„Grüß Gott. Und Ade“

Über Joachim Zelters satirischen Roman „Der Ministerpräsident“

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach einem Autounfall und zehntägigem Koma erwacht Ministerpräsident Doktor Claus Urspring in der Schwarzwaldklinik Heiligenberg, einem „traumatologischen Schwerpunktkrankenhaus der Maximalversorgung“, mit massiven Erinnerungslücken. Urspring scheint sich zwar an Telefon- und PIN-Nummern, an Geburtstage und Postleitzahlen zu erinnern, nicht jedoch an seine Partei, seine Berater und seine Frau: „Wer sie ist? Woher sie kommt? Seit wann wir verheiratet sind? Warum ich überhaupt verheiratet bin? Der Gedanke war mir fern. Verheiratet zu sein. Eine Frau zu haben. Oder von einer Frau gehabt zu werden.“

Ursprings engste Ratgeber, allen voran Julius März, und ein großer Teil der Partei sind äußerst alarmiert. Schließlich steht ein wichtiger Wahlkampf bevor und der Spitzenkandidat ist gleich mehrfach angeschlagen. Es sind nicht nur seine „Namenslücken, Freundeslücken, Erinnerungslücken, Wortlücken“, die sein Umfeld nervös machen, sondern auch seine körperliche „Versehrtheit“: Der Ministerpräsident hinkt. Ein politisches Handicap, wie März einem Arzt verdeutlicht: „Dass der Spitzenkandidat in einem solchen Wahlkampf immerzu gehen müsse, in aller Öffentlichkeit, auf Volksfesten und Marktplätzen. Dass das nicht irgendein Gehen sei, das man in einem Wahlkampf zu sehen wünsche, sondern (je nach Lage) ein Schreiten oder ein energisches Vorankommen oder ein sportliches Eilen: von Termin zu Termin, Bühne zu Bühne, Hubschrauber zu Dienstwagen, Dienstwagen zu Hubschrauber – dass jede Hinfälligkeit hierbei fatal sei, den Wahlkämpfer auf den ersten Blick desavouiere und entlarve.“

Mindestens genauso fatal – zumindest aus Sicht des Beraters – ist der Verlust des schwäbischen Dialekts, der aus dem Munde Ursprings „liebenswert und warmherzig, beruhigend und beschwichtigend“ klinge. „In aller Bescheidenheit spreche der Dialekt. Von Bierbank zu Bierbank, von Weinkrug zu Weinkrug. Der Dialekt sei Weinberge und Wiesen. Ein Dorffest. Ein redseliges Zusammensein. Von aufrechter Bestimmtheit und liebenswerter Sanftmütigkeit.“

Was also tun, wenn der Ministerpräsident nicht mehr Schwäbisch spricht, zudem hinkt und sich an seine Rolle nur noch rudimentär erinnern kann? Der Berater verfällt unter anderem auf die Idee, für den Sonderparteitag eine Videobotschaft einzuspielen. Schließlich weiß der alte Hase März genau, dass es die Bilder sind, die sprechen. In erster Linie bestimmen sie die Umfragewerte: „Oder, statt eines Grußwortes, ein einzelnes Grußbild: nicht im Krankenhaus, nicht im Pyjama, auch nicht im Bademantel, sondern im Trainingsanzug auf einem Stuhl sitzend. Ein leichtes Winken. Wie zum Gruß.“ Fidel Castro lässt grüßen.

Also muss Tontechnikerin Hannah als geübte „Redenschneiderin“ her und Urspring übt mit ihr einfache Sätze für das PPB, das „political play-back“. Zusammengemischt wird unter anderem ein Radiointerview mit Peter Sloterdijk. Geplant sind auch weitere „Kamingespräche unter Denkern in der Klinik“, etwa „Urspring trifft Kehlmann, Urspring trifft Drewermann…“

Die Situation im Krankenhaus wird immer grotesker. So versteckt März einmal Akten im Bett des Ministerpräsidenten und memoriert mit ihm die Kabinettsmitglieder – „elf Minister in zehn Ministerien“. „Jeder Minister hatte Eigenschaften, die März mir nannte: Finanzminister – bockig; Wirtschaftsminister – willig; Kultusminister – eifrig; Justizminister – rechthaberisch.“

Um das körperliche Manko zu verbergen, kommt Frau Caillieux von der „Wahlkampfzentrale“ auf die Idee, Urspring nicht nur auf die Bühne des Sonderparteitags, sondern ihn künftig auch das letzte Wegestück zu allen öffentlichen Terminen radeln zu lassen, um damit zugleich die neue Botschaft von der Minderung „des CO2-Ausstosses in unserem Land um 20 Prozent“ zu unterstreichen.

Der Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus mag ein Anknüpfungspunkt für den Roman Zelters gewesen sein. Zudem mögen dem Leser Eigenschaften anderer Politiker oder politische Kampagnen (wie „Wir können alles außer Hochdeutsch“) bei der Lektüre des Romans in den Sinn kommen. Die Stoßrichtung des „Ministerpräsidenten“, der es auf die 20 Titel umfassende sogenannte Longlist für den deutschen Buchpreis 2010 geschafft hat, ist eine andere. Zelter, 1962 in Freiburg geboren, geht es mit dem Fall Claus Ursprings nicht um eine wohlfeile Politikerschelte oder um eine billige Politiksatire. Der promovierte Anglist zeigt vielmehr die Inszenierung des Scheins, das Funktionieren und Scheitern von Rollen, die nicht nur für Politiker gelten. Zelter zeigt mit dem kindlich-naiv fragenden Urspring, der am Ende mit der Tontechnikerin Hannah den Ausstieg plant, auf seiner Flucht mit dem Fahrrad jedoch erneut schwer stürzt und wieder in der Klinik landet, während Hannah stirbt, einen um Individualität ringenden Menschen, einen weisen Narr im klassisch-tragikomödischen Sinne. Entstanden ist dabei ein gleichermaßen witzig-komischer wie nachdenklich stimmender Roman.

Titelbild

Joachim Zelter: Der Ministerpräsident. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2010.
190 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783940086839

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