Zu Besuch bei Freunden

Katharina Hackers Roman „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ porträtiert die Generation der Mittvierziger

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wieviel Einsamkeit erträgt das Glück? Und wieviele Enttäuschungen? Wer die Vierzig überschritten hat, dem sind schon zuviele Träume geplatzt. Auch Alix, Anton, Bernd und Jan schwanken zwischen Hoffnung und Melancholie. Mit diskreter Zurückhaltung erzählt uns Katharina Hacker von ihnen bereits 2009 in ihrem Roman „Alix, Anton und die anderen“.

Die vier Freunde bilden eine lose Lebensgemeinschaft. Anton ist Arzt mit eigener Praxis und sehnt sich nach einem späten Familienglück, an dessen Erfüllung er aber immer weniger glauben kann. Auch Jan betreibt eine Praxis, mit psychoanalytischer Ausrichtung. Er ist mit Alix verheiratet, die unter labilen Zuständen leidet und fernste Stimmen zu hören vermag, die anderen nicht zu Ohren kommen. Bernd schließlich hat eine Buchhandlung, und seit sein Freund ihn verließ, ist auch er auf verzagter Suche nach Zweisamkeit. Im Kreis ihrer Wahlverwandtschaft finden sie Entlastung von ihren Nöten. Sie besuchen einander häufig und treffen sich regelmäßig zum Essen mit Alix’ Eltern Clara und Heinrich. Neuerdings gehen sie zu einem Vietnamesen.

Mit zunehmendem Alter verlieren sich Lebensoptionen. Anton spürt am eigenen Leib, dass dabei nicht die Leere zum Problem wird, „sondern im Gegenteil diese zunehmende Begierde, diese Neugierde, diese ängstliche Liebe“, die jedoch auf „eine verrückte Weise“ abstrakt bleibt. Vielleicht hat letzteres auch damit zu tun, dass er wie seine Freunde kinderlos geblieben ist. Clara und Heinrich würden sich liebend gerne Enkel wünschen – wie auch Antons Eltern –, doch Alix und Jan liegt dieser Gedanke sonderbar fern. Ja selbst Clara ertappt sich beim verräterischen Gedanken, dass sie, könnte sie ihr Leben nochmals leben, kinderlos bleiben würde. So verströmt diese kleine urbane Gemeinschaft einen sonderbaren Hauch von Endzeit, von Vergeblichkeit. „Die Emotionen, die ein eigenes Kind forderte, brachte er nicht gerne auf“, grübelt Jan. Pendelnd zwischen Melancholie und Zufriedenheit, zwischen Leere und Gleichmut erfüllt sich, was Clara bilanziert: „Das Leben war vielleicht nicht glücklich geworden, aber lebbar.“

Trotzdem lastet die Einsamkeit über ihnen wie der tiefhängende Winterhimmel. Anton und Bernd haben es zunehmend satt, nach der Arbeit in eine leere Wohnung heimzukehren; Jan und Alix dagegen wissen ebenso wie Clara und Heinrich oft nicht recht, was sie zu zweit (noch) aneinander haben. Alles rutscht sachte aus dem Wunschideal heraus – lediglich die gemeinsamen Stunden im Freundkreis hellen die Melancholie auf.

Das alles klingt im Grunde sehr traurig, erhält aber in Katharina Hackers Handschrift eine sanfte Genauigkeit und Tröstlichkeit, die uns an diesem Buch teilhaben lässt, als wären wir zu Besuch bei Freunden. Dies trifft insbesondere auf das letzte Kapitel zu – der Frühling hat inzwischen die düstern Wintertage vertrieben und den brüchigen Lebensmut neu gestärkt. „Auf einmal ist genug für alle da“, denkt sich Anton – noch bevor er aus Unvorsicht eine Radfahrerin über den Haufen rennt und seinem Leben möglicherweise eine Wende gibt. Anton verliebt sich in Lydia.

Es ist im Grunde eine kleine Welt, die Katharina Hacker mit sanfter Empirie ausforscht, doch ihre freundlichen, zugleich unstabilen Helden repräsentieren ein Generation, die mit idealistischen Lebenswünschen angetreten ist und ohnmächtig mitverfolgt, wie diese folgenlos zerrinnen. Damit müssen sie erst einmal klar kommen. Hacker beschreibt es mit verblüffender erzählerischer Ökonomie. Sie zieht die feine Anspielung der langen Rede vor. Mit ihrer unspektakulären, von Zuneigung geprägten Erzählweise bringt sie uns ihre Figuren nahe. Zu Freunden hält man auch in schlechten Tagen.

Äußerlich zeichnet sich „Anton, Alix und die anderen“ dadurch aus, dass das Buch in zwei Spalten gesetzt ist – was bei Erscheinen besonderes Aufsehen erregte, weil das eher ungewöhnliche Layout zum Bruch zwischen Autorin und Verlag führte. Katharina Hacker wollte beide Spalten gleichberechtigt nebeneinander stehen haben, der Verlag aber pochte darauf, dass die äußere Spalte – einer Randglosse ähnlich – in kleinerer Schrift gedruckt wurde.

Die Zweispaltigkeit führte auch in der Kritik zu zwiespältigen Urteilen. Über Sinn oder Unsinn ist nicht zu streiten, solange die Autorin den beiden Spalten eine Funktion zuweist. Im Haupttext erzählt Bernd beispielsweise aus der Ich-Perspektive, am Rand ergänzt von hintergründigen Schilderungen aus der Außensicht durch die allwissende Erzählerin. Das mag den einen bemüht originell erscheinen – tatsächlich muss man als Leser einen Modus finden, wie die beiden simultanen Spalten bei der Lektüre zusammenfinden. Andererseits kann die Aufspaltung der Erzählperspektive durchaus Mehrwert erzeugen, indem sie Innen- und Außenperspektive miteinander verbindet oder einen eigenen parallelen Erzählstrang begründet, dem man unvermittelt zu folgen beginnt und darob die Kernerzählung für Momente vergisst. Vollauf gelungen erscheint das Experiment hier aber trotzdem nicht. Die Randspalte ist in sich heterogen und allzu variabel gestaltet. Mal vermittelt sie ergänzende, öffnende Informationen, mal legt sie unfreiwillig marginalisierte Erzählspuren. Diese Vielfalt erzeugt im Endeffekt den Eindruck eines leichten Schwankens, so dass diesem Element die letzte Überzeugung abgeht. Die intime Erzählatmosphäre wird dadurch aber ebensowenig gestört wie durch die etlichen kleinen Unsauberkeiten im Text, die eigentlich weglektoriert gehörten.

„Anton, Alix und die anderen“ ist ein Buch über Ängste, Illusionen, Träume sowie über die schmerzlich schwindenden Ansprüche ans Glück – traurig und dennoch tröstlich beschattet. Freundschaft hilft über die Einsamkeit hinweg. Das Nachfolgebuch „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ nimmt nun die Frage nach dem Glück und der Einsamkeit auf und spitzt sie zu. Katharina Hacker lässt darin das Experiment mit den zwei Spalten bleiben – ob aus mangelndem Vertrauen, oder um eine Differenz zu betonen, bleibt offen. Sie erzählt ganz in auktorialer Rede und variiert dabei subtil die einzelnen Figurenperspektiven.

Ins Zentrum rückt Antons Sehnsucht nach einem Ende seiner lähmenden Einsamkeit. Lydia ist fast so alt wie er und ebenfalls Ärztin. Wenn auch mit Zurückhaltung, scheint sie Antons Zuneigung anzunehmen, doch das Glück ist bedroht durch lauernde Gefahren, die in der grauslichen Zerstörung eines Erdbeerfeldes gipfeln werden.

Da ist einerseits Antons Mutter, die unter akuter Demenz leidet. Dieses Frühjahr hat sie erstmals vergessen, Erdbeeren zu pflanzen. Was sollte ein Frühling ohne die geliebte Marmelade? Anton behilft sich damit, dass er bei einem Bauern ausgewachsene Beerenstauden kauft und auf Mutters Acker umpflanzt – wider Erwarten scheint dies zu geraten. Dennoch bleibt die Mutter verzweifelt, weil sie sogar vergisst, dass sie die Erbeeren vergessen hat. Voller Unruhe und Angst spürt sie, dass ihr das Leben entgleitet. Dieser unwiederbringliche Verlust trifft auch Anton, der als Arzt die Krankheit illusionslos diagnostiziert und als Sohn erahnt: „unbeschadet würde in seinem Leben nichts mehr sein“. Die Besuche bei den Eltern sind quälende Konfrontationen mit der Flüchtigkeit des Glücks.

Einen anderen Verlust tarnt Lydia unter ihrem geordneten Leben als alleinerziehende Mutter und Ärztin. Es ist noch nicht lange her, als sie ihr Leben im Suff zu ertränken drohte. Damals wurde sie von Rüdiger, einem Ex-Legionär, ausgehalten und beschützt. Doch die Geburt der gemeinsamen Tochter Rachel half Lydia wieder auf die Beine. Rüdiger blieb als unnütze Krücke zurück. Martin aber, sein kleinwüchsiger Freund aus Legionstagen, machte es sich zur Pflicht, über Lydia zu wachen. Deshalb verfolgt er auch Anton bis ins Dorf seiner Eltern – ja bis auf Mutters Erdbeerfeld. Hier überschlagen sich schließlich die beiden Konflikte – gewissermaßen in einem Stellvertreterkrieg: Schnecken fallen zu Hunderten über die reifen Früchte her und ruinieren die Ernte. Den Tumult aus Schleim und Gier schildert Katharina Hacker mit köstlicher Widerwärtigkeit: „Aber das Widerliche an diesen Tieren war zweifellos, dass sie so wahrnehmungslos waren, auf entsetzliche Weise lebendig und abgeschnitten von allem, was das Leben ausmachte.“

„Die Erdbeeren von Antons Mutter“ mutet vordergründig noch trauriger an als das vorangegangene Buch, auch wenn sich eine schöne, echte Liebesbeziehung darin entwickelt. Die präzisen Schilderungen der Demenz gehen unter die Haut. Eine schwarze Melancholie grundiert das Buch. Nichts ist einfach verloren, doch es braucht übermenschliche Kraft und Lebensmut, um sich dem Sog der Vergänglichkeit, der Enttäuschung und der Trostlosigkeit zu entziehen. „Man sah nicht voraus, wie die Sache lief, auf einmal war endgültig erledigt, was man sich vorgestellt hatte.“ Der Glaube seiner Eltern, dass man ein Leben doch habe, „damit man es weitergibt“, steht Anton zwiespältig gegenüber. Das Leben als Staffellauf, was für eine widerwärtige Idee – und dennoch: Wie würde er Lydias Tochter lieben! Katharina Hacker macht nicht viele Worte. Mit feinen, aufmerksamen Strichen bettet sie ihre Figuren in ein intensives Generationsporträt der Mittvierziger ein, deren Leben nicht verloren ist, deren Möglichkeiten aber schwinden. Das ist feinste Erzählkunst! Aus diesem Geist heraus gewinnt ihr intimes Buch an Größe.

P.S.: Eine kleine Unschärfe bleibt freilich auch hier bestehen: Handelt es sich bei diesem Buch nun – wie auf www.katharinahacker.de nachlesbar – um die im Herbst 2009 angekündigte eigenständige Novelle oder bereits um ihre für später in Aussicht gestellte Fortschreibung? Der Mord im vietnamesischen Restaurant, der bisher nur auf der Webseite als gedachte Fortsetzung nachzulesen ist, ist in den „Erbeeren von Antons Mutter“ jedenfalls bereits Gegenstand von Erörterungen.

Titelbild

Katharina Hacker: Die Erdbeeren von Antons Mutter.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
174 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783100300645

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
125 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421277

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch