Späte, aber tödliche Erkenntnis

Zu Sabine Thieslers Thriller „Menschenräuber“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Anfang des Romans wird ein Kind aus einem Krankenhaus entführt. Der Leser erhält keine weiteren Erklärungen. Man beginnt zu lesen, liest noch weiter – und kein weiterer Mensch wird geraubt, das Geschehen nicht erklärt. Warum heißt das Buch „Menschenräuber“? Eine gewisse Neugier erfasst den Leser, Thieslers Geschichte auf die Spur zu kommen. Dabei macht sie es einem nicht besonders schwer. Den Hintergrund für die Story liefert die junge Kunststudentin Giselle. Sie verunglückt bei einem Autounfall. Ihr Vater Jonathan kommt mit dem Verlust nicht zurecht. An seiner Unfähigkeit zu trauern scheitert auch seine Beziehung zu Jana. Alkoholismus, Depression und nachfolgende Verwahrlosung begleiten seinen konsequenten Absturz. Weder sein Frau noch seinem sozialen Umfeld gelingt es, diesen persönlichen Verfall aufzuhalten. Ohne Perspektive und völlig verzweifelt setzt sich Jonathan in sein Auto und verlässt ohne Ziel und Motivation Deutschland Richtung Süden.

In Italien fährt er ziellos von Ort zu Ort, bis er in der Toskana bei dem Ehepaar Ricardo und Amanda und deren blinder Tochter Sofia in einer abseits gelegenen Ferienwohnung landet. Ursache für seine Entscheidung, in der Toskana zu bleiben, ist die Ähnlichkeit Sofias mit seiner verstorbenen Tochter Giselle. Jonathan beginnt mit Sofia eine Beziehung und heiratet Sie. Allerdings ist er nicht in der Lage, mit Sofia zu schlafen, da sie wie seine Tochter aussieht. Gleichzeitig baut Jonathan die heruntergekommenen Ferienunterkünfte aus und schafft über die Vermietung an deutsche Touristen eine solide Lebensgrundlage für sich, Sofia und ihre Eltern. Die Situation eskaliert, als deutsche Feriengäste auftauchen, die in der Vergangenheit mit verantwortlich für den Tod von Jonathans Tochter waren.

Dreihundertsiebzig Seiten weiter kennt man die Vorgeschichte für die Entführung in der Einleitung. Thiesler macht es spannend. Warum raubt jemand ein Kind? Dabei bleibt der Roman relativ lange bei der Vorgeschichte, schildert intensiv die Nebenfiguren und schafft dadurch eine Atmosphäre, in der auch die Täter Mitleid und Verständnis erfahren – von der Autorin ebenso wie vom Leser. Eine seltsame, eigentlich ruhig vor sich hinplätschernde Geschichte, mit einigen Verlierern und einem seltsamen Happy-End.

Titelbild

Sabine Thiesler: Der Menschenräuber. Roman.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2010.
463 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783453266315

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