Wegweiser durch ein kaum erschlossenes Werk

Die Zeitschrift „ARGOS“ fördert die Beschäftigung mit Peter Hacks

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 2008 wurde der 80. Geburtstag und fünfte Todestag des Dichters Peter Hacks begangen. Bei aller medialen Aufmerksamkeit, die Person und Werk angesichts dieser Doppelung erfuhren, stellte sich doch die Frage, ob sich der neue Ruhm des Autors würde festigen können. Ein wichtigen Beitrag dazu leistet die bisher zweimal und zukünftig dreimal jährlich erscheinende Zeitschrift ARGOS, die laut Untertitel „Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks“ bringt.

Die 2009 erschienenen Hefte 4 und 5 beeindrucken durch die Vielfalt der Beiträge und Positionen. Der Herausgeber und Verleger André Thiele bezieht zwar innerhalb der Diskussionen um Hacks eine klare und exponierte Meinung: Hacks sei von seinen Anfängen an Klassiker gewesen, orientiert an Goethe, ein Dichter der Mitte und idealiter der deutsche Nationalautor der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dass Hacks sich während einiger Jahre an Brecht orientierte, sei nur als kurzfristige Abweichung von einem eigentlich schon zuvor gewonnenen Erkenntnisstand anzusehen. Doch kommen in ARGOS auch Autoren zu Wort, die Hacks dezidiert als politischen und sozialistisch-parteiischen Dichter lesen. Zudem betreibt ARGOS keine Hagiografie, sondern es werden Grenzen von Hacks’ Weltsicht angesprochen, etwa wenn sich im Heft 5 Rainer Neuhaus mit Hacks’ großem und identifikatorischem Voltaire-Essay befasst und benennt, welche Aspekte Hacks in seiner Interpretation ausblendete.

Dass verschiedene Meinungen zu Wort kommen, bedeutet keine inhaltliche Beliebigkeit. Vielmehr wird sehr deutlich gestritten. In Nr. 4 kommt eine Debatte zum Abschluss, die in Nr. 2 mit Beiträgen von Ingo Way und Michael Mandelartz begann. Hatte Way zu zeigen versucht, dass in Hacks’ Werken der Kapitalismus zuweilen als durchaus produktiv gewürdigt werde, deutete Mandelartz das Drama „Pandora“, in dem Hacks Goethe fortschreibt, als industriefeindliche Dystopie. Jens Mehrle hatte in der folgenden Ausgabe, nahe an Hacks’ Selbstverständnis, das Werk wieder in den Rahmen einer sozialistischen Fortschrittsüberzeugung gestellt. Erwartbar genug, wehren sich die beiden Angegriffenen. So gegensätzlich ihr Hacks-Bild ist, so einig sind sie sich darin, Mehrle eine inquisitorische Verengung der Interpretation vorzuwerfen. Diese Abwehr wäre noch überzeugender gewesen, hätte sie sich gegen die Argumentation statt gegen den sprachlichen Gestus Mehrles gerichtet. Von Mehrle stammt übrigens einer der überzeugendsten Beiträge in Nr. 5, eine literatur- und gesellschaftsgeschichtliche Verortung von Hacks’ kürzlich publiziertem Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger.

Eine weitere Debatte betrifft die vereinzelt erhobenen Antisemitismusvorwürfe gegen Hacks. Daniel H. Rapoport geht in Nr. 5 dieser Frage ausführlich nach und weist die Anschuldigung zurück. Der Beitrag ist zwar theoretisch eher schwach fundiert, insofern Rapoport ethnische Zuschreibungen etwas eindimensional als Selbstauskunft von Menschen begreift und dabei zweierlei vernachlässigt: Erstens, dass die Selbstauskunft der Akzeptanz bedarf (ein rassistisch diffamierter deutschnationaler Jude fragt sich irgendwann wahrscheinlich doch, ob er wirklich den Deutschen angehört); und zweitens, dass ethnische Selbstauskunft notwendig und stets ausgrenzt, denn deutsch zu sein, jüdisch zu sein, hat eben nur dann Inhalt, wenn es das Nichtdeutsche beziehungsweise Nichtjüdische gibt.

Wo es aber um die DDR geht, überzeugt Rapoports Darlegung. Hacks musste das Ethnisch-Jüdische nicht eigens thematisieren, weil es im Staatsbürgerlichen aufgegangen war. Die Verfolgung der Juden ist nicht, wie die Gegner meinen, eine „Leerstelle“ in Hacks Werk. Gemessen an Hacks’ Anspruch sind solcherlei völkische Streitigkeiten primitiv. Was dagegen zählt, ist der kalte Bereich der staatspolitischen Konflikte. Man kann gespannt sein, was Ingo Way in der bereits angekündigten Nr. 6 darauf antworten wird.

Wo es für Hacks um den Staat geht (und damit um eine abstrakte Ordnung, die im Idealfall der Vernunft zugänglich ist), da kann es doch in der Außensicht als besonders deutsch erscheinen. Die ausführlichen Notate des seit zwanzig Jahren in Deutschland lebenden Amerikaners Thomas Stough zeigen eine allmähliche Annäherung an einen ihm zunächst als fremd erscheinenden Dichter. So interessant eine Lesart von Hacks’ Werken ganz ohne Vorwissen sein mag – der Text kommt doch gar zu ausführlich daher. Manche der Witze sind nicht so gut, dass Stough sie mehrfach wiederholen müsste (etwa dass Hacks „Adam und Eva“ nur geschrieben habe, um in den Szenen vor dem Sündenfall den nackten Hintern der Schauspielerin zu sehen). Zuweilen sind die Abschweifungen des extremen Liberalisten Stough eigentümlich: Seitenlang ärgert er sich über den europäischen Wohlfahrtsstaat, darüber, dass die Leute zu viel bezahlten Urlaub hätten und dass Deutschland die letzte Bastion eines bürokratischen Kommunismus sei. Vielleicht sollen derartige Übertreibungen auch selbstironisch sein; auf jeden Fall ist die Chance zu einer ernsthaften und ernstzunehmenden Erörterung vertan, ob sich etwas spezifisch Deutsches an Hacks fassen lässt.

Doch gibt es in allen Jahres- und Halbjahresschriften Beiträge sehr unterschiedlicher Qualität. Da lässt es sich verschmerzen, wenn Ettore Ghibellino in einem wenig strukturierten Aufsatz nicht nur wieder seine These vertritt, Goethe habe in seinem ersten Weimarer Jahrzehnt Charlotte von Stein nur benutzt, um seine Beziehung zur Herzogin Anna Amalia zu tarnen. Er stellt auch wiederholt die Frage, ob Hacks’ Monodrama über die Frau von Stein überhaupt noch gespielt werden könne. Eher ja – so lautet die unklare Antwort, weil Ghibellino einerseits ganz richtig das Historische als Metapher für die Gegenwart erkennt. Aber irgendwie soll es doch kommentiert werden, irgendwie bleibt Ghibellino auf seine (umstrittene) Version des Realen fixiert.

Hacks schätzte das Historische, als Material für die Kämpfe seiner Gegenwart. Wenn sich heute eine neue Sicht auf die geschichtlichen Gegebenheiten ergibt, ist das für die Interpretation der Werke nicht relevant. Der ganze Aufsatz arbeitet sich an einer Scheinfrage ab; viel ergiebiger ist in derselben Nr. 5 der Beitrag von Ursula Heukenkamp, die nicht nur wesentliche Momente der Klassik- und Romantik-Rezeption Hacks’ herausarbeitet, sondern diese auch in den kulturpolitischen Kämpfen der DDR verortet. In den letzten beiden Jahrzehnten der DDR fand weniger ein Kampf der Bürokratie gegen die Künstler statt als ein Kampf der Künstler untereinander. Dabei setzten sich die Anhänger der Romantik durch. Während sie einen Klassiker wie Hacks schon lange vor der Maueröffnung an den Rand drängten, stellen sie sich bis heute als Opfer der DDR dar.

Es ist historisch neu, dass die angemaßte Opferposition Lorbeerkränze verspricht; die Romantikvertreter in der DDR-Literatur, allen voran Christa Wolf, schlagen daraus bis heute symbolisches Kapital. Heukenkamps Verdienst besteht vor allem darin, die innerliterarischen Machtverhältnisse vor 1989 genau nachzuzeichnen. Dabei fragt sie auch nach dem Nutzen von Hacks’ antiromantischen Interventionen. Tatsächlich gelang es Hacks nicht, eine eigene Partei zu schaffen, sondern seine eben nicht machtgestützten Zuspitzungen hatten kaum mehr als die ungewollte Wirkung, die Gegenpartei mit einem stabilisierenden Feindbild zu versorgen.

In Nr. 4 zeigt insbesondere der Beitrag von Felix Bartels die Vorzüge einer Interpretation nahe am Text; gerade die in jedem Detail fein motivierten Dramen, von der Literaturwissenschaft bislang wenig beachtet, bieten in dieser Hinsicht noch ein weites Arbeitsfeld. Bartels wendet sich mit „Numa“ einem für Hacks’ politische Theorie besonders wichtigen Werk zu. Es spielt in einer fiktiven „sozialistischen Republik Italien“, in der jedoch antike Mythenwesen sich ebenso selbstverständlich bewegen wie es einen unverkennbar deutschen Ort namens Klobbicke gibt. In dieser vielschichtigen Welt werden zentrale Probleme des Sozialismus verhandelt: das konflikthafte Verhältnis zwischen dem Anspruch auf Gleichheit und der Notwendigkeit, jenen Reichtum zu produzieren, der Voraussetzung des Sozialismus ist; damit auch der Notwendigkeit, Anreize für Produktivität zu setzen; und die Position von Staat, Partei und der Fraktionen innerhalb der Partei in diesem Widerspruch.

Überzeugend zeigt Bartels Hacks als marxistischen Denker, der sich von allen utopistischen Momenten distanziert, die sich bei Marx und Engels auch finden. Die genannten Widersprüche werden niemals ganz verschwinden, sie dürfen auch nicht durch einen mühsamen Kompromiss überdeckt werden. Vielmehr sind sie durch eine der Gesellschaft übergeordnete Instanz produktiv zu machen. Schon in der ersten, um 1971 entstandenen Fassung des Dramas und noch deutlicher in der viel späteren Überarbeitung 2002 zeigt Hacks die persönliche Diktatur Numas als Lösung. Der Staat steht über der Gesellschaft, soviel ist klar. Doch schließt sich die Frage an, wie das geniale Individuum zum Staat steht (denn ein solches ist nötig, um das prekäre Gleichgewicht aufrechtzuerhalten).

Die fast stets lesenswerten Aufsätze werden zum einen durch einen Rezensionsteil ergänzt, der Publikationen von und zu Hacks, aber auch zu seinem Umfeld kenntnisreich und in erfreulicher Ausführlichkeit vorstellt. Zum anderen bringt jedes Heft Texte „Aus dem Archiv“, in Nr. 5 ausnahmsweise zwei elegante Kindergeschichten von Hacks’ Frau Anna Elisabeth Wiede, in Nr. 4 Hacks’ frühes Kinderstück „Wiese, grüne Wiese“ von 1957. Den Geschichten wie dem Stück ist gemeinsam, dass nicht primitiv gekindelt wird: Die Sprache ist so sorgsam wie anspruchsvoll gewählt. Die Kinder mögen ihren Spaß haben, der ganze Reichtum an Bezügen ist indessen nur Erwachsenen zugänglich, und unter ihnen den Gebildeten. So tritt bei Hacks ein zuerst stolzer Ameisenlöwe auf, der aber schließlich resigniert lernen muss, dass nicht er der Löwe und König der Tiere ist. Er trägt den Namen Demetrius, wie Friedrich Schillers Anwärter auf den Zarenthron, der zu spät begreift, dass ihm die Legitimation fehlt. Kein Kind weiß etwas über Schillers Dramenfragment – Hacks Werke für Kinder funktionieren, wie sich auch an diesem bislang unbekannten Beispiel erweist, auf ganz verschiedenen Ebenen. Einmal mehr zeigt sich „ARGOS“ als Wegweiser durch ein bislang weitgehend unerschlossenes Werk.

Titelbild

Argos. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks. Viertes Heft, März 2009.
Verlag André Thiele, Mainz 2009.
141 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783940884244
ISSN: 1865049X

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Argos. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks. Fünftes Heft 2009.
Verlag André Thiele, Mainz 2009.
230 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783940884251

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