Interkulturalität, Literatur und Deutsch als Fremdsprache

Karl Esselborn hat ein Standardwerk zur interkulturellen Literaturdidaktik verfasst

Von Norbert MecklenburgRSS-Newsfeed neuer Artikel von Norbert Mecklenburg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Konzept der Interkulturalität hat in der Germanistik wie auch in anderen Kulturwissenschaften augenblicklich Hochkonjunktur. Es ist zu einer leitenden und innovativen Forschungskategorie geworden. Vor einem Vierteljahrhundert wurde es entworfen und im Rahmen einer außerordentlich regen Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GiG) bis heute ständig ausgebaut und weiter entwickelt. (Gegen Ende September 2010 zieht ein GiG-Kongress in Göttingen unter dem Titel „Re-Visionen“ Bilanz.) Durch zunächst konkurrierende, dann nach und nach integrierte Konzepte wie Transkulturalität, Transnationalität, Postkolonialität wurde es reicher ausdifferenziert. Es mündete in den großen Strom kulturwissenschaftlicher Entgrenzung der traditionellen Philologien ein, ohne in ihm sich aufzulösen. Heute leitet dieses Konzept an vielen Universitäten Fachabteilungen und Forschungsprojekte, definiert Lehrstühle, konturiert unzählige Buchpublikationen der deutschen und internationalen Germanistik, prägt Fachzeitschriften wie etwa das ältere „Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache“, die ganz neue „Zeitschrift für interkulturelle Germanistik“ oder die polnisch-deutschen „Zblizenia Interkulturowe/Interkulturelle Annäherungen“, gewiss auch die demnächst herauskommende „Zeitschrift für mitteleuropäische Germanistik“. Der Riesenkongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG), der kürzlich in Warschau stattfand, hatte bei aller gewohnten Heterogenität von Sektions- und Referatsthemen ein geheimes Leitthema: Interkulturalität. In gleich mehreren Panels sowie in einer ganzen Supersektion mit einem halben Hundert Referaten stand es explizit im Zentrum.

In dieser Situation sind Publikationen willkommen, die aus gesammelter fachwissenschaftlicher Erfahrung das Feld literarischer Interkulturalität orientierend umreißen, Bilanz ziehen, Erarbeitetes festhalten und neue Aufgaben formulieren. Diese Leistungen erbringt in dankens- und bewundernswerter Weise das Buch „Interkulturelle Literaturvermittlung“ von Karl Esselborn. Er gehört seit langen Jahren zum Team des berühmten ‚Weinrich-Instituts‘ für Deutsch als Fremdsprache in München – wie der Institutsgründer Harald Weinrich, wie Dietrich Krusche, Konrad Ehlich, Irmgard Ackermann und andere. Gemäß dem Profil des Instituts, der Entstehung der Fachrichtung interkulturelle Germanistik (nämlich als Verschmelzung von Komponenten des Faches Deutsch als Fremdsprache mit solchen der germanistischen Sprach- und Literaturwissenschaft) und seinen eigenen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten hat Esselborn eine Summe zur interkulturellen, schwerpunktmäßig: fremdsprachlichen Literaturdidaktik vorgelegt. Sie geht zwar von der Praxis lehrender Literaturvermittlung aus und zielt auf sie zurück, arbeitet dabei aber umsichtig und gewissenhaft alle relevanten literaturwissenschaftlichen Aspekte auf und hält sie präsent.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten, der etwa ein Drittel füllt, werden die hauptsächlichen Problemfelder interkultureller Literaturdidaktik in einer Kombination aus Forschungsberichten und Theoriediskussionen vorgestellt: Zunächst wird die aktuelle Situation des Fachgebietes charakterisiert, zum einen die Auswirkung interkultureller, kulturwissenschaftlich orientierter Germanistik auf die fachdidaktische Diskussion, zum anderen die spezifischen Probleme und Aufgaben einer Literaturdidaktik im Bereich DaF. Darauf aufbauend, werden dann die aktuellen Konzepte interkultureller, transnationaler Germanistik als Kulturwissenschaft in Hinblick auf die Vermittlung deutscher als „fremdkultureller“ Literatur vorgestellt. Die Rolle von Literatur und Literaturvermittlung im umstrittenen DaF-Bereich ‚Landeskunde‘ wird erörtert, mit exemplarischem Blick auf die ‚Wendeliteratur‘ nach dem Ende der deutschen Teilung. Interkulturelle Rezeptionsästhetik und Lesedidaktik werden enggeführt. Das Kanonproblem, also die Aufgabe einer transnationalen und interkulturellen Öffnung des Literaturkanons, wird so behandelt, dass dabei die potentielle Kanonwürdigkeit jener ‚interkulturellen Literatur‘ getestet wird, die man heute meist, in Ermangelung eines besseren Namens, als ‚Migrantenliteratur‘ bezeichnet. Diesen theoretischen Basisteil des Buches abschließend, thematisiert Esselborn, wie sich Erforschung und Vermittlung der philologischen Grunddimension der Literaturgeschichte unter interkultureller Perspektive verändern.

An wenigen Punkten der theoretischen Argumentation mögen sich Zweifel und Kritik einstellen: Im Konzept der ‚kulturräumlichen Fremdheit‘ von Literatur, das für die DaF-Praxis entwickelt wurde und das Esselborn übernimmt, erscheinen, vom heutigen Stand der Theorie gesehen, Kultur, Raum, Fremdheit und Sprache problematisch kontaminiert. Auch die in ähnliche Richtung gehende These ‚kulturspezifischer Leseunterschiede‘ und ‚kulturdifferenter Lektüren‘, die 1992 zur Diskussion gestellt worden war (im Jahrbuch DaF 18) und die Esselborn gleichfalls aufgreift, hält in dieser Form wohl weder theoretischer noch empirischer Prüfung stand. Individuelle oder auch soziale, ‚milieuspezifische‘ Leseunterschiede sind, in Hinblick auf konkrete Lektüre eines bestimmten literarischen Textes, wohl immer größer und greifbarer als – wie immer auch definiert – ‚kulturspezifische‘. (Etwas anderes mag es mit Lesemängeln, -hindernissen und -missverständnissen im Rahmen von fremdsprachlichem Literaturunterricht sein. Aber auch da sollten Defizite an ästhetischer Lesekompetenz nicht zu kulturdifferenten Lektüren geadelt werden.)

Der zweite Teil des Buches breitet, auf der im ersten umrissenen theoretischen Grundlage, auf rund 200 Seiten die Fülle der für die didaktische und methodische Praxis belangvollen Einzelbereiche, Themen- und Problemfelder aus. Dabei stehen aus praktisch nahe liegenden Gründen Gattungen und Medien im Zentrum: von Lyrik und Lied über Prosa und Kurzprosa, Reise- und Jugendliteratur zu Theater, Hörspiel, Hörbuch, Film, Fernsehen und dem Internet. Im Lyrik-Kapitel wird an den markanten Themen Liebe, Natur, Stadt und Gesellschaft die traditionelle Methode einer themenorientierten Literaturvermittlung durch kulturwissenschaftliche und interkulturelle Gesichtspunkte modernisiert. Im Prosa-Kapitel dominieren, didaktisch bedingt, die Formen der Kurzprosa, wobei exemplarisch an der Gattung des Märchens im interdisziplinären Fächer der Zugriffe die kulturgeschichtlich-interkulturelle Komponente herausgehoben wird. Den Abschluss des ganzen Buches bildet ein Kapitel über die neue ‚interkulturelle Literatur‘ in deutscher Sprache, die nicht nur, aber überwiegend im Zeichen der Migration steht. Wie das ganze Buch geht auch dieses Kapitel Schritt für Schritt gut nachvollziehbar von theoretischen Konzepten zu praktisch-didaktischen Vermittlungsproblemen und -aufgaben über. Der Autor hat von Anfang an, im Rahmen des Münchner Instituts zusammen mit Harald Weinrich und Irmgard Ackermann, als Herausgeber wie als Forscher diese Literatur auf ihrem Weg von der ‚Gastarbeiterliteratur‘ zur ‚interkulturellen Literatur‘ begleitet und ist damit der interkulturellen Germanistik, die er gleichfalls mit vielen Studien gefördert hat, lange Zeit ein gutes Stück voraus gewesen.

Das Buch von Karl Esselborn zeichnet sich, neben anderen Vorzügen, durch einen ebenso neugierigen wie illusionslosen Blick auf die noch unabsehbaren kulturellen Umbrüche unserer Gegenwart aus. Ästhetisches Lesen, also die Fähigkeit zu Hingabe an ein sprachliches Kunstwerk, das heißt einen Text, dessen Sinn sich nur über Wahrnehmung seiner Gestaltung erschließt, befindet sich wohl weltweit, im Gefolge von Kulturindustrie und Konsumkapitalismus, im Rückgang. Literarische Überlieferung, Öffentlichkeit und Erfahrung zerfallen zunehmend in heterogene ‚literarische Milieus‘. Anstatt sich verkrampft und erfolglos daran abzuarbeiten, ‚zu retten, was zu retten ist‘, widmet sich Karl Esselborn stoisch und zuversichtlich all dem, was, unter dem Leitkonzept der Interkulturalität, vermittelbar und vermittelnswert sein könnte. Und das ist, nimmt man sein Buch als Maßstab, erstaunlich viel. Ob dieses Konzept auf Dauer, über seine augenblickliche Hochkonjunktur hinaus, seine erschließende Kraft behaupten kann, ist allerdings die Frage. Sind wir wirklich auf dem Weg zu einer – höchst wünschenswerten – ‚transkulturellen literarischen Bildung‘ (Werner Wintersteiner)? Oder schwindet mit der Kompetenz zu ästhetischem längst auch das Interesse an interkulturellem Lesen dahin, stumpft nicht mit Sensibilität für poetische auch die für kulturelle Differenzerfahrung ab?

Titelbild

Karl Esselborn: Interkulturelle Literaturvermittlung zwischen didaktischer Theorie und Praxis.
Iudicium-Verlag, München 2010.
302 Seiten, 33,00 EUR.
ISBN-13: 9783891299562

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