„Zeile um Zeile wächst die Weltsicht des Dichters“

Hannelore Kolbes Monografie zu Leben und Werk von Horst Lange bleibt unklar

Von Stephan RauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Rauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu einigen beinahe vergessenen Autoren der Generation „1900traurig“ ( Peter Huchel) wie etwa zu Wolfgang Weyrauch, Oda Schäfer und Ernst Kreuder sind in den letzten Jahren werkbiografische Studien erschienen, zu anderen wie zu Ernst Glaeser oder, etwas älter, Bruno E. Werner stehen sie noch aus. Nun hat Hannelore Kolbe eine Studie zu Horst Lange vorgelegt, die sich auf eine Aufarbeitung der Biografie während der Zeit des Nationalsozialismus und der Zeit unmittelbar danach konzentriert und diese dann mit den Texten und ihrer Rezeption in Beziehung setzt.

Wie den meisten dieser Autoren gelang auch Lange nach 1945 kein nachhaltiger schriftstellerischer Erfolg mehr, und wie andere Autoren aus diesem Umfeld hat auch Lange den großen, ästhetisch avancierten Zeitroman über den Nationalsozialismus, den auch er sich noch in der „Inneren Emigration“ vorgenommen hatte, nicht vorgelegt.

Hierin ist er vergleichbar mit seinem guten Bekannten Wolfgang Koeppen, zu dem Jörg Döring 2001 eine gründliche Arbeit vorgelegt hat, die mit der Feststellung schließt, Koeppen sei am Stoff seines Lebens gescheitert, da es ihm nicht gelang, nach dem Krieg von seinen Kompromissen und dem gelegentlichen Opportunismus zu erzählen: „Die Romanfigur, die er selbst war, ließ sich nicht finden – bis zuletzt“. So machen sich alle diese Arbeiten auf die Suche nach ihrer jeweiligen „Romanfigur“, dies in einem seit Längerem insgesamt milderen Erinnerungsklima als noch vor einigen Jahrzehnten, bei unschärferer Abgrenzung von Tätern und Opfern. Das Interesse an diesen Autoren speist sich sicherlich auch daraus, dass manche ihrer Romane und längeren Erzählungen seit Langem herumgeistern als unentwegte Geheimtipps außerhalb des Kanons, neben den nicht mehr wirklich geheimen von Wolf von Niebelschütz oder Hans Erich Nossacks „Der Untergang“ etwa Kreuders „Die Gesellschaft vom Dachboden“, Bruno E. Werners „Die Galeere“ oder eben auch Horst Langes Roman „Schwarze Weide“ aus dem Jahr 1937, den Gottfried Benn, Koeppen und andere für eine der ganz wenigen, wenn nicht die einzige literarische Aussage von bleibendem Wert aus der Zeit des Nationalsozialismus hielten und auf den der Maler Neo Rauch (in einem („Zeit“- Gespräch mit Uwe Tellkamp) zuletzt wieder aufmerksam gemacht hat.

Gleich an zwei Stellen zitiert Hannelore Kolbe die Frage von Langes Freund Jürgen Eggebrecht aus der Grabrede: „Ein langsam zerstörter Mensch! Woran lag das?“ Das erklärte Ziel ihrer Arbeit ist, einer Antwort auf diese Frage näherzukommen und zugleich Horst Langes Nachkriegstexte und „die Gründe für seinen ungewollten Rückzug an den Rand des literarischen Lebens aufzudecken“. Dazu möchte sie abwechselnd Biografie und Texte in chronologischer Abfolge darstellen und so dem Vergessen entreißen.

Und tatsächlich hat es der Stoff dieses Lebens in sich. So vermitteln die Erinnerungen von Langes Frau Oda Schäfer ein immer noch sehr lesenswertes, lebendiges Bild von Berliner Künstlerkreisen in den ersten Jahren des Nationalsozialismus und auch von der Entstehung der „Schwarzen Weide“. Einige Zeit nach seinem ersten Roman wird Lange eingezogen, und seit der Edition der Kriegstagebücher durch Hans Dieter Schäfer kann man sich ein, allerdings wohl nur sehr ungefähres, Bild von den Gräueln machen, die der Autor während des Überfalls auf die Sowjetunion erlebt haben muss: Vieles lässt sich nur mutmaßen, etwa wenn er am 15.10.41 in Wjasma in einem Satz am Rande schreibt: „Aber Juden sind hier wohl nicht mehr am Leben.“ Noch im NS publiziert Lange mit den „Leuchtkugeln“ zwei Erzählungen über den Krieg im Osten. Die Titelerzählung soll noch 1945 verfilmt werden, deshalb gelingt es Lange und seiner Frau Oda Schäfer, sich aus Berlin nach Bayern aufs Land zurückzuziehen. Später werden die „Leuchtkugeln“ zwar von der Sowjetverwaltung auf den Index gesetzt, gleichzeitig aber teilt Peter Huchel (Ostberlin) seinem Freund Lange (München) 1949 mit, der Vertreter der sowjetischen Militärverwaltung Tulpanow schätze das Werk wegen der „menschlichen Darstellung des russischen Volkes“. Huchel versucht, Lange zur Übersiedlung nach Ostberlin zu überreden. Alfred Döblin wiederum beruft Lange 1950 in seine Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Um es abzukürzen – in vielfacher Hinsicht hat Hannelore Kolbe den Untertitel ihrer Studie: „Ein Autor im Zwischenreich“ mit gutem Grund gewählt. Bewegte sich Lange doch zwischen Liegnitz und der Metropole Berlin, zwischen Anpassung und Aufmucken, zwischen Ostberlin und Döblin, zwischen postexpressionistischer Moderne, Faulkner- und Joyce-Lektüre und literarischen klassizistischen Ordnungsfantasien.

Bald nach dem Krieg beginnt Horst Lange einen Zeitroman, der erst 1954 unter dem Titel „Verlöschende Feuer“ erscheint und eine Liebesgeschichte zwischen einem kriegstraumatisierten Wehrmachtssoldaten und einer jungen Frau aus Schlesien in den letzten Kriegsjahren in Berlin während des Bombenkriegs erzählt. Mit diesem Roman aber gelingt ihm der Anschluss nicht mehr, Lange verstummt, von einigen Gedichten abgesehen, und lebt die nächsten fast zwanzig Jahre für seine Umwelt anscheinend oft beklemmend unglücklich bis zu seinem Tod 1972 als Autor, dem zwar gelegentlich noch Preise zuerkannt werden, der aber keinen längeren Prosatext mehr publiziert.

„Ein langsam zerstörter Mensch! Woran lag das?“ Am Ende von Hannelore Kolbes Arbeit gibt es dazu weder Antworten noch offene Fragen, sondern eine Auflistung von „Konstanten und Varianten in den Texten Horst Langes“. Diese verweisen auf den großen Einfluss, welchen das „Soldatische“ und der „Osten“ in Langes Leben und Texten gespielt habe, referieren einige Überlegungen zu seinem Frauenbild, und erwähnen noch einmal die vermutlich schrecklichen Kriegserlebnisse Langes (die doch an keiner Stelle in Kolbes Buch konkretisiert werden). Die Zusammenfassung schließt mit den Worten: „Diese Beispiele aus den unterschiedlichen Textquellen zeigen, dass sich Lange inhaltlich stets auf Bekanntem seines Milieus bewegt. Befasst man sich intensiver mit den Werken, entdeckt man viele Details, die mehrfach verwendet worden sind.“

Neben der auch sonst häufig recht unbeholfenen sprachlichen Gestaltung der ganzen Arbeit (bei Flüchtigkeiten an anderen Stellen wie falschen Seitenzahlen im Register oder auch Unbeholfenheiten wie der Darstellung von zeitgeschichtlichen Hintergründen anhand von Wikipedia) ist dieses Fazit-Kapitel symptomatisch für Kolbes Studie. Weder die Relektüren von Langes Texten noch die Darstellung der Biografie sind von einem erkennbaren, auf die Ausgangsfrage hin orientierten Erkenntnisinteresse gesteuert.

Dabei reihen sich bei der Darstellung von Langes Texten Inhaltswiedergaben, Auszüge aus seinen Tagebüchern, einige Rezeptionsergebnisse und nicht plausibel gemachte mögliche Einflussfaktoren wie etwa Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ aneinander; der Kontextualisierung im zeitgenössischen literarischen Feld der (bundesdeutschen) Nachkriegsliteratur dienen wenig nachvollziehbare Vergleiche mit Texten von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und anderen, ohne dass erkennbar wäre, was mit diesen Vergleichen eigentlich gezeigt werden soll, außer dass diese Texte eben erfolgreicher waren.

Was die Darstellung der Biografie angeht, bringt Kolbe eine Reihe von Zitaten aus dem Nachlass, vor allem aus Langes Tagebüchern – auch hier aber fehlt eine Ausrichtung auf eine mögliche Beantwortung der Ausgangsfrage. Spannend wäre es sicherlich gewesen, die Tagebücher Langes aus dem Zweiten Weltkrieg (wie auch unveröffentlichte Materialien aus dem Nachlass, aus dem Kolbe doch ausgiebig zitiert) in Beziehung zu seinen im und nach dem „Dritten Reich“ veröffentlichten Erzähltexten über ,seinen‘ Weltkrieg zu setzen. Wie Kolbe zurecht anmerkt, fehlt bislang gerade für das 1954 veröffentlichte „Verlöschende Feuer“ eine sorgfältige Analyse.

Kolbes Untersuchung geht aber leider über die Referierung des Inhalts und der Rezeption nicht hinaus, eine Analyse des Romans, von der aus vielleicht eine Antwort auf ihre Ausgangsfrage zu erwarten gewesen wäre, findet nicht statt. Ebenso wenig bezieht Kolbe in ihre Studie neuere, sehr viel genauere Lektüren von Langes Texten wie etwa die von Hilgart oder Streim in ihre Überlegungen mit ein. Sie versucht auch nicht, ihre Überlegungen mit größeren Debatten, wie der von Hans-Dieter Schäfer angestoßenen Frage nach der Herkunft der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur aus der Literatur des „Zwischenreichs“ von Autoren wie Lange (den Schäfer ausdrücklich als Kronzeugen anführt) oder auch der von W.G. Sebald angestoßenen Debatte über die angebliche Leerstelle in der Darstellung des Bombenkriegs in der Nachkriegsliteratur zu stellen, obgleich doch Volker Hage in seinem ‚Antwortkatalog‘ von Texten damals auch Langes „Verlöschende Feuer“ anführt. Stattdessen illustriert diese Arbeit einen Prozess, den man sich anscheinend so vorstellen soll: „Zeile um Zeile wächst die Weltsicht des Dichters.“ Das hat dieser immer noch lesenswerte Autor mit seiner nach wie vor anrührenden und offenkundigen Verzweiflung nicht verdient. Da müsste jemand noch einmal den Nachlass sichten und zielstrebiger, genauer hinschauen, lesbarer und zugespitzter analysieren.

Solange das nicht der Fall ist, bleibt Lange in der öffentlichen Wahrnehmung, für die etwa die Links im entsprechenden Artikel von Wikipedia stehen können, fest im Griff heimatvertriebener oder neukonservativer Diskurse um die Rettung schlesischer oder deutscher „Dichtung“ im „Dritten Reich“. Für den hohen biografischen Preis aber, den Lange für seine Texte bezahlte, ist sicher nicht eine hegemoniale, verständnisfeindliche linke oder antirechte Öffentlichkeit verantwortlich, diesen Tribut entrichtete er in einem „Zwischenreich“, aus dem er wie andere auch unbeschädigt nicht mehr herauskam. Wie nicht, warum nicht, das bleibt in Kolbes Studie völlig unklar.

Titelbild

Hannelore Kolbe: Horst Lange - Leben und Werk. Ein Autor im Zwischenreich.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2010.
315 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783895287763

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch