Assoziatives Schauen

Eine OVO-Edition von Jean-Luc Godards „Histoire(s) du cinéma“ ist samt Materialien, Interviews und einem Essay von Klaus Theweleit erschienen

Von Daniel KnellesenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Knellesen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Eines Abends trafen wir uns bei Henri Langlois, und es ward Licht.“ Mit diesen Worten beginnt Jean-Luc Godards „Geschichte(n) des Kinos“. Henri Langlois, der, der das Licht brachte, Gründer und langjähriger Programmdirektor des Filmarchivs, Museums und Kinos Cinémathèque francais und „wir“, das ist die Gruppe von Redakteuren der Cahiers du cinéma, unter ihnen Claude Chabrol, Francois Truffaut, Jacques Rivette und so auch der junge Godard.

Im Dunkel des Kinosaals schenkte „uns der Mann aus der Avenue des Méssine“, wie Godard weiter aus dem Off spricht, „Vergangenheit in die Gegenwart verwandelt“ – die Geschichte des Kinos, als deren gegenwärtiger Teil sich die Gruppe verstand. Denn als erste und gleichzeitig letzte Generation war es ihnen Ende der 1950er-Jahre möglich, einen Überblick über die bis dahin gedrehten Filme zu erlangen. Nicht bloß eine Auswahl, sondern von F. W. Murnau bis Hitchcock, von Eisenstein bis Antonioni und Orson Welles alles zu sehen, was es an Filmen gab. Ihr Filmverständnis schloss die Gruppe junger Kritiker als zukünftige Filmemacher mit ein. Kritik war für sie kein Schreiben über Filme, sondern mit den Filmen. Ein Weiterschreiben, aus dem dann später einmal die Nouvelle Vague wurde.

Godards 240-minütige, über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren für das französische, von ihm so verhasste und oft geschmähte, Fernsehen gedrehte Reihe erzählt demnach auch nicht die und auch nicht eine Geschichte des Kinos, sondern denkt Geschichte im Plural. Das heißt: Alle möglichen Filme – die nicht gedrehten eingeschlossen. Wie kann das gehen, wie lässt sich ein derartiges Anliegen mit den Mitteln des Filmes darstellen?

Godard, der auch in seinen vorhergegangenen Filmen nie alle Möglichkeiten der Regietrickkiste ausschöpfte, verwendet dafür vor allem die Überblendung. Das heißt, er löst einzelne Filmszenen und Standbilder aus dem Archiv der Filmgeschichte heraus und blendet sie in- oder übereinander, montiert sie mit Ausschnitten aus Gemälden, Fresken, Porträts, Musik oder Geräuschen. Fritz Lang trifft auf Jean Cocteau; Francisco de Goya, Ludwig van Beethoven, Karlheinz Stockhausen, Jorge Luis Borges und Maurice Blanchot kommen vor, um nur einige wenige zu nennen. Der Zitatfundus, aus dem Godard montiert, ist riesig; auch die für ihn typischen, neonfarbigen Schrifteinblendungen finden Verwendung. „Das Bauprinzip der Geschichten“, so schreibt Klaus Theweleit in seinem schönen der DVD beiliegenden Essay, „ist ihre Unerschöpflichkeit.“

Zuordnen oder identifizieren lassen sich die montierten Versatzstücke jedoch oft nur schwer – und auch der aus dem Off, zum Teil von Godard selbst gesprochene und das Ganze rhytmisierende Text, hilft nur bedingt. „Montage, meine schönste Sorge“, heißt es da etwa an mehreren Stellen, und auch als Zuschauer macht man sich Sorgen, ob man Godard folgen kann, wenn wieder und wieder unbekannte und vor allem unerkannte Bilder über den Fernsehbildschirm flimmern. Was bleibt, ist eine Art assoziatives Schauen.

Das ist jedoch nicht einmal schlimm. Schließlich geht es Godard nicht um ein wildes Zitateraten – auch wenn man natürlich den Wunsch hat, noch mehr zu erkennen, man noch mehr zuordnen möchte – sondern um „Geschichte(n)“. Und um diese zu erzählen, bedient sich Godard dessen, was er das „dritte Bild“ nennt. Das „dritte Bild“ entsteht aus der Addition oder dem Gegenüberstellen von mindestens zwei anderen, aus ihrem ursprünglichen Kontext befreiten Bildern. Godard bedient sich beider Methoden. Mal ergänzen sich die montierten Bilder, mal prallen sie förmlich aufeinander und zerren die Überlegungen des Betrachters in zwei, nicht selten in weitaus mehr, verschiedene Richtungen. Die so entstehenden, wie Godard sagt, „gedachten“ Bilder erzählen eine mögliche Geschichte. Godard schlägt, wie der französische Philosoph Jacques Rancière es formuliert, „Möglichkeiten vor, wie man Geschichte denken kann“. Doch auch die vorher aus ihrem Zusammenhang herausgelösten Bilder bilden gleichzeitig in ihrer nun neu geordneten Abfolge eine weitere Erzählung. Der gemeinsame Nenner beider Geschichten, der möglichen und der durch die Neuanordnung der Bilder entstandenen, ist – noch einmal Jacques Rancière – Geschichte im politischen Sinne.

Tatsächlich erzählt Godard während der acht Teile der „Historie(s)“ nur ein einziges Mal, nämlich die Geschichte des italienischen Kinos. Mit „Rom, offene Stadt“ schaffte Roberto Rosselini es 1945 nicht nur die „Ehre der Nation“ wiederherzustellen, so Godard, sondern gleichzeitig auch den Grundstein für eines der lange Zeit produktivsten Kinos Europas zu legen. Die „Geschichte(n)“ sind in diesem Moment ganz Hommage, ganz Verbeugung. Godard montiert hier fast zärtlich.

Wie große Teile von Godards Werk lassen sich jedoch auch die „Geschichte(n)“ nicht eindeutig einem Genre zuordnen. Sie sind Kritik, Poesie, philosophische Betrachtung, Essay und eine Liebesbezeugung an die Kraft und Möglichkeiten des Kinos in einem – und gleichzeitig sein größtes und umfassendstes Werk, das, je weiter man sich damit befasst, je weiter man sich darauf einlässt, einen sehr persönlichen Blick auf einen der größten Filmemacher unserer Zeit freigibt.

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Jean-Luc Godard: Histoire(s) du cinéma.
Zwei DVDs mit einem Booklet mit Materialien und Interviews.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
29,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135105

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