Das Boot ist leer

Dietmar Dath schreibt mit „Deutschland macht dicht…“ ein Jugendbuch – oder auch nicht

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Jugendbuch von Dietmar Dath, dem vielleicht ambitioniertesten deutschen Gegenwartsautor? Das zumindest ist der erste Eindruck, der sich einstellt, wenn man sein neuestes Werk „Deutschland macht dicht“ in die Hand nimmt. Der Klappentext spricht von einem „politische[n] Bilderbuch“, das quadratische Format und das gezeichnete, dunkelhaarige Mädchen lassen an eine Graphic Novel denken. Aber wieder einmal gehen die Erwartungen am Text vorbei: „Deutschland macht dicht“ ist die Geschichte der jugendlichen Helden Hendrik Kilian, Rosalie Vollfenster und Clea Pinguin, die versuchen, ihren Weg in einer postapokalyptischen Welt zu finden und die Quelle der Verwüstung zu zerstören. Die Bundesregierung hat nämlich ernst gemacht mit einer Stammtischfantasie, die in Zeiten von Griechenlandkrise und Euro-Rettungsschirm wieder einmal lautet: Deutschland dicht machen.

Das geschieht hier jedoch nicht in Form einer simplen Grenzschließung und Wiedereinführung der D-Mark, sondern in einer physikalischen Katastrophe von einer Größenordnung, die man nur aus Katastrophenfilmen wie „Independence Day“ oder „2012“ kennt. Sämtliche Ausländer werden durch dieses Ereignis getötet, und im Verlauf des Textes gibt es stapelweise weitere Leichen, unter anderem den Bundeskanzler, der die „Involution“ des Landes angeordnet hatte. Kein Stein bleibt auf dem anderen, die Gebäude und Gegenden des Landes werden buchstäblich durcheinander gewirbelt. Begleitet vom sprechenden Stoffhasen Mandelbaum und dem ältesten Kommunisten Deutschlands (based on Ronald M. Schernikau?) kämpft sich das Trio schließlich in einer blutigen Schlacht zum Frankfurter Büroturm, in dem sich das Geld verschanzt, der eigentliche Verursacher des Desasters. Es kommt zum Zweikampf zwischen dem Geld und einem Erlöser, mit dem niemand mehr gerechnet hat.

Das ist spannend zu lesen, liebevoll von Piwi alias Christopher Tauber illustriert, und bordet vor Ideen über wie die meisten Bücher Daths: Hasen sprechen, Bäume singen, ein fanatischer Käse sprengt sich selbst in die Luft, ein Kunstwerk namens „Ohne Titel“ kann jede beliebige Form annehmen und obdachlose Ökonomen bewerfen einander mit Kies. Der Plot erinnert dabei weniger an traditionelle Jugendbücher mit klaren Botschaften, sondern orientiert sich an der Erzähllogik von Splatter-, Katastrophen- und Zombiefilmen. Das ist auch nichts Neues bei Dath, der immer wieder Elemente völlig verschiedener Literaturgattungen kombiniert: Bildungsroman, Science Fiction, Fantasy, Briefroman, Künstlernovelle, Essay, Gothic Novel, mathematisches Traktat sind nur einige der Versatzstücke, mit denen er in den letzten Jahren operiert hat. Das Ergebnis gibt ihm dabei meistens recht: es entstehen höchst anregende Hybridformen, die zugleich „Pop“ und große Literatur sind – anderswo längst üblich, im Land von Günter Grass, Martin Walser und Siegfried Lenz immer noch ein Minderheitenphänomen. In diesem Licht ist „Ohne Titel“ vielleicht auch als Daths Wunschporträt der eigenen Kunst zu lesen.

Dass hier über Leichen – zumal von Ausländern – manchmal wie nebenbei hinweggegangen wird, mag dem Unernst der zitierten Filmgenres entsprechen. Auf Papier wirkt es doch etwas seltsam, wenn sich die Figuren selbst vom Schicksal ihrer Familienmitglieder so gut wie unberührt bleiben. Am allzu märchenhaften Schluss kann, wer will, ebenfalls mäkeln. Aber man darf eben auch nicht vergessen, dass der Text eben keine traditionelle Jugendlektüre sein will, sondern ein „politisches Bilderbuch“ mit entschieden antikapitalistischer Botschaft, in dem das Gute wie selbstverständlich siegt, und das den wahren Seh- und Lesegewohnheiten von 14-17-Jährigen mehr entsprechen dürfte als so manches preisgekrönte Jugendbuch mit pädagogisch geprüfter Message. So gesehen, ist „Deutschland macht dicht“ vollauf gelungen.

Titelbild

Dietmar Dath: Deutschland macht dicht .
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
200 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421635

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