„Radikale Häuslichkeit“

Ottilie Wildermuth blickt in „Schwäbische Pfarrhäuser“

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

War Heinrich Hansjakob am Ende des 19. Jahrhunderts im badischen Landesteil überaus erfolgreich, so gilt dies in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts für die 20 Jahre ältere Kinder- und Jugendschriftstellerin Ottilie Wildermuth in gleichem Maße im württembergischen Landesteil, wenn nicht weit darüber hinaus.

1847 begann die in Rottenburg am Neckar und in behüteten Verhältnissen in Marbach als Tochter des Kriminalrates Gottlob Christian Rooschütz aufgewachsene Wildermuth, wie Friedemann Schmoll in der Neuauflage ihrer „Schwäbischen Pfarrhäuser“ in der Reihe der „Kleinen Landesbibliothek“ des Tübinger Klöpfer & Meyer Verlags vermerkt, mit der Niederschrift der Skizze „Eine alte Jungfer“ „eher aus einer Laune heraus und aufgefordert von ihrem Mann Johann David“.

Von Ottilies Bruder an Cottas „Morgenblatt“ in Tübingen geschickt, kam von dort die Aufforderung, „doch mehr solcher Erzählungen zu liefern“. Mit den „Genrebildern aus einer kleinen Stadt“ begann der Aufstieg als Schriftstellerin. „Meine ganze Absicht ist, Bilder des wirklichen Lebens darzustellen, so wie sie in meiner Anschauung sich zeigten, und der einfache Grundgedanke aller meiner kleinen Versuche ist der Wunsch zu zeigen, wie reich und mannigfaltig auch das alleralltäglichste Leben in seinen verschiedenen Erscheinungen ist“, notiert sie über die „Schwäbischen Pfarrhäuser“, mit denen sie ab 1850 großen Erfolg hatte.

Mit Ludwig Uhland befreundet, avancierte Wildermuth „zu einer Vielschreiberin und in Fragen bürgerlicher Frauenbilder und Mädchenerziehung zu einer tonangebenden Instanz“. Vor allem die Familienzeitschriften druckten Wildermuth-Geschichten ab. Ohne den Mörike`schen Tiefgang zu erzeugen und ohne Spitzwegs hintergründigen Humor zu besitzen, schildert Wildermuth „diese evangelischen Pfarrhäuser in Kontrast zu allen epochalen Umbruchprozessen des 19. Jahrhunderts als Reservate beschaulicher Gemütlichkeit. Es handelt sich um Rückzugsorte, geschlossene Welten der Beständigkeit, in denen so gelebt wurde, als existierten die neuen Herausforderungen der anbrechenden Industriemoderne nicht.“

Bei aller Doppelbödigkeit einer mustergültigen Welt, in der das Bigotte neben dem Frommen, „die Großzügigkeit des Herzens“ neben dem kleinherzigen Umgang in Geldangelegenheiten tritt, sind es – aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet, doch harmlose Geschichtchen, die die Wildermuth da über „das freundliche Pfarrhaus“, über den „Haselnusspfarrer“, über das „töchterreiche Pfarrhaus“ oder über „ein gastfreies Pfarrhaus“ erzählt. Aus der Perspektive des 20. und 21. Jahrhunderts, die protestantische Pfarrhäuser etwa aus der Sicht Eva Zellers, eines Kurt Marti, einer Gabriele Wohmann oder einer Ruth Rehmann und vieler anderer kennt, bedarf es schon der genauen Lektüre und historischer Zusatz- und Hintergrundinformationen, um jene „Soziotope von explosiver Sprengkraft“, wie sie Friedemann Schmoll beschreibt, hier ausfindig zu machen. Bei allen feinen Rissen, die in den Pfarrhäusern erkennbar sein mögen, bleiben sie letztlich doch recht beschaulich, biedermeierlich idyllisch, brav und letztlich fromm. Von einer Kritik an den eigenen Verhältnissen, wie sie am Ende des Jahrhunderts der katholische Pfarrer und badische Erfolgsschriftsteller Hansjakob deutlich ausspricht, ist hier nichts zu spüren.

Titelbild

Ottilie Wildermuth: Schwäbische Pfarrhäuser.
Herausgegeben von Friedemann Schmoll.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2009.
158 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783940086570

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