicht zur Romantik gezählt und auch nicht mit den üblichen, diese Epoche betreffenden Ächtungen bedacht wurden. Ohnehin sind Nietzsches literarhistorische Kenntnisse der Romantik nicht belastbar. Silvio Vietta bringt es in seinem Beitrag auf den Punkt: „Nietzsche hat keinen […] substanziellen Begriff von der Romantik als Epoche.“

Ein von Nietzsches antiromantischer Haltung ungetrübter Blick vermag einige Gemeinsamkeiten zu Friedrich Schlegel, mithin dem bedeutendsten Theoretiker der Romantik, zu entdecken. Beide Autoren wurzeln in der Philologie, sprengten deren Rahmen aber alsbald; beide beschäftigten sich im ihrem Frühwerk mit dem Verhältnis der Antike zur Moderne; beide erfuhren im Poststrukturalismus eine Rezeption, die sie zu Ahnherren der ‚Anti-Hermeneutik‘ stilisierte; schließlich können beide als Meister der Kurzprosa gelten und zeichnen sich durch eine ironische Schreibweise aus. Bei derlei Parallelen darf nicht übersehen werden, dass Nietzsche Schlegel offenkundig nicht rezipiert hat. Die spärlichen nachweisbaren Bezüge in Nietzsches Texten beziehen sich auf Friedrich Schlegels älteren Bruder August Wilhelm, an dessen Grab der jugendliche Nietzsche des Öfteren pilgerte.

An philologisch exakten Untersuchungen zum Thema, die den untersuchten Autoren philosophisch gerecht werden, mangelt es allerdings. Umso willkommener ist der vorliegende Sammelband. Während jedoch der Titel suggeriert, dass Nietzsches Denken einem Vergleich mit Friedrich Schlegel unterzogen wird, ist das tatsächliche Ziel des Buches ein anderes. Es gehe darum, schreibt der Herausgeber Klaus Vieweg in der Vorbemerkung, „das Verhältnis der Gedankenwelt der beiden Friedriche nochmals unter einer bestimmten Perspektive in den Blick zu nehmen“. Diese Perspektive richtet sich auf das Verhältnis von Literatur und Philosophie, das in den Schriften Schlegels und Nietzsches immer in Frage steht. Schlegel auf der einen und Nietzsche auf der anderen Seite sind die Exempel, anhand derer die leitende Frage entwickelt wird. Das heißt freilich auch, dass die Hoffnung auf eine systematische Klärung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Denker enttäuscht wird, da die versammelten Artikel, zehn an der Zahl, keineswegs durchgängig einzelne Aspekte des Verhältnisses der Schlegels und Nietzsches untersuchen. Bisweilen steht nur einer der beiden Autoren im Fokus, bald wird Nietzsche anderen Romantikern wie etwa Novalis gegenübergestellt, gelegentlich auch pauschal der Romantik im Allgemeinen. Vor allem aber wird der übergeordneten Frage nach den Übergängen von Poesie und Philosophie mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem tatsächlichen Vergleich der im Titel genannten Autoren oder gar konkreter Texte. Die Ausrichtung auf eine allgemeine theoretische Frage zieht indes die Gefahr nach sich, dass die Konstellation Schlegel-Nietzsche kontingent, oder schlimmer noch, beliebig wirkt.

Die einzelnen Aufsätze widmen sich unter anderem der Bedeutung der Melancholie, die Ulrich Breuer als Fundament der frühen Texte Schlegels und Nietzsches herausarbeitet, und natürlich immer wieder der Ironie. Bärbel Frischmann zeigt, dass Ironie und Unverständlichkeit, für den frühen Schlegel von zentraler Bedeutung, auch für Nietzsche von einiger Wichtigkeit sind. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Michael Palmowski, der in Anlehnung an Richard Rorty ironisches und metaphysisches Denken von einander abhebt und zu dem Schluss kommt, Schlegel sei zwar ein bedeutender Theoretiker der Ironie, aber letztlich doch immer Metaphysiker geblieben, während Nietzsche das theoretische Projekt Schlegels in die Praxis umgesetzt habe. Auch wenn dabei einschlägige Texte Schlegels, allen voran der furiose Essay „Über die Unverständlichkeit“, der gleichermaßen theoretische Abhandlung über Ironie wie deren performative Umsetzung ist, übergangen werden, gewährt Palmowskis Insistieren auf die metaphysischen Konstanten in Schlegels Denken aufschlussreiche Einsichten.

Richard T. Gray richtet sein Interesse auf die philologischen Programme und sieht sowohl in Schlegel als auch in Nietzsche „Zukunftsphilologen“, die ihre philologischen Erkenntnisse für eine künstlerische Praxis fruchtbar machen wollten. Der Aufsatz von Tommasio Pierini verdient seinerseits schon deswegen Erwähnung, weil er als einziger nicht auf die gängigen Texte Schlegels aus den 1790er-Jahren rekurriert, sondern mit den Kölner Logik-Vorlesungen von 1805/06 eine gewichtige philosophische Schrift Schlegels ins Spiel bringt, die in der Forschung kein allzu großes Echo findet. Auf dieser Textgrundlage wird Nietzsches und Schlegels Denken auf ontologischer Ebene verglichen. Dabei fällt angenehm auf, dass nicht nur nach Gemeinsamkeiten gesucht wird, sondern auch Unterschiede in den Blick geraten.

Leider bleiben manche Beiträge den Nachweis einer souveränen Kennerschaft schuldig, wie etwa der Text von James Vigus, der ein Rezeptionsmodell vorstellt, demgemäß gewisse „Familienähnlichkeiten“ nicht zwingend durch direkte Rezeption, sondern durch die Vermittlung Dritter zustanden kommen können. Obschon es naheliegend und angebracht gewesen wäre, dies auf das Verhältnis von Schlegel und Nietzsche zu beziehen und zu diskutieren, über welche Vermittler Nietzsche frühromantische Denkfiguren adaptiert hat, wendet Vigus sein Modell einzig auf die vermeintliche Ähnlichkeit von Samuel Taylor Colderidges Begriff des ‚philosophical poem‘ und Friedrich Schlegels Konzept der ‚Transzendentalpoesie‘ an. Dabei vermengt Vigus offenkundig ‚Transzendentalpoesie‘ und ‚Universalpoesie‘ – beides wichtige Stützpfeiler der frühromantischen Dichtungstheorie, aber mitnichten gleichbedeutend.

Zu bedauern ist zudem, dass dem Leser weder ein Literaturverzeichnis noch ein Namensregister geboten werden. Künftige Bände der „Schlegel-Studien“ – eine neue, von Peter-André Alt sowie dem im letzten Jahr verstorbenen Detlef Kremer herausgegebenen Reihe, deren erster Band hier vorliegt – sollten zudem eine etwas sorgfältigere redaktionelle Bearbeitung erfahren als der Auftaktband, bei dem die Menge der orthografischen und grammatikalischen Fehler unangenehm auffällt. Diesen Einwänden zum Trotz versprechen die Schlegel-Studien eine wichtige Reihe für die anhaltend fruchtbare Schlegel- und Frühromantik-Forschung zu werden, zumal sich der Titel der Reihe bewusst offen gibt, so dass neben Forschungen zu Friedrich Schlegel – wobei wünschenswert wäre, die Beschränkung auf dessen Frühwerk zu überwinden – auch für Untersuchungen zu August Wilhelm, Caroline und Dorothea Schlegel bis zurück zu Johann Elias Schlegel ein regelmäßiges Organ zur Verfügung stehen könnte.

Titelbild

Claus Vieweg: Friedrich Schlegel und Friedrich Nietzsche. Transzendentalpoesie oder Dichtkunst mit Begriffen.
Schöningh Verlag, Paderborn 2009.
143 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783506764935

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