„Das Schreiben hat alles gelöst.“

Edgar Hilsenrath erzählt auf zwei CDs aus seinem Leben

Von Jana BehrendsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jana Behrends

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mehrere Sekunden Atemgeräusche. Dann erklingt eine raue und etwas brüchige Stimme: „Also, ich fang an. Ich heiße Edgar Hilsenrath, nich. Also ich heiße Edgar Hilsenrath, und wurde am 2. April 1926 in Leipzig geboren.“ Auch der Schlusssatz des Autors klingt reichlich unprätentiös: „Ok“, sagt Hilsenrath am Ende nur noch, und schon ist die zweite CD am Ende. Dazwischen erzählt der deutsch-jüdisch-amerikanische Schriftsteller Edgar Hilsenrath, der die Shoa in einem rumänischen Ghetto überlebt hat, seine Biografie.

Da fast ein ganzes Menschenleben aber nicht auf zwei CDs passt, kann der Autor natürlich nur von den wichtigsten Stationen berichten: Von der Kindheit in Leipzig und Halle, der Flucht vor den Nazis nach Rumänien in die Bukowina und der Verschleppung in das Ghetto von Mogilev-Podolsk. Er erzählt von der Befreiung aus diesem Ghetto, dem Aufbruch nach Palästina und der neuerlichen Zusammenführung seiner auseinandergerissenen Familie in Frankreich, von der Emigration in die USA und der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1975.

Hilsenrath erzählt von seinen Depressionen, die man mit Elektroschocks zu behandeln versuchte, seinen anfänglichen Schreibblockaden und den Problemen, die entstehen, wenn man seinem Vater nach zehn Jahren wieder begegnet. Er erzählt von Frauengeschichten, von der Suche nach ethnologischem Material über Armenien, von dem Leben in New Yorker Immigrantencafés, von dem Ärger mit deutschen Verlegern, seiner Liebe zur deutschen Sprache und von dem Schuldgefühl, mit dem Leben davongekommen zu sein. Die Hilsenrath’sche Schnoddrigkeit, sein Witz und seine Freude an Wortspielen und Formulierungen gehen dabei nicht verloren. Sie treten jedoch zugunsten einer leisen Ernsthaftigkeit und Melancholie in den Hintergrund.

Die erste CD ist ganz Edgar Hilsenrath und seinem Leben gewidmet, und auf der zweiten liest Ulrich Matthes passend ausgewählte Stellen aus seinen Romanen. Dabei werden nicht nur wichtige Texte wie „Nacht“, „Der Nazi und der Friseur“ oder „Das Märchen vom letzten Gedanken“ aufgenommen, sondern auch die von der Literaturwissenschaft, dem Feuilleton und der Leserschaft bislang eher missachteten Werk, wie etwa der Bukowina-Roman „Jossel Wassermanns Heimkehr“ oder Hilsenraths letztes Buch, „Berlin… Endstation“.

Während er erzählt, liest der Autor auch Einträge aus seinen Tagebüchern vor. „Tagebucheintragung, 14.Oktober 1941: 3 Transporte. Jeder trug zwei Hosen, Mäntel […].Viehwaggons, 50 bis 60 Menschen. Szenen vom Scheißen vor dem Zug. Apotheker Sternmi mit Frau vergiftet. Am Bahnhof Soldaten, trieben Menschen in die Waggons. Ohnmachtsanfälle, Paula Glatter und andere werden verrückt. Fahrt über Czernotz […]. Gefühl der Zusammengehörigkeit, träumend. […] Nächte kalt.“

Oder eine undatierte Tagebucheintragung, ebenfalls aus dem rumänischen Ghetto: „Immer deutlicher sehe ich den Schmutz um mich herum, Elend und die vielen Menschen. Von draußen blickt düstere Trostlosigkeit herein. Und langsam mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass das so bleiben wird. Etwas Drückendes, Schweres bleibt zurück.“

Hilsenrath litt seit dieser Verschleppung unter Depressionen, was sich im Ghetto insbesondere darin äußerte, dass er plötzlich nichts mehr verdauen konnte. Geringfügige Besserung verschaffte ihm die Möglichkeit, im Ghetto zu arbeiten. Aber auch nach der Auflösung des Lagers, und längst in Sicherheit bei seiner Familie in Frankreich, quälten ihn die Ängste und das Schuldgefühl weiter, als einer der Wenigen überlebt zu haben. Auch klappte das Schreiben noch nicht so richtig. Hilsenrath arbeitete hier bereits an seinem ersten Roman „Nacht“, sagt jedoch über die ersten Schreibversuche: „Ich schrieb wie besessen, aber alles was ich schrieb, taugte nichts.“ Erst durch das Lesen von Erich Maria Remarques Roman „Arc de Triomphe“ wusste er plötzlich, wie er seinen Ghetto-Roman schreiben will, und das, sagt Hilsenrath, habe ihn schließlich gerettet: „Das Schreiben hat alles gelöst, ich hatte keine Depressionen mehr und war geheilt.“ Dem hat er auch literarisch ein Denkmal gesetzt: Auch sein autobiografisch gefärbter Romanheld Bronsky aus „Fuck America“ betont mehrmals, dass er Schreiben muss, „um gesund zu werden“.

Traurig ist, dass von dem Geschriebenen zunächst kaum jemand etwas wissen wollte. „Über den Holocaust dürfe man keine Groteske und Satire schreiben, das geht nicht“, erzählt Hilsenrath von den ersten Reaktionen der deutschen Verlagswelt, die seine Bücher, in anderen Ländern längst millionenfach aufgelegt, lange mit zum Teil hanebüchenen Begründungen ablehnte – wohl aus Angst, als politisch inkorrekt zu gelten. Erst durch das Engagement von Helmut Braun und seinem Kleinen Literarischen Verlag konnten die Romane endlich veröffentlicht werden.

Doch nicht nur die deutsche ängstliche Verlegerzunft, sondern auch die Literaturwissenschaft hat sich, was Hilsenrath betrifft, lange dezent zurückgehalten; erst nach und nach erschienen insbesondere zu seinem spezifisch literarischen Humor einige Arbeiten. Kein Wunder – ist dies doch derjenige Aspekt, der die Presse insbesondere bei der Veröffentlichung von „Der Nazi und der Friseur“ am meisten polarisierte. So berichtete etwa der Stern mit spitzen Fingern von einer „Henkersballade, die mit dem Entsetzen Spott treibt“.

Zwar kam mit dem Döblin-Preis für „Das Märchen vom letzten Gedanken“ 1989 der Durchbruch auch in Deutschland zustande. Dennoch habe er hier nie die Anerkennung bekommen, die seine Bücher verdient haben, sagt der Autor, aber: „verbittert“ sei er „eigentlich nicht“. So erzählt er hörbar vergnügt, wofür er beispielsweise den Deutschen Hörbuch-Preis 2006 bekommen hat: „Für die beste Unterhaltung“, und an dieser Stelle geht seine Stimme in ein sprödes Lachen über, „komischerweise“.

So ist es nicht nur nötig, sondern auch längst überfällig, dass diese CD erschienen ist. Döblin-Preis hin oder her: Edgar Hilsenraths Werk wird bis heute, vielleicht aufgrund alter Ressentiments, immer noch eher schleppend rezipiert. Dabei ist er, wie Karl-Heinz Götze betont, einer der „wenigen bedeutenden deutschsprachigen Autoren der Gegenwart“ und gehört deutlich mehr gelesen, angehört und ausgezeichnet.

Titelbild

Edgar Hilsenrath / Gabriele Diedrich: Edgar Hilsenrath erzählt aus seinem Leben [Tonträger]. "Deutsch war nicht die Sprache der Nazis - es war meine Sprache".
Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte, Wiesbaden 2009.
134min, 19,50 EUR.
ISBN-13: 9783941289031

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